Auf heimlicher Fahrt

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Auftrag Aufklärung: Die Flottendienstboote der Deutschen Marine


Unter höchster Geheimhaltung operieren die Flottendienstboote der Deutschen Marine auf dem schmalen Grat zwischen militärischer und nachrichtendienstlicher Aufklärung. Auch ohne Bundestagsmandat kreuzen sie immer wieder vor Krisengebieten genauso wie in der Ostsee. Wenn sie gerade einmal nicht im Einsatz sind, liegen die kleinen, aber mit modernster Technik bestückten Boote hermetisch gesichert im Eckernförder U-Boothafen – in ständiger Bereitschaft.

Eine Nacht wie jede andere

Beide Maschinen laufen auf kleiner Fahrt. Es ist Nacht geworden im östlichen Mittelmeer vor der libanesisch-israelischen Grenze. Die aufgezogene Seewache steuert das Schiff mit südöstlichem Kurs langsam die Küste entlang. In gut zwanzig Meilen Entfernung spiegeln sich die Lichter der Städte verschwommen auf der glatten See – eine Nacht, wie sie die Männer und Frauen auf dem Flottendienstboot seit Monaten routiniert erleben. Beide Brückennocken sind mit Ausguckposten besetzt. Ihre Hände sind tief in den Taschen des Feldparkas vergraben, die Gluthitze am Tag weicht in der Nacht einer schneidenden Kälte. Ab und an öffnet von innen einer das schwere Brückenschott und kommt heraus, um an Deck eine Zigarette zu rauchen. Hinter der Brücke rauscht die Klimaanlage im Funkraum. Die mannshohe Wand aus Technik, die beinahe alle Möglichkeiten moderner Kommunikation bietet, muß ständig gekühlt werden, gerade in Klimazonen wie dieser. Wettermeldungen, routinemäßiger Positionsreport – auch für den wachhabenden Funker verläuft die Nacht ruhig. Tief im Inneren des Schiffes schläft der Rest der Besatzung in geräumigen Kabinen, während auf der Brücke über einen seltsamen Radarkontakt auf Backbordseite gerätselt wird.

Jedes moderne Schiff, von der Segelyacht bis zum Öltanker, verfügt über das sogenannte Automatic Identification System (AIS, Automatisches Identifikationssystem), das sämtliche verfügbaren Daten über ein Wasserfahrzeug für andere sofort sichtbar macht. So zeigt das System nicht nur Name und Kurs des Schiffes an, sondern ebenso Länge, Breite, Tiefgang und den letzten angelaufenen Hafen sowie die Zieldestination und die voraussichtliche Ankunft. Doch der schwarze Schatten auf dem Radar des Flottendienstbootes gibt keine Informationen von sich preis und bleibt weiterhin ein „Unknown Vessel“, ein unbekanntes Wasserfahrzeug. Der diensthabende Sonar-Gast, wie die am Sonar eingesetzten Mannschaftsdienstgrade zur See genannt werden, meldet auf Anfrage der Brücke ein offenbar schlankes Wasserfahrzeug mit geringem Tiefgang, das sich mit hoher Geschwindigkeit nähert. Sonar (Sound Navigation and Ranging, dt.: Geräuschnavigation und -entfernungsbestimmung) ist ein Verfahren zur Ortung von Gegenständen unter Wasser mittels ausgesandter Schallimpulse. Das ausgestrahlte Signal wird von einem georteten Gegenstand zurückgeworfen und per Computerberechnung visualisiert. Der „Soni“ gewinnt damit ein übersichtliches Lagebild über alle Fahrzeuge im Wasser. Geübte Soldaten können sogar allein anhand des Schraubengeräusches der Antriebswelle Kurs, Größe, Geschwindigkeit und manchmal sogar die Anzahl der Schraubenblätter erkennen.

Es wird still auf der Brücke. Über Sprechfunk wird das deutsche Aufklärungsschiff dann plötzlich gerufen: „This is Israelian warship. German Navy, go away.“ („Hier spricht ein israelisches Kriegsschiff. Hau ab, Deutsche Marine!“) Der Funkkontakt bricht genauso abrupt wieder ab, wie er begonnen hatte.

Alle auf Gefechtsstation

Von einem auf den anderen Augenblick wird die Nacht gleißend hell, eine israelische Korvette richtet ihre Suchscheinwerfer auf das deutsche Boot. Der wachhabende Offizier verständigt umgehend den Kommandanten. Das penetrante Brüllen der Alarmanlage reißt die schlafende Besatzung aus ihren Kojen, binnen weniger Minuten ist jeder Soldat auf seiner Gefechtsstation. Dieses Mal ist es keine Übung. Der Kommandant befiehlt, das Schiff zu wenden und läßt es mit beiden Maschinen auf voller Fahrt westwärts laufen. Der Puls beruhigt sich mit wachsender Entfernung zu den Israelis – ältere Besatzungsmitglieder erinnern sich an einen ähnlichen Vorfall, als israelische F16-Kampfflugzeuge mehrere Feuerstöße aus ihren Bordkanonen nur wenige Meter vor den Bug des Bootes geschossen haben und im Tiefflug über die Deutschen hinweggedonnert sein sollen. Beide Male befand sich das Boot in internationalen Gewässern und operierte im Rahmen eines NATO-Einsatzverbands im Nahen Osten. Beide Male schwiegen die Medien. Eine tatsächliche Feindschaft der Israelis liegt hier sicher nicht vor. Was für Außenstehende daher bleibt, ist die Frage, warum eine der modernsten Streitkräfte der Welt so sehr bestrebt ist, sich und ihrem Land ein fast dreißig Jahre altes und kaum bewaffnetes Schiff vom Leib zu halten.

Diese Frage ist schnell geklärt: Die Flottendienstboote dienen in erster Linie der Nachrichtengewinnung und Aufklärung – Fähigkeiten, denen die im militärischen Bereich in aller Regel wenig auskunftsfreudigen Israelis mißtrauen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verlor der ursprüngliche Operationsraum der Boote – die Ostsee – an Bedeutung, und die Einheiten werden seitdem weltweit als Aufklärer eingesetzt. Insbesondere im Rahmen der UNIFIL-Mission vor der libanesischen Küste ist stets eines der drei Boote in Stellung, aber auch der schwelende Konflikt in Georgien sowie der derzeitige Bürgerkrieg in Syrien werden beobachtet.

Während des Kalten Krieges bestand die Aufgabe der damals wie heute drei Flottendienstboote „Alster“, „Oker“ und „Oste“ – Klasse 422 – noch in der optischen und elektronischen Aufklärung der Einheiten des Warschauer Pakts im Ostseeraum. Neben dem Funkverkehr überwachten sie die elektromagnetische Signatur der Navigations- und Feuerleitradargeräte. Außerdem versuchten sie, Detailaufnahmen von Waffensystemen und Antennen zu gewinnen. Dafür mußten sie relativ nah an die aufzuklärenden Einheiten heranfahren und wären im Notfall nicht in der Lage gewesen, sich mit ihrer geringen Höchstgeschwindigkeit von 15 Knoten den sowjetischen Zerstörern und Fregatten zu entziehen. Die erste Klasse der Flottendienstboote, die damals noch Meßboote genannt wurden, bestand gar aus umgerüsteten Fischtrawlern.

Ende der 80er Jahre ließ die Marine eine zweite, auf ihre Aufgaben spezialisierte Generation der „Oste“-Klasse (Klasse 423) in Dienst stellen. Drei Schiffe sind beschafft worden und erfüllen bis heute ihre Aufgaben vor allem im Bereich der strategischen Informationsgewinnung – den Namen ihrer Vorgänger sind sie treugeblieben: „Oste“ (II), „Oker“ (II) und „Alster“ (II). Die 84 Meter langen Boote sind zwar weiterhin nach Handelsschiffstandard gebaut, erreichen aber eine deutlich höhere Geschwindigkeit und sind zur Selbstverteidigung mit Maschinengewehren und 12,7 mm-Lafetten ausgerüstet.

Alle Facetten der Fernmeldeaufklärung

Neben den nautischen Systemen zur seemännischen Führung des Schiffes verfügt die „Oste“-Klasse über zwei Radaranlagen, ein hochmodernes Sonargerät, das in einer Kuppel unterhalb des Bugs untergebracht ist, sowie über zahlreiche Möglichkeiten zur optischen, akustischen und elektronischen Verarbeitung von Signalen auf und unter Wasser sowie in der Luft und auch an Land. Die Stammbesatzung von 36 Soldaten ist dabei für Navigation und Betrieb des Schiffes zuständig, während bis zu 40 Spezialisten aller Teilstreitkräfte als sogenanntes Bordeinsatzteam (BET) zusätzlich eingeschifft werden können. Während die Flottendienstboote selbst inzwischen dem 1. Ubootgeschwader in Eckernförde unterstehen, wird das BET vom Bataillon Elektronische Kampfführung 912 in Nienburg/Weser geführt. Eine Besonderheit ist, daß die Flottendienstboote teilstreitkräftegemeinsam – also von allen Teilstreitkräften der Bundeswehr – als seegestützte technische Aufklärer genutzt werden.

Vom BET werden beinahe alle Facetten der Fernmeldeaufklärung abgedeckt: Von Radarspezialisten über Experten für elektromagnetische Aufklärung und Strahlungsmessung finden sich auch Sonar-Experten sowie Muttersprachler, die den Funkverkehr abhören, übersetzen und auswerten können. Was mit den mehrfach verschlüsselten Ergebnissen einer Aufklärung passiert, und wofür sie genutzt werden, bleibt dabei auch den Soldaten an Bord verborgen. Neben der Seefahrt gehört zum Alltag der „FD-Boot-Fahrer“, wie die Soldaten in der Marine genannt werden, eben auch ein Hauch von James Bond. Die Soldaten auf den Flottendienstbooten sind zwar über ihre Aufträge, oft aber nicht über deren Hintergründe sowie die Arbeit der Spezialisten an Bord informiert. Auch die Ungewißheit über die eigene Mission ist daher stets ein Begleiter.

Die Flottendienstboote der Deutschen Marine gelten bei der Bundeswehr als Hilfsschiffe und werden international als Hilfsschiffe klassifiziert – genauso wie Lazarettschiffe, Tanker oder Munitionstransporter. Sie sind mit unzähligen Sensoren ausgestattet, deren Ergebnisse bei der Nachrichtengewinnung und Aufklärung in einem Meßraum zusammenfließen, ausgewertet und direkt an das Kommando Strategische Aufklärung übermittelt werden.

Aufgrund ihrer Funktion als Aufklärer operieren die Boote meist allein und sind für eine besonders lange Stehzeit auf See ausgelegt. Ihre Innenausstattung erinnert aus diesem Grund eher an einen modernen Frachter als an ein Kriegsschiff. So finden sich an Bord vier holzgetäfelte Messen – wie man die Aufenthaltsräume bei der Marine nennt –, so daß jede Dienstgradgruppe ihren eigenen Rückzugsraum unterhalten kann. Von Polsterbänken bis zu allerlei denkbarer moderner Unterhaltungselektronik soll der Besatzung das Leben an Bord möglichst angenehm gestaltet werden. Waren die Fregatten und Zerstörer noch für ihre Zwölf-Mann-Decks berüchtigt, teilen sich auf den Flottendienstbooten maximal vier Soldaten eine Kabine. Ein Sportraum und die bordeigene Sauna brachten den Booten marineintern den Spitznamen „Aida“ ein – angelehnt an die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe.

Die Anforderungen sowohl an die Besatzung als auch an das eingeschiffte Personal sind hoch. So wird insbesondere psychische Belastbarkeit verlangt – und natürlich absolute Verschwiegenheit. Die bestens ausgebildeten und hochspezialisierten Männer und Frauen müssen in der Lage sein, lange Zeit am Stück auf See zu bleiben, bevor das Schiff den nächsten Hafen anläuft. Nicht selten sind die Boote teilweise insgesamt über zehn Monate im Jahr im Einsatz. Dennoch würde wohl keiner der ausschließlich aus Zeit- und Berufssoldaten bestehenden Besatzungsmitglieder je auf einem anderen Schiff seinen Dienst tun wollen, wie in Gesprächen schnell deutlich wird.

Einsatz ohne Mandat

Als Aufklärungsboote kann das Bundesverteidigungsministerium die Einheiten auch ohne Bundestagsmandat in kritische Weltregionen entsenden, wobei der genaue Zweck der Missionen der Öffentlichkeit zumeist verborgen bleibt. Ab Januar 1999 war die „Oker“ im Zuge der NATO-Mission im Kosovo und anschließend im Rahmen der Operation „Allied Force“ in der Adria eingesetzt. Seit 2006 operieren die Boote wechselnd sowohl im UNIFIL-Verband als auch als Einzelfahrer im Nahen Osten, wo es bereits zu mehreren Zwischenfällen mit der israelischen Marine kam.

Ebenso war während der Luftschläge durch westliche Länder in Libyen ein Flottendienstboot – ohne offizielle Kenntnis des Bundestags – im Mittelmeer unterwegs. Bis heute ist unklar, ob Informationen aus dessen Aufklärungstätigkeit an die Verbündeten und deren Bomberverbände weitergegeben worden sind. Am 5. November 2011 brach die „Alster“ aus ihrem Heimathafen Eckernförde zu einer bis dahin geheimgehaltenen Mission ins Mittelmeer auf, bei der es sich um die erste offen als „nationale Aufklärungsfahrt“ titulierte Operation gehandelt hat. Die Schleswig-Holsteinische Zeitung zitierte in diesem Kontext den Kommandanten des Bootes, daß nationale Aufklärungsfahrten nicht ungewöhnlich seien. Wer die Zeitungsmeldungen verfolge, könne sich ein Bild davon machen, in welchen Mittelmeerländern es zur Zeit im Rahmen des sogenannten „Arabischen Frühlings“ brodelt. In den vergangenen Jahren dienten die bis zu sechsmonatigen Mittelmeerfahrten vor allem der Überwachung des Schiffsverkehrs im Zuge der NATO-Operation „Active Endeavour“ oder der UNO-Mission UNIFIL. Jetzt aber werden die Einheiten zunehmend entsandt, um ein Lagebild der vom sogenannten „Arabischen Frühling“ betroffenen Länder zu erstellen.

Die Einsätze der am meisten technisierten und hochspezialisierten Einheiten der Marine werden weiterhin innerhalb wie auch außerhalb der Flotte ein wohlbehütetes Geheimnis bleiben. Sowohl der Zweck als auch die Ergebnisse ihrer Operationen sind ein hochsensibles Thema auf internationalem Parkett und in den obersten Ebenen der militärischen Führungen.

Alexander Schleyer

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