Rufzeichen „Delta“

97dmz1Polizeielite: Die norwegischen Beredskapstroppen


Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ließ am 22. Juli 2011 eine Autobombe in Oslo, der Hauptstadt Norwegens, explodieren und tötete wenig später 63 Menschen auf der kleinen Insel Utøya. Die Opfer waren zumeist Jugendliche. Als seiner schrecklichen Tat schließlich ein Ende gemacht wurde, waren es Polizisten der Spezialeinheit Beredskapstroppen (dt. etwa Notfall-Einheit), die ihn festnahmen. Gleichzeitig waren Kräfte der Einheit an der Absicherung Oslos nach der Explosion der Autobombe beteiligt. Die Einheit, die auf den Rufnamen „Delta“ hört, ist für die Terrorismus-bekämpfung in ganz Norwegen zuständig – einschließlich der Bohrinseln vor der Küste.

Terrorismus und Geiselnahmen

Die in Oslo stationierten „Deltas“ rekrutieren sich ausschließlich aus den Reihen der norwegischen Polizei. Sie sind vergleichbar mit der GSG9 der deutschen Bundespolizei. Zu ihren Aufgaben zählen neben der Terrorismusbekämpfung auch Geiselbefreiungen und hochriskante Festnahmen. Dabei kann die Einheit zu Lande, zu Wasser und aus der Luft zum Einsatz kommen.

Die Beredskapstroppen wurden am 11. Januar 1976 für einsatzbereit erklärt. Die Aufstellung der Truppe war bereits ein Jahr zuvor erfolgt, wobei die Deltas die Østlandstroppen ersetzten. Während ursprünglich geplant war, die Einheit dezentral auf verschiedene Dienststellen überall in Norwegen zu verteilen, wurde am Ende doch die gesamte Truppe in Oslo stationiert. Ausschlaggebend für die Aufstellung der Beredskapstroppen waren die stetig ansteigende Kriminalität in Norwegen und im Ausland sowie vermehrte Terrorakte wie die Geiselnahme von München bei den Olympischen Sommerspielen 1972.

Wer der nur 71 Mann starken Spezialeinheit angehören möchte, muß zumindest bereits Polizist in Norwegen sein. Bewerber werden psychisch und physisch sorgfältig geprüft und ausgewählt. Allein die physischen Tests haben es in sich: 3.000 Meter müssen in 12,5 Minuten gelaufen werden, 50 Situps und zehn Klimmzüge dürfen kein Problem sein, ebensowenig wie 400 Meter Schwimmen und vier Meter Tieftauchen. Wer fit genug ist, wird immerhin zur Grundausbildung zugelassen – vorausgesetzt, er besteht auch die anderen Tests wie psychologische Auswahlgespräche und Sicherheitsüberprüfung. Die Grundausbildung besteht aus einem mehrwöchigen Kursverfahren. Dazu zählen ein eine Woche dauernder Einführungskurs sowie ein sechswöchiger Kurs in Terrorismusbekämpfung. Wer bestanden hat, ist aber keineswegs gleich vollwertiger Angehöriger der Deltas. Zunächst müssen die Neuen sich ein Jahr lang in der Truppe bewähren – erst dann sind sie voll dabei. Während dieses Jahres stehen neben ersten Einsätzen und regulärem Polizeivollzugsdienst in Oslo immer auch umfangreiche Ausbildungen auf dem Programm. Auch später investieren die Elitepolizisten viel Zeit in Ausbildung. Die Einheit trainiert insbesondere immer wieder den Häuserkampf auf engstem Raum, das sogenannte Close Quarters Battle. Dazu nutzen die Beredskapstroppen Einrichtungen der norwegischen Militärbasis Rena, wo sich eigens zu Ausbildungszwecken ein nachgebautes Dörfchen befindet. In diesen Häuserzeilen trainieren auch Spezialeinheiten der norwegischen Streitkräfte.

Keine schießwütigen Rambos

Der „Öffentlichkeit dienen, wenn sie es am meisten braucht“, heißt es im Motto der Einheit. Die Beredskapstroppen sollen dabei Kriminelle oder Terroristen in erster Linie verhaften – nicht töten. Die Männer müssen also konzentriert, diszipliniert und verantwortungsvoll agieren – schießwütige Rambos sind fehl am Platz. Nicht zuletzt sind aber auch hervorragende Ausbildung und hochmoderne Ausrüstung ausschlaggebend für den Erfolg der Deltas. Daher stehen der Einheit umfangreiche moderne Waffen und Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung.

Die Angehörigen der Beredskapstroppen werden an verschiedenen Waffen ausgebildet. Das Waffenarsenal ist umfangreich, so daß die Männer sich für jeden Einsatz zweckmäßig bewaffnen können. Als Standardwaffen dienen den Deltas modifizierte Maschinenpistolen HK MP5 aus der deutschen Waffenschmiede Heckler & Koch. Die MP5 ist keine speziell für die Spezialeinheit beschaffte Waffe, sondern gehört wie die ebenfalls von Heckler & Koch stammende Selbstladepistole P30L zur Bewaffnung der regulären Polizeikräfte in Norwegen. Die Deltas nutzen darüber hinaus die österreichische Selbstladepistole Glock P-80. Müssen schwerere Kaliber aufgefahren werden, kann eine italienische halbautomatische Benelli-Schrotflinte M3T Super 90 zum Einsatz kommen – oder ein kanadisches C8-Sturmgewehr. Die Scharfschützen der Beredskapstroppen nutzen in der Regel das Präzisionsgewehr SSD 3000 des Schweizer Herstellers SIG-Sauer. Den Polizisten stehen darüber hinaus nonletale Wirkmittel wie der ARWEN 37 zur Verfügung, der Gummi- oder Holzgeschosse verschießt.

Wie bei allen Polizeikräften spielt nicht nur die Wirkung, sondern auch der Schutz der Beamten eine große Rolle. Die Deltas verfügen daher über moderne Schutzausrüstung. Dazu zählen beispielsweise spezielle Helmvisiere, die sogar einem Beschuß mit Projektilen im Kaliber 9 mm standhalten können. Derartige Visiere werden auch von anderen Spezialeinheiten wie beispielsweise der französischen GIGN verwendet. Die schwarzen Overalls der Beredskapstroppen, die sich von den „gewöhnlichen“ norwegischen Polizeiuniformen schon optisch unterscheiden, können aber nicht nur durch gewöhnliche Schutzkleidung sondern auch durch ABC-Schutzanzüge und -Schutzmasken ergänzt werden. Die ABC-Schutzausrüstung umfaßt zudem auch hochmoderne Meßtechnik, die verschiedene Arten chemischer Gase identifizieren kann und damit die entsprechende Anpassung des Schutzes individuell ermöglicht.

Taucher der Einheit sind mit sogenannten Rebreathern ausgestattet. Dabei handelt es sich um geschlossene Sauerstoffsysteme, mit denen der Taucher lange Zeit unter Wasser bleiben kann. Die Systeme recyceln die ausgeatmete Luft. Damit wird nicht nur die Tauchdauer verlängert, sondern auch die Tarnung des Tauchers erheblich verbessert: Denn offene Systeme entlassen die ausgeatmete Luft, so daß diese in Form von Blasen an die Oberfläche steigt – und im Zweifelsfall zur Entdeckung des Tauchers führen kann.

Spektakuläre Einsätze

Als Einsatzwagen dienen den Deltas – stilecht wie im Film – gekennzeichnete Nobelfahrzeuge von Mercedes-Benz und BMW. Hinzu kommen gekennzeichnete und ungekennzeichnete Fahrzeuge vom Typ Chevrolet Suburban.

Zur Anlandung aus der Luft nutzt die Spezialeinheit Helikopter des Typs Bell 412 SP der norwegischen Streitkräfte. Für den Einsatz auf dem Wasser bzw. den Transport zum Einsatzort über Wasser stehen dagegen zwei Festrumpfschlauchboote zur Verfügung. Die jeweils drei Motoren der Boote erreichen eine Gesamtleistung von 675 PS, mit vollen Treibstofftanks können die Beredskapstroppen damit von Oslo bis nach Bergen fahren. Daß trotzdem nicht immer alles glatt geht, zeigte sich beim Attentat des Anders Behring Breivik: Weil kein Boot verfügbar war, hatten die Deltas Schwierigkeiten, überhaupt auf die Insel Utøya zu gelangen – möglicherweise hätte der Massenmörder sonst eher gestoppt werden können.

Der Einsatz im Rahmen des Breivik-Attentats war allerdings bei weitem nicht die einzige spektakuläre Mission der Deltas. Nach eigenen Angaben führt die Truppe durchschnittlich eine bewaffnete Operation pro Tag durch. Im Jahr 2004 gab es sogar 422 bewaffnete Einsätze – eine beachtliche Leistung angesichts der geringen Größe der Truppe. Und: Die Deltas mußten 2004 trotz der vielen Einsätze nur zweimal von der Schußwaffe Gebrauch machen, was ihren hohen Grad an Professionalität bezeugt.

Der erste wirklich dramatische und mithin bekanntgewordene Einsatz der Beredskapstroppen fand am 29. September 1994 statt. Auf dem Flughafen Torp hatte sich eine Geiselnahme ereignet, ein älteres Paar und zwei Polizisten befanden sich in der Hand der Verbrecher. Nach zwei Tagen konnten die Deltas die Situation klären – einer der Geiselnehmer wurde dabei getötet.

Daß die Beredskapstroppen auch international für ihre Fähigkeiten geschätzt werden, zeigte schon 1999 die Einbindung der Einheit in das multinationale Team 6. Team 6 wird im Rahmen der UNMIK-Mission im Kosovo – das bis heute als Sumpf der organisierten Kriminalität bis hoch in die Regierungsebene gilt – zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt. Die Hauptaufgabe des Teams besteht jedoch in der Verhaftung mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Allerdings: Auch an mehreren Team-6-Rettungsaktionen waren Deltas beteiligt. Ein Angehöriger der Truppe berichtete, daß das Team einmal bis zu 60 Personen – allesamt UN-Personal – vor aufgebrachten Albanern evakuieren mußte, die mit Granaten und Feuerwaffen zum Angriff angetreten waren. Mehrfach waren Beamte der Beredskapstroppen sogar mit der Führung des multinationalen Teams betraut.

Bekämpfung organisierter Kriminalität

Seit 2006 legt die Spezialeinheit einen großen Fokus auf die Bekämpfung der Bandenkriminalität in Norwegen, vornehmlich in der Hauptstadt Oslo. Dabei werden immer wieder zahlreiche Kriminelle verhaftet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Beschlagnahmung illegaler Waffen, wobei nicht selten sogar Sturmgewehre in den Händen der Verbrecher auftauchen. Die Beredskapstroppen wird das freilich nicht aufhalten.

Karsten Herold

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