Sturm auf Paris

98dmz1Die Befreiungskriege (1813–1815) beendeten die napoleonische Herrschaft über Europa. Der Sieg der verbündeten Preußen, Österreicher, Russen und Schweden über die Franzosen in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 war der Anfang vom Ende des französischen Jochs. Dennoch dauerte es noch bis zum März 1814, bis die Verbündeten Paris erobern und Napoleon vor 200 Jahren zu seiner ersten Abdankung zwingen konnten.

Teil I

Nach der französischen Niederlage bei Leipzig trat für die Verbündeten der Kampf um die endgültige Vollendung des gerade erzielten Siegs in den Vordergrund. Napoleons Macht war immer noch groß. Dennoch spielten auch die politischen Entwicklungen nach der verheerenden Niederlage Frankreichs in der Völkerschlacht der Koalition ganz von selbst in die Hände. Noch während sich Napoleons fliehende Resttruppen – von Ruhr und Typhus zusätzlich geschwächt – über Erfurt und Fulda dem Rhein entgegenschleppten, fand der Abfall von Napoleons deutschen Satellitenstaaten, die bisher den Rheinbund bildeten, statt: Bayern war bereits vor der Völkerschlacht zur Koalition übergewechselt. Der Austritt Württembergs und Badens aus dem Rheinbund erfolgte nach der Schlacht beinahe zwangsläufig, Hessen-Darmstadt, Nassau und Sachsen-Coburg folgten. Das erst 1807 im Frieden von Tilsit durch Napoleon geschaffene Königreich Westphalen löste sich direkt wieder auf, König Jérôme floh nach Frankreich. Karl Theodor von Dalberg, Fürstprimas des Rheinbunds, rettete sich in die Schweiz. Nach Braunschweig, Hessen-Kassel und auch nach Oldenburg kehrten die von Napoleon vertriebenen Landesherren zurück. Hannover wurde restituiert.

Die gewaltigen politischen Umwälzungen gingen nicht ohne Reibereien vonstatten: Wegen deren Gesinnung schlossen die Verbündeten unter anderem den König von Sachsen und den Großherzog von Frankfurt von ihren Verhandlungen aus. Deren Länder waren ebenso wie Napoleons frühere „Modellstaaten“ – das Königreich Westphalen und das Großherzogtum Berg – als Kompensationsmasse vorgesehen. Im großen und ganzen waren die deutschen Staaten nach wie vor zersplittert. Zwar war man sich zumindest gegen Napoleon bereits einig, aber grundsätzlich mußte die Koordination der zersplitterten Kleinstaaten in Angriff genommen werden, ehe man sinnvoll gemeinsam agieren konnte. Schon unmittelbar nach der Völkerschlacht schlossen die Verbündeten deshalb am 21. Oktober 1813 die Leipziger Konvention, der zufolge es in der Übergangszeit für die Militär- und Ziviladministration in den zurückeroberten deutschen Ländern ein Zentralverwaltungsdepartement unter der Leitung des Freiherrn Karl vom Stein geben sollte.

Währendessen nahm auch der militärische Schlagabtausch mit Frankreich weiter seinen Lauf. Kurz vor seinem Eintreffen in Mainz am 2. November sah sich Napoleon noch einmal zu einer Schlacht auf deutschem Boden genötigt. Diese ereignete sich am 30./31. Oktober, als ihm General Carl Philipp von Wrede, der noch vor nicht allzu langer Zeit auf Napoleons Seite gekämpft hatte, mit seinen nun vereinigten bayerisch-österreichischen Truppen bei Hanau den Rückzug abschneiden wollte. Doch souverän setzte Napoleon sich gegen den – aus seiner Sicht – „Verräter“ durch und räumte sich somit den Rückweg zum Rhein und nach Frankreich frei. Wrede erlitt dabei eine schwere Verwundung. Es lief also keineswegs alles glatt für die Verbündeten, und am rechten Rheinufer machten ihre Heere erst einmal Halt.

Für kurze Zeit sah es so aus, als hätte sich das Blatt für Napoleon noch einmal wenden können. Aus Frankfurt am Main, wo die alliierten Monarchen Einzug gehalten hatten, machte der österreichische Staatskanzler Graf Klemens Wenzel von Metternich – der in seinem Amt de facto Außenminister war – Napoleon eine Friedensofferte. Auch hier ganz Vertreter des „Ancien Régime“ – und nicht der gerade erwachten Volksmassen –, bot der österreichische Staatskanzler den Franzosen am 9. November die „natürlichen Grenzen“ entlang der Alpen, der Pyrenäen und des Rheins als Verhandlungsbasis an. Es war wohl Metternichs Plan, ein immer noch starkes Frankreich als Gegengewicht zu Rußland zu erhalten. Die Preußen hatte er dabei allerdings gar nicht erst gefragt, dort war man mit dem Rhein als Frankreichs Grenze nämlich keineswegs einverstanden. Freiherr vom Stein verfolgte denn auch das Ziel der Rückgewinnung des linken Rheinufers für Deutschland. Auch England erhob sogleich durch seinen Gesandten, Lord George Aberdeen, diverse Bedenken gegen Metternichs Angebot.

Am Ende war Metternichs Vorschlag geeignet, bei Napoleon ernste Zweifel zu erwecken. Denn der exakte Verlauf der „natürlichen Grenzen“ war nicht restlos geklärt. Auch die Grenzen des zwischen England und Frankreich so hart umkämpften Belgien schienen noch höchst unsicher. Zudem wurden Italien und seine Zukunft gar nicht erst erwähnt. Napoleons Mißtrauen war durchaus berechtigt: Großbritanniens Außenminister Castlereagh hatte in einer Instruktion an Lord Aberdeen deutlich betont: „Bedenken Sie, daß Antwerpen den Franzosen zu entreißen, vor allen anderen Punkten für die britischen Interessen am wesentlichsten ist.“

Das Friedensangebot war nicht nur unsicher, sondern es offenbarte Napoleon auch eine gewisse Uneinigkeit der Verbündeten. Napoleon lehnte das Angebot ab, er hatte allerdings auch kaum mehr die Möglichkeiten, die Meinungsverschiedenheiten der Verbündeten gewinnbringend auszunutzen. Bei allen Unsicherheiten, die für ihn und für Frankreich mit Verhandlungen verknüpft waren, war es am Ende doch ein schwerer Fehler Napoleons, daß er auf die Offerte nicht einging. Denn Frankreich wäre gegenüber den Grenzen, über die es vor der Französischen Revolution verfügt hatte, immer noch ein veritabler Machtzuwachs geblieben. Jetzt aber erlaubte es der Korse, ihn als Feind des Friedens hinzustellen und so die Kluft zwischen ihm und dem französischen Volk zu vertiefen.

Genau das war denn auch die Absicht eines Manifests, das die Verbündeten am 1. Dezember an die französische Nation richteten: Darin taten sie kund, daß sie den Krieg nicht gegen Frankreich, sondern nur gegen Napoleon und seine Vorherrschaft in Europa führten. Die Unterscheidung zwischen Frankreich und seinem Herrscher – die hier erstmals in prinzipieller Schärfe getroffen wurde – lebte in den Gedanken vieler Franzosen weiter und sollte dem Korsen noch sehr schaden. Frankreichs Zustand war in moralischer Hinsicht bald noch trostloser als in materieller.

Die stark geschrumpfte Armee war zwar nach Napoleons eigenem Bekunden noch immer dazu bereit, den Feinden gegenüber die Waffenehre zu wahren. Doch die Franzosen waren ungehalten darüber, daß der Kaiser die im Frühjahr 1813 errungenen Siege von Lützen und Bautzen nicht genutzt hatte, um Frieden zu schließen. Die Franzosen waren entsetzt, weil die feindlichen Heere heranrückten. Sie, die einstigen Beherrscher Europas, waren moralisch erschöpft – und das in einem Moment, in dem sie zu ihrer Rettung die ganze patriotische Begeisterung des Aufbruchsjahres 1792 gebraucht hätten.

Zu Napoleons Glück erkannte die Koalition Frankreichs trostlose Lage nicht gänzlich und nutzte die Gunst der Stunde nicht für einen alles entscheidenden, schnellen Vormarsch. Dennoch: Sowohl in Holland als auch in Spanien war Napoleons Sache bereits Ende 1813 verloren. Auch diese beiden Länder hatten sich von der französischen Herrschaft befreit. Doch hiermit nicht genug: Jetzt marschierten auch noch Spanier und Engländer unter dem Herzog von Wellington in Südfrankreich ein. Hingegen kam der Preuße August Neidhardt von Gneisenau nicht mit seinem Plan zum Zuge, schon jetzt den Stoß ins Herz Frankreichs zu führen: Sein Vorhaben, Belgien und Nordfrankreich von Blücher und Bernadotte okkupieren und die Hauptarmee zwischen Mainz, Straßburg und Metz vorrücken zu lassen, fand kein Gehör.

Statt dessen entschied man sich nach zähen Erörterungen Ende November für Österreichs Plan. Die Hauptarmee der Verbündeten sollte demnach durch die Schweiz ziehen und auf das Plateau von Langres hin marschieren. Zugleich hatten Blücher über den Mittelrhein und Teile der Nordarmee unter Bülow über Holland vorzurücken. Tatsächlich vollzog Blücher in der Neujahrsnacht von 1813 auf 1814 bei Kaub, Koblenz und Mannheim unter dem Jubel seiner Soldaten den Übergang über den Rhein und befreite in der Folge die linksrheinischen deutschen Territorien. Über Saar, Mosel und Maas vordringend, setzte sich der „Marschall Vorwärts“ – wie Blücher genannt wurde – an den französischen Flüssen Marne und Aube vorbei. So gelangte er vor den rechten Flügel der Hauptarmee der Alliierten.

Napoleon verfügte nur mehr über etwa 150.000 Soldaten. Die Koalitionstruppen hatten sich hingegen ununterbrochen verstärkt. Die Verbündeten verfügten Anfang 1814 einschließlich ihrer Reserven und der Truppen auf den Nebenkriegsschauplätzen insgesamt über mehr als eine Million Soldaten. Davon kämpfte mehr als ein Drittel an vorderster Front. Napoleon hatte dagegen große Probleme bei der Aushebung neuer Truppen, der Ausbildung und der Ausrüstung. Frankreich war kriegsmüde.

Dr. Mario Kandil

Kommentieren