Vor den Toren Roms

97dmz2Waffen-SS im Abwehrkampf: Die alliierte Landung bei Nettuno


Nachdem Einheiten der 5. US-Armee und der 8. britischen Armee im September 1943 in Süditalien gelandet waren, blieben sie Ende 1943 vor der deutschen Gustav-Linie – etwa 100 Kilometer südlich der italienischen Hauptstadt Rom – liegen. Da ein Durchbruchsversuch im Winter keinen Erfolg versprach, begannen alliierte Planungen, die deutschen Verteidigungsstellungen mittels einer weiteren Landeoperation hinter der Hauptkampflinie von hinten aufzurollen.

Die deutsche Führung war sich dieser Gefahr bewußt und reagierte mit einem umfangreichen Abwehrkonzept. Demnach sollte das Generalkommando I. Fallschirm-Korps im Falle einer Landung im Raum Rom mit der Abwehr beauftragt werden. Diesem Korps sollten hierzu eine Panzer- oder Panzergrenadier-Division, eine Panzeraufklärungs-Abteilung, eine schwere Heeres-Artillerie-Abteilung und zwei Ostbataillone vom Armeeoberkommando (AOK) 10 zugeführt werden. Außerdem sollte das Korps vom AOK 14 die 114. Jäger-Division sowie Teile der 362., 356. und 65. Infanterie-Division erhalten. Vom XI. Flieger-Korps wurde zudem die 4. Fallschirmjäger-Division abgestellt, und auch Teile der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ standen zur Verfügung.

Alliierte Landung bei Nettuno

Tatsächlich erfolgte die alliierte Landung schließlich nur rund 40 Kilometer südlich von Rom bei Anzio und Nettuno. Unter dem Kommando des VI. US-Korps sollten die 1. britische und die 3. US-Infanterie-Division die erste Welle bilden. In den Morgenstunden des 22. Januar 1944 landeten insgesamt 36.000 alliierte Soldaten und 3.200 Fahrzeuge. Da die Nachtaufklärung der deutschen Luftwaffe zu diesem Zeitpunkt ausgefallen war, wurde die deutsche Küstensicherung – die ohnehin nur aus vier nicht sonderlich kampfstarken Bataillonen bestand – vollkommen von der Landung überrascht. Die deutschen Einheiten konnten der Schiffsartillerie und den Luftangriffen nichts entgegensetzen, und so gelang es der 1. britischen Infanterie-Division rasch, drei Kilometer tief ins Landesinnere vorzudringen. Die 3. US-Infanterie-Division konnte sogar einen etwa fünf Kilometer tiefen Landstreifen besetzen. Die Orte Nettuno und Anzio wurden hierbei von den Alliierten erobert.

Der deutsche Oberbefehlshaber Südwest, Generalfeldmarschall Albert Kesselring, reagierte sofort und befahl, unverzüglich alle verfügbaren deutschen Truppen in den Landungsraum zu verlegen. Aufgrund der Überraschung der Deutschen waren die Gegenmaßnahmen zunächst nur improvisiert, obwohl ja bereits vorher ein Konzept für den Fall einer zweiten Landung erstellt worden war. Zügig wurden unter anderem Teile der 3. Panzergrenadier-Division, der Division „Hermann Göring“, der 1. und 4. Fallschirmjäger-Division sowie der 71., 65. und 356. Infanterie-Division in Marsch gesetzt. Die Verlegung in den neuen Einsatzraum wurde jedoch durch die Witterungsverhältnisse – zum Teil herrschte Glatteis – und stete anglo-amerikanische Luftangriffe stark behindert. Aus Teilen der noch in der Aufstellung befindlichen 16. SS-Panzer-Grenadier-Division „Reichsführer-SS“ wurde eine regimentsstarke Kampfgruppe gebildet, die sich vor allem aus Kräften der bisherigen, im Raum Livorno liegenden, Sturmbrigade „Reichsführer-SS“ zusammensetzte. Die Kampfgruppe bestand aus dem II. Bataillon/SS-Panzer-Grenadier-Regiment 35 sowie dem II. Bataillon/SS-Panzer-Grenadier-Regiment 36 und wurde unter dem Kommando von SS-Sturmbannführer Knöchlein – dem Kommandeur des SS-Panzer-Grenadier-Regiments 36 – in den Landungsraum kommandiert. Mit einer Gesamtstärke von 1.725 Soldaten setzte sich die Kampfgruppe in den Raum südwestlich von Cisterna in Marsch. Da der Gegner das Überraschungsmoment nicht ausnutzte, sondern sich erst im Brückenkopf sammelte, gelang es den deutschen Kräften ab 23. Januar 1944 eine Abwehrfront zu bilden.

Gegenangriff auf den Brückenkopf

Am 25. Januar 1944 übernahm die deutsche 14. Armee unter Generaloberst von Mackensen die Verteidigung des Abschnitts Anzio – Nettuno vom Generalkommando I. Fallschirm-Korps. Da die britischen und amerikanischen Verbände überraschenderweise nicht weiter offensiv wurden, plante der Oberbefehlshaber Südwest nach erfolgter Versammlung der Verstärkungen ab 1. Februar 1944 einen Gegenangriff auf den feindlichen Brückenkopf. Diesem kam jedoch im letzten Moment doch noch eine Offensive der Alliierten zuvor: Die auf mittlerweile insgesamt fünf Divisionen – drei britische und zwei amerikanische – angewachsenen alliierten Truppen in diesem Raum versuchten, den Brückenkopf zu erweitern. In schweren Kämpfen gelang es den deutschen Verbänden jedoch, die Front um den Brückenkopf weitgehend zu halten.

Als die Gefechte am 5. Februar 1944 abflauten, wurden die deutschen Vorbereitungen für einen Angriff auf den Brückenkopf fortgesetzt. Insgesamt sollten dafür 66 Bataillone und 270 Panzer eingesetzt werden, denen 46 feindliche Bataillone und etwa 350 Feindpanzer gegenüberstanden. Der dann am 16. Februar 1944 beginnende deutsche Angriff auf den Brückenkopf brachte allerdings in vier Kampftagen keinen Erfolg – aufgrund des heftigen Widerstandes, der alliierten Luftüberlegenheit und des heftigen Gegenfeuers durch die feindliche Schiffsartillerie war der Brückenkopf nicht ohne weiteres zu tilgen. Der erste Angriff wurde daher am 20. Februar 1944 eingestellt, die Truppen wurden allerdings umgehend für einen zweiten Angriff ab dem 29. Februar 1944 umgegliedert. Jedoch mußte auch diese zweite Operation nach zwei Tagen erfolglos eingestellt werden.

Da die deutschen Kräfte nicht ausreichten, um den Brückenkopf zu zerschlagen, begann man im März 1944 zu örtlichen Angriffen überzugehen, so daß zumindest die Initiative nicht aus der Hand gegeben wurde. Eine dritte Offensive, die zunächst angedacht war, wurde letztlich nicht mehr durchgeführt, da die Voraussetzungen für einen Erfolg nicht mehr gegeben waren. Die anglo-amerikanischen Truppen wurden über See jeden Tag verstärkt und hatten ihre eigenen Stellungen bereits hervorragend ausgebaut. Dazu sorgte das regnerische Frühlingswetter für aufgeweichte Wege und Felder und erschwerte damit einen Einsatz gepanzerter Kräfte. Der Schiffsartillerie und Luftwaffe des Gegners war ebenfalls kaum beizukommen.

Großoffensive der Alliierten

Am 20. März 1944 wurde die SS-Kampfgruppe „Knöchlein“ durch ein Bataillon italienischer SS-Freiwilliger verstärkt. Schon im Februar hatte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler die Zusammenfassung verschiedener italienischer Miliz-Einheiten zu einer SS-Sturmbrigade befohlen. Da Himmler allerdings zunächst noch auf die Bezeichnung „SS-“ bei den italienischen Einheiten verzichten wollte, wurde die Einheit zunächst als Italienische Freiwilligen-Sturmbrigade benannt. Noch während der Aufstellungsphase wurde das I. Bataillon/Italienische Freiwilligen-Sturmbrigade im März 1944 in einer Stärke von insgesamt 640 Soldaten für den Einsatz am alliierten Brückenkopf Nettuno freigegeben. Hauptsächlich mit italienischen Waffen ausgestattet, erreichte das verstärkte Bataillon Latisana und wurde in die Hauptkampflinie eingereiht.

Die Tage im März und April 1944 vergingen ohne schwere Kampfhandlungen um den Brückenkopf Nettuno. In dieser ruhigen Zeit wurde die SS-Kampfgruppe „Knöchlein“ am 18. April 1944 aus ihren Stellungen herausgezogen, übergab diese an das Grenadier-Regiment 1028 (mot.) und verlegte wieder zur 16. SS-Panzer-Grenadier-Division „Reichsführer-SS“ nach Ungarn. Die italienischen SS-Freiwilligen traten daraufhin unter das Kommando der 715. Infanterie-Division und erhielten Ende des Monats noch durch das auf dem SS-Truppenübungsplatz „Heidelager“ formierte italienische Bataillon „Debica“ Verstärkung.

Am 12. Mai 1944 traten die Alliierten in Italien zu einer neuen Großoffensive an. Hierbei konnte das von Osten vorstoßende II. US-Korps am 25. Mai 1944 die Verbindung zu den Truppen im Brückenkopf von Nettuno herstellen. Damit war die Verbindung zu den bislang abgeschlossenen alliierten Verbänden hergestellt. Tatsächlich hatte die Landung bei Anzio – Nettuno für die Alliierten keinen wesentlichen Nutzen gebracht, die Möglichtkeit, die deutsche Front rückwärts aufzurollen, wurde nicht genutzt. Einige deutsche Verbände konnten aber gebunden werden, die damit den Verteidigern an der weiteren italienischen Front fehlten.

Der Kommandeur der deutschen 715. Infanterie-Division, Generalmajor Hildebrandt, verfaßte am 31. Mai 1944 einen Bericht über die seit 18. April 1944 unter seinem Kommando stehenden Italiener. Der Bericht enthält einen brisanten Absatz über ein Kriegsverbrechen der Amerikaner, erwähnt allerdings auch das unerlaubte Verlassen der Stellungen durch die Italiener: „Nach eingehender Aussprache mit Oberst Mangold, der die notwendigen Feststellungen durchführte, melde ich:

1.) Bei dem Überraschungsangriff mit Nebelvorbereitung am 20. Mai 1944 sind Italiener, etwa 15 Mann, mit erhobenen Händen auf die Amerikaner zugegangen. Diese Italiener wurden von den Amerikanern niedergeschossen.

2.) Bei dem Großangriff am 23. Mai 1944 nach starker Artillerievorbereitung mit Panzern brach die 2. und 3. SS-Italia zusammen und flutete zurück. Teile wurden beim Abteilungsgefechtsstand der Artillerie und dem Regimentsgefechtsstand aufgehalten.

3.) Es ist wahrscheinlich, daß deutsche Soldaten auf zurückgehende Italiener geschossen haben. Der einwandfreie Nachweis läßt sich nicht mehr führen, da Leutnant Burghardt, der an dieser Stelle führte, gefallen ist und die gesamten Akten, Fernsprechbücher usw. von den Stäben vernichtet wurden.

4.) Gut geschlagen haben sich von der SS-Italia Oberfeldwebel Cavic, Leutnant Gulli (hat EK 2), beide fielen, ferner Hauptmann Fischotti mit einigen Männern. Oberstleutnant Degli Oddi war die ganze Zeit bei Hauptmann Tornow (Bataillonskommandeur). Seine Haltung war gut.“

Rückzug in die Gotenstellung

Während die deutschen Truppen weiterhin versuchten, den alliierten Vorstoß aufzuhalten, wurden die beiden italienischen (SS-)Bataillone aus dem Einsatz gezogen. Sie erreichten am 25. Juni 1944 das zirka 30 Kilometer südwestlich von Turin gelegene Pinerolo. Dort bildete das bisherige I. Bataillon/Italienische Freiwilligen-Sturmbrigade nun das II. Bataillon/Infanterie-Regiment 1, und das Bataillon „Debica“ wurde als Füsilier-Bataillon in die bereits in Aufstellung befindliche Waffen-Grenadier-Brigade der SS (italienische Nr. 1) eingegliedert.

An der Front vor Rom zogen sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1944 die noch in der Caesar-Linie stehenden deutschen Verbände hinter die Stadt zurück. Am 4. Juni 1944 marschierten die 1. US-Panzer- und die 36. US-Infanterie-Division in das zur offenen Stadt erklärte Rom ein. Der Vormarsch der alliierten Armeen konnte schließlich im Juli 1944 an der Arno-Linie bzw. an der Gotenstellung erneut vorübergehend zum Stehen gebracht werden.

Rolf Michaelis

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