Wirksam im Einsatz

98dmz2Erweitertes Fähigkeitsspektrum: die Fregatten der Klasse 125

Nach fast vierzig Jahren im Dienst sind die verbliebenen fünf deutschen Fregatten der Klasse 122 – der „Bremen“-Klasse – den Anforderungen moderner Seekriegsführung kaum noch gewachsen. Sie sollen allmählich durch vier Neubauten der Klasse 125 abgelöst werden. Erfahrungen aus den aktuellen Einsätzen der Deutschen Marine haben deutlich gemacht: Die Auswirkungen der neuen Anforderungen an Stabilisierungskräfte zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung auf den Gesamtentwurf eines Kriegsschiffs sind so erheblich, daß eine gänzlich neue Fregatte konzipiert werden mußte. Stärkere Bewaffnung, längere Stehzeit im Einsatzgebiet und an Bord eingeschiffte Spezialkräfte sollen auch die Marine in die neue Einsatzrealität führen.

Indienststellung verzögert

Nach heutigem Verständnis sind Fregatten Kriegsschiffe, die in der Lage sind, selbständige Operationen durchzuführen und anderen Einheiten zur See, an Land wie auch in der Luft mit ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten unterstützend beizustehen. Sowohl ihre Feuerkraft als auch ihre technische Ausrüstung erlaubt es den neuen Schiffen der Klasse 125 nun, deutlich länger im Einsatzgebiet zu verbleiben, so daß die Einheiten den Ansprüchen aktueller Missionen genügen können. Gleichzeitig sollen die Werftaufenthalte künftig kürzer ausfallen. Das stärkere Geschütz sowie die Möglichkeit zur Einschiffung von Spezialkräften erweitern den Operationsrahmen auch hinsichtlich landseitiger Unterstützungseinsätze. Die Marine ist angesichts der steigenden Einsatzbelastung und der gleichzeitigen Verringerung der Kapazitäten auf die modernen Schiffe dringend angewiesen.

Eigentlich sollten die Schiffe 2014 denn auch in Dienst gestellt werden. Doch der Termin verschob sich auf 2016 – erneute Verzögerung und Kostensteigerungen nicht ausgeschlossen. Ursache waren Mängel beim Bau des Rumpfes: Ein Flammschutz-Anstrich war im Dock abgeblättert, viele bereits verschweißte Sektionen mußten wieder geöffnet werden. Die Werften von ThyssenKrupp und Lürssen haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um die 650 Millionen Euro teuren Kriegsschiffe wenigstens in den kommenden Jahren an die Truppe ausliefern zu können.

Genau wie ihre Vorgänger haben auch die 125er die klassischen Aufgaben maritimer Großkampfeinheiten zu erfüllen. So zählen neben Seeraumüberwachung und taktischer Feuerunterstützung auch Lagebilderstellung und Geleitschutz zu ihren Aufgaben. Zusätzlich aber können die Schiffe auch Spezialeinheiten wie Kampfschwimmer, Minentaucher oder sogenannte Boarding Teams – infanteristische Gruppen zum Aufbringen und Durchsuchen von fremden Seefahrzeugen – einschiffen. Die Spezialkräfte können sowohl Aufgaben auf See wahrnehmen, als auch von See her Landoperationen unterstützen. Sie werden insbesondere in der Abwehr zunehmender asymmetrischer Bedrohungen und der Bekämpfung der Piraterie eingesetzt werden und gewinnen daher an Bedeutung.

Vor allem die warmen Gewässer des Nahen Ostens und vor der afrikanischen Küste haben den alten Fregatten der Klasse 122 immer wieder zu schaffen gemacht. Die elektrische Energieerzeugung, Frischwassertanks  und -aufbereitungsanlagen sowie die Klimaanlagen sind den erschwerten Klimabedingungen zwar angepaßt worden; ursprünglich zur U-Boot-Abwehr in Nord- und Ostsee konstruiert, gerieten die Systeme angesichts der klimatischen Extrembedingungen aber dennoch oft an ihre Grenzen. Die „Baden-Württemberg“-Klasse ist diesbezüglich besser gewappnet.

Fortschreitende Automatisierung

Die Klasse 125 bietet dank einiger Neuerungen ein erweitertes Fähigkeitsspektrum. Sie ist für eine weitaus längere Stehzeit auf See konzipiert als die 122er, so daß die Schiffe – sofern die Versorgung durch Marinekräfte oder Fremdhäfen sichergestellt ist – bis zu zwei Jahre lang im Einsatzgebiet verbleiben können, ohne eine Werft oder den Heimathafen anlaufen zu müssen. Um die Einsatzbelastung für die Soldaten gering zu halten, sollen die Besatzungen alle vier Monate ausgetauscht werden – das Schiff hingegen verbleibt vor Ort und wird unter neuer Mannschaft weitergeführt. Außerdem soll die Besatzung der bis zu 26 Knoten schnellen Schiffe nur aus rund 150 Soldaten bestehen, womit die bisherige Besatzungsstärke der Fregatten beinahe halbiert worden ist.

Die deutliche Verkleinerung der Besatzung bedingt einen fortschreitend automatisierten und elektronisch gestützten Operationsmodus, jedes Modul ist dafür auch gleich doppelt an Bord vorhanden. Sogar der schiffstechnische Leitstand und die im Einsatz besonders relevanten Betriebsräume wie die Operationszentrale und der Funkraum sind – räumlich getrennt – zweifach vertreten. Die Gefahr eines möglichen Systemausfalls durch elektronische Fehler oder Feindbeschuß ist damit reduziert. Mithin sinkt auch die Gefährdung von Schiff und Besatzung, da die nötigen Tätigkeiten einfach vom jeweils anderen Betriebsraum aus weitergeführt werden können. Das Feuerleitradar und die Navigationsradare sind auf beide Deckaufbauten – die sogenannten Inseln – aufgeteilt. Im Fachjargon bezeichnet man die zweifache Ausführung einsatzrelevanter Baugruppen und Systeme als redundante Ausrüstung.

Die kurzen Wartungsintervalle der bisherigen Schiffsdiesel waren für die neuen Aufgaben der Marine schlichtweg nicht mehr geeignet, so daß eine Forderung an die neue Schiffsklasse eine geringere Wartungsnotwendigkeit war. Dies konnte unter anderem mit der Reduzierung der Zylinder sichergestellt werden. Die kombinierte dieselelektrische Gasturbine der Klasse 125 bringt das Schiff auf etwa 20 Knoten Marschgeschwindigkeit. Wird der mechanische Gasturbinenantrieb auf den zwei Antriebswellen hinzugeschaltet, kann die Höchstfahrt von 26 Knoten erreicht werden. Außerdem sind die 125er mit zwei Bugstrahlrudern und einem vorderen Hilfsmotor – dem sogenannten Take-Home-Antrieb – zur besseren Manövrierfähigkeit ausgestattet. Sie können somit in navigatorisch anspruchsvollen Gewässern genauso wie in Revierfahrt oder bei Anlegemanövern eigenständiger und ohne Schlepperhilfe fahren.

Die notwendige Energieversorgung nicht nur für den Marschbetrieb, sondern auch für die Bordsysteme wird in einem bordeigenen Kraftwerk erzeugt, das sich sowohl durch an den Antriebswellen mitlaufende Dynamos als auch aus vier eigenen Dieselmotoren speist.

Ebenso wie die Einsatzdauer der Schiffe konnte auch die Bordzeit von Spezialkräften inklusive Ausrüstung verlängert werden. Sie können nun nicht mehr nur vorübergehend sondern dauerhaft aufgenommen werden. So sind neben dem Unterkunftsbereich auch ein jeweils eigener Führungs- und Planungsraum vorgesehen. Außerdem gibt es für die Waffen und die Munition der eingeschifften Kräfte separate Stauräume, die in der Marine Lasten genannt werden.

Wie schon die 122er können die 139 Meter langen Fregatten der Klasse 125 zwei Bordhubschrauber mitführen. Auch die beidseitige Ausstattung mit Beibooten wird beibehalten. Im Gegensatz zu Rettungsbooten oder den bisher verwendeten Tendern, die lediglich zur Versorgung und zum Personentransport dienlich waren, werden nun Speedboote (Hochgeschwindigkeitsboote) mitgeführt. Die bis zu einer Stärke von 50 Mann zusätzlich einschiffbaren Spezialeinheiten werden damit fortan vier zehn Meter lange Schnellboote zur Verfügung haben, die mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 40 Knoten – was immerhin etwa 75 Stundenkilometern entspricht – vor allem in der Piratenabwehr und beim Boarding zum Einsatz kommen werden. Die Boote sind an beiden Seiten des Schiffes an Davits – kleinen Kränen an der Bordwand – verbaut.

Die Unterkunftsräume bieten im Notfall auch Platz für evakuierte Zivilpersonen sowie Schiffsbesatzungen und sind ebenso wie die taktisch wichtigen Räume besonders beschußgeschützt. Außerdem verfügen die neuen Fregatten jeweils über ein modern ausgestattetes Schiffslazarett, in dem sogar chirurgische Operationen oder zahnärztliche Behandlungen durchgeführt werden können.

Neuer Auftrag, neue Waffen

Besonderes Augenmerk haben die Entwickler auf die neuen Herausforderungen bei der Abwehr asymmetrischer Bedrohungen und der Bekämpfung von Piraterie gelegt. Asymmetrische Bedrohungen sind geprägt durch ihr unerwartetes Auftreten in sehr geringen Entfernungsbereichen und durch schnelle Bewegungen mit hoher Agilität. Erschwerend hinzu kommen eine extrem schwierige Identifizierung sowie Klassifizierung der Feindkräfte. Die Erfassung dieser neuartigen Bedrohungen wird durch ein Multifunktionsradar mit erweiterter Nahbereichsauflösung, durch Sonar, Unterwasserdrohnen sowie elektro-optische Tracker möglich. Der Nah- und Nächstbereich kann darüber hinaus bis kurz vor die Bordwand mit einem neuen IR-Kamerasystem überwacht werden. Die Einsatzsysteme der neuen Fregatten werden in der Lage sein, innerhalb kürzester Vorwarnzeiten zu reagieren und gegen eine erkannte Bedrohung den sofortigen Waffeneinsatz einzuleiten. Die Bekämpfung asymmetrischer Bedrohungen erfolgt insbesondere mit zahlreichen kleinkalibrigen Geschützen. So verfügen die neuen Schiffe jeweils über zwei 27 mm-Marineleichtgeschütze (MLG), fünf schwere Maschinengewehre im Kaliber 12,7 mm (Heavy Machine Gun, HMG) sowie zwei weitere 12,7 mm-Maschinengewehre, die körpergesteuert werden. Diese Waffen werden so integriert, daß eine selektive und weitestgehend automatische Bekämpfung bis auf wenige Meter vor der Bordwand möglich ist.

Im Internet kursieren seit längerer Zeit Bilder vom Schiffsrumpf einer Fregatte, auf der der Turm einer Panzerhaubitze auf dem Vorschiff – der Back – verbaut ist. Die Bilder werden von aktiven und ehemaligen Soldaten mit einer gewissen Belustigung zur Kenntnis genommen – aber tatsächlich hat es entsprechende Experimente der Wehrtechnischen Institute im Rahmen des MONARC-Projektes gegeben. Dabei sollte ein neues Hauptgeschütz auf einer entsprechend modifizierten Version der Panzerhaubitze 2000 des Heeres basieren. Die Machbarkeit des Vorhabens wurde zwar nachgewiesen, aus verschiedenen Gründen – unter anderem wegen der Kosten – wurde dieser Ansatz 2007 allerdings verworfen. Hauptgeschütz der neuen Klasse 125 wird nun ein 127/64 Lightweight-Schiffsgeschütz des italienischen Herstellers Oto Malera im Kaliber 127 mm. Die Waffe kann mit konventioneller Munition Ziele in bis zu 30 Kilometern Entfernung bekämpfen – reichweitengesteuerte Munition wie beispielsweise die präzisionsgelenkten Vulcano-Geschosse ermöglichen eine Feindbekämpfung aus bis zu 100 Kilometern Entfernung.

Die Nahbereichsgeschütze arbeiten vollautomatisch, wobei neben klassischen Geschossen auch Sprengbrand- sowie panzerbrechende Munition verschossen werden kann. Die Land- und Luftzielbekämpfung erfolgt durch ein Raketen-Abschuß-System, mit dem unter anderem auch die bewährten RAM-Flugkörper verschossen werden können. Zur Unterstützung bei See-Luft-Einsätzen verfügt das Schiff über Täuschkörperabschußanlagen.

Bekämpfung kleiner, beweglicher Ziele

Die bisher auf Lafetten von der Operationszentrale aus geführten fünf 12,7 mm-Maschinengewehre bleiben weiterhin an Bord und werden zusätzlich durch zwei körpergesteuerte Automatikwaffen desselben Kalibers ergänzt. Körpergesteuert bedeutet nichts anderes, als daß die Waffe durch einen Soldaten von Hand bedient wird, so daß auf schnelle Bewegungen kleiner Fahrzeuge umgehend reagiert werden kann. Dies ist vor allem im Einsatz gegen Piraten, aber auch bei sogenannten Boardings und im Rahmen von Geleitzügen von Bedeutung. Auch kleinere Schnellboote oder einzelne an Bord anderer Schiffe befindliche Feindkräfte können so gezielt unter Feuer genommen werden.

Die Erarbeitung mehrerer Eskalationsstufen durch die NATO im Rahmen der „Rules of Engagement“ (Einsatzregeln) sieht bei Anti-Piraterie-Missionen einen „diplomatischen“ Anfang im Umgang mit Seeräubern vor – Begrüßungsfeuer aus allen Rohren soll nicht das Gebot der Stunde sein. Die Bundeswehr orientiert sich im Gegensatz zu einigen anderen Marinen – die bei Piraten in internationalen Gewässern die vollen Möglichkeiten des Seerechts genauso ausnutzen wie ihre geballte Feuerkraft – an diesen Einsatzregeln. Um Piraten zunächst einschüchtern zu können, werden die neuen Schiffe auch mit Wasserkanonen ausgerüstet. Ob sich Seeräuber davon tatsächlich beeindrucken lassen, müssen die kommenden Einsätze erst noch zeigen. Daß der deutsche Umgang mit Piraten nicht immer zum Erfolg führt, zeigt das peinliche Verfahren des sogenannten Hamburger Piratenprozesses, bei dem die von einer deutschen Fregatte festgesetzten Piraten am Horn von Afrika in Deutschland zuallererst einmal Asyl beantragt haben.

Die neuen Fregatten erfordern eine hochspezialisierte Besatzung, um mit der neuen Technik sowie den neuen Einsatzrealitäten und Operationsgebieten fertigzuwerden. Die Anforderungen an Mensch und Material sind hoch. Marinesoldaten befürchten zudem hinsichtlich der künftig wechselnden Besatzungen eine mangelnde Identifikation der Soldaten mit ihrem Schiff – war es bisher doch üblich, daß jedes Wasserfahrzeug von einer festen Stammbesatzung gefahren wurde. Die Soldaten fühlten sich so oft noch Jahre nach ihrer Dienstzeit mit „ihrem“ Schiff verbunden.

Im Dezember des letzten Jahres wurde das erste Schiff der neuen Klasse in Hamburg auf den traditionsreichen Namen „Baden-Württemberg“ getauft. Das neue Schiff gab der Klasse 125 damit auch den Namen „Baden-Württemberg“-Klasse. Im diesjährigen April soll mit der „Nordrhein-Westfalen“ auch die zweite Fregatte der neuen Klasse vom Stapel laufen. Die übrigen beiden sind freilich noch nicht einmal kielgelegt worden.

Nach der endgültigen Fertigstellung der „Baden-Württemberg“ soll 2017 die Indienststellung erfolgen – drei Jahre später als geplant. Die übliche Erprobungsphase durch das Wehrtechnische Institut der Bundeswehr soll 2018 abgeschlossen sein, so daß mit der „Baden-Württemberg“ die erste neue Fregatte im Oktober 2018 an ihre zukünftige Besatzung übergeben werden könnte.

Insgesamt elf Fregatten

Insgesamt wird die Deutsche Marine nach Außerdienststellung der 122er und Indienststellung der neuen Schiffe über elf Fregatten verfügen. Denn neben der neuen Klasse 125 werden auch die sieben Schiffe der „Sachsen“- und der „Brandenburg“-Klasse (Klassen 123 und 124) weiterhin genutzt werden. Bis es soweit ist, sind die Wilhelmshavener Fregattengeschwader auch noch mit den übrigen Schiffen der „Bremen“-Klasse unter anderem am Horn von Afrika im Einsatz. Der Namensgeber der 122er, die „Bremen“, wird aber bereits am 31. März 2014 außer Dienst gestellt.

Alexander Schleyer

Kommentieren