Kampf um Galizien

Foto: DMZ-Archiv

Französische Waffen-SS-Freiwillige gegen die Rote Armee

Infolge der am 22. Juni 1944 beginnenden sowjetischen Sommeroffensive brachen die überlasteten Fronten der deutschen Heeresgruppen Mitte und Nordukraine trotz heftigen Widerstands innerhalb weniger Tage zusammen. Die Rote Armee war mit einer derartigen personellen und materiellen Überlegenheit angetreten, daß die deutsche Wehrmacht kaum etwas entgegensetzen konnte. Berichteten die deutschen Zeitungen am 23. Juni 1944 zunächst von „örtlichen Einbrüchen“, so zeigte eine Meldung vom 28. Juli 1944 bereits, daß die sowjetischen Truppen in knapp fünf Wochen enormen Raum gewonnen hatten: „Im Zuge dieser Frontbegradigung wurden nach Zerstörung aller militärisch wichtigen Anlagen die Städte Lemberg, Brest-Litowsk, Bialystok und Dünaburg geräumt.“

Abwehrkampf gegen die Rote Armee

An diesem 28. Juli 1944 erfolgte die Alarmierung der Französischen SS‑Freiwilligen-Sturmbrigade auf dem Truppenübungsplatz Böhmen, die ein rund 1.000 Mann starkes Marschbataillon als Kampfgruppe zusammenstellte. Bereits eine Woche später erreichten die Waffen-SS-Männer Turka am Stryj im Generalgouvernement Polen und verlegten am nächsten Tag im Fußmarsch in Richtung des rund 80 Kilometer nordwestlich gelegenen Sanok. Hier sollten die französischen Einheiten der 18. SS‑Freiwilligen-Panzergrenadierdivision „Horst Wessel“ unterstellt werden. Nach einem ersten Einsatz ab 9. August 1944 im Raum Pisarowce – zirka acht Kilometer westlich Sanoks – folgte bereits am 16. August 1944 die Verlegung in den etwa 80 Kilometer nördlich liegenden Raum Mielec an der Wisloka – nach wie vor im Rahmen der 18. SS-Freiwilligen-Panzergrenadierdivision „Horst Wessel“.

Im neuen Einsatzraum entlang der Wisloka erwartete die deutsche 17. Armee bereits den Großangriff der Roten Armee in Richtung Krakau. Unter dem Kommando der Division „Horst Wessel“ bezog der französische Bataillonsstab in Zaborcze – zirka fünf Kilometer nordwestlich von Przeclaw – Quartier, während die Kompanien Stellungen auf dem linken Ufer der Wisloka zwischen Mielec und Przeclaw einnahmen.

Nach drei relativ ruhigen Tagen trat der Gegner am 20. August 1944 nach einem zweistündigen Trommelfeuer zur erwarteten Offensive an. Als es dabei sowjetischen Panzern gelang, südlich der französischen Stellungen auf Radomysl Wielky vorzustoßen, wurden die letzten verbliebenen Panzerabwehrkanonen unter der Führung des SS‑Oberjunkers Henri Kreis dorthin befohlen und hielten in einer improvisierten Kampfgruppe die Stadt, bis Verstärkung kam.

Auch die deutschen Grenadierkompanien mußten sich nach hin- und herwogenden Kämpfen auf die Linie Radomysl Wielky–Przeclaw zurückziehen. Bei den Gefechten wurde die 1. Kompanie der französischen Kampfgruppe in Przeclaw eingeschlossen. Ein Entsatzversuch der SS-Panzeraufklärungsabteilung 18 blieb erfolglos. Der Kompanieführer, SS-Obersturmführer Noël de Tissot, fiel bei den Kämpfen. Unter schwerstem feindlichen Feuer sammelten sich die französischen Freiwilligen in der Nacht zum 22. August 1944 bei Mokre zirka fünf Kilometer südwestlich Przeclaw. Die Rote Armee stieß sofort nach, und so kam es auch bei dieser Ortschaft zu heftigen Nahkämpfen, bei denen auch der Kompanieführer der 2. Kompanie, SS-Obersturmführer Paul Pleyber, fiel.

In der Nacht zum 23. August 1944 räumten die Franzosen Mokre und zogen sich auf das knapp zehn Kilometer entfernte Debica zurück. Sie wehrten hier noch einige Feindangriffe ab und wurden am 24. August 1944 – stark mitgenommen – aus der Front gezogen. Auf Lastwagen kamen die Reste des Bataillons zunächst in das etwa zehn Kilometer entfernte Pilzno. Von hier folgte der Marsch in den Ruheraum nach Tarnow. Das Bataillon hatte in nur knapp einer Woche enorme Verluste zu beklagen gehabt. Zusammen mit den Ausfällen vor Pisarowce waren insgesamt 130 Freiwillige gefallen, etwa 50 vermißt und 660 verwundet.

„Es nähert sich die Tragödie“

Die Verluste waren derart hoch, weil die Rote Armee mit einer gigantischen Materialüberlegenheit an Artillerie, Granatwerfern, Panzern und Flugzeugen antrat, so daß die französischen Infanteristen regelrecht aus ihren Stellungen gedrückt und praktisch vier Tage über die Felder getrieben wurden. Infolge der wiederholten Haltebefehle kam es zu zahlreichen Nahkämpfen mit weiteren hohen Verlusten.

Der französische Freiwillige André Bayle erinnert sich an die Kämpfe nach dem sowjetischen Großangriff über den Fluß Wisloka: „Wir müssen den anderen (sich absetzenden) nachkommen, aber die Sowjets tauchen überall auf. Wir schaffen es trotzdem, und gegen Mittag wirken wir mit bei der Errichtung einer neuen Widerstandslinie, mit Barto und unserer 2. Kompanie, die wir wiedergefunden haben. Dadurch kann sich die 3. Kompanie, nachdem sie ihren dritten Zug verloren hat, einen Weg zu uns freikämpfen. Die Verluste sind auf beiden Seiten sehr hoch. Wir verlieren auch Kameraden als Gefangene.

Der Rückzug ist schwer… Wir teilen uns, um den Rückmarsch zu erleichtern. Vereinbarter Treffpunkt ist das Dorf Mokre, wo Cance seinen Gefechtsstand errichtet haben soll… In die für unsere Einheiten vorgesehene Stellung sind bereits die Sowjets in großer Zahl eingesickert. Die Nacht bricht herein, und als wir beginnen, Löcher für die Nacht zu graben, kommen Lastwagen mit Fernlicht angefahren, die Sowjetsoldaten reden laut und ohne jede Vorsicht. Sie sind wirklich selbstsicher und wissen um ihre Stärke.

Wir brechen noch vor Morgengrauen auf, um uns der Aufmerksamkeit des nächtlichen Nachbarn zu entziehen. Der dichte Nebel tarnt uns, erschwert aber auch unsere Orientierung. Wir kommen zum Glück an einem der wenigen Schilder vorbei, das eine Richtung anzeigt: ‚Mokre 3 Kilometer‘. Wir stoßen auf einen eigenen Gefechtsvorposten, der uns einen Weg weist, der direkt zu Cances Gefechtsstand führt.

Am frühen Vormittag hebt sich der Nebel allmählich, und wir sollen unsere Kameraden verstärken. Als erstes treffe ich SS-Untersturmführer Hans-Ulrich Reiche. Unser junger deutscher Verbindungsoffizier schaut kniend durch das Fernglas und unterrichtet mich über die Lage. Sie ist wirklich nicht glänzend.

Ein Melder bringt den Befehl zum Rückzug, der geschlossen und unbemerkt vom Gegner erfolgen soll. Durch ihn erfahre ich den Tod eines Sohnes von Generalstabsoffizier Croisile, der mit uns in Posen war (der andere Sohn wird im April 1945 in Berlin fallen), den Tod von Untersturmführer Lamert, dessen Brust zweimal durchbohrt wurde, von Oberscharführer Albert Pouget, mit einem Granatsplitter in der Brust, von Mamet, einem ausgezeichneten MG-Schützen, von Laroche, dem Funker, von Untersturmführer Dominique Scapula und seinem Fahrer, die bei der Explosion einer Panzerfaust in ihrem Wagen getötet wurden, ferner die Verwundung zahlreicher Kameraden. Für unsere Einheit nähert sich die Tragödie. Die Befehle werden erteilt, und jeder beginnt rückwärts zu kriechen, was die Rückzugsbewegung, obwohl wir diese hinlänglich geübt hatten, erschwert…

Auf einmal sehe ich, wie Pierre Cance verwundet zu einem Kübelwagen hinkt und sich dabei das Knie hält. Raymond, der einen Verwundeten auf seinem Rücken trug, wird durch eine nahe Detonation zu Boden geworfen. Verwundet versucht er, sich wieder aufzurichten, und wird von Cances Wagen mitgenommen. Der von Raymond getragene Verwundete wurde durch Granatsplitter getötet.

Wir nähern uns dem Bataillonsgefechtsstand, und ich beobachte, wie Reiche, Jean-Louis Le Marquer und Hans-Paul Binder (der zweite Verbindungsoffizier) in den Bauernhof hineingehen. Eine Salve trifft in diesem Augenblick den Bauernhof und tötet alle.

Mit aufgesessener Infanterie nähern sich immer mehr feindliche Panzer. Plötzlich kommt ein Offizier des Heeres mit einem schönen deutschen Schäferhund angelaufen. Er hat kein Koppel, keinen Helm und keine Waffe mehr, und schreit ‚Iwan kommt, Iwan kommt‘, zeigt aber in eine andere Richtung als die, aus der unsere Iwans mit ihren Panzern angreifen. Sofort bricht Panik unter den Verwundeten auf dem Hof aus. Sie versuchen wegzulaufen, doch vergeblich. Sie fallen mit losen Verbänden blutüberströmt wieder hin und sterben. Im selben Augenblick erfolgt der Angriff der Panzer mit einem Feuerschlag aus allen Waffen, der alle bisher Davongekommenen in Panik versetzt, wobei viele fallen. Es gibt fast nur noch Tote auf diesem Hof, und ich laufe torkelnd weg.

Wir treffen dann Soldaten des Heeres, die nun zum Gegenangriff angetreten sind. Lächelnd begrüßen sie uns mit Handschlag. Unsere Reste sammeln sich beim Troß des Bataillons mit seinen Führern Croisile, Henri Maud‘huit, Gustav-Adolf Neubauer, dem SS-Oberscharführer Paul Pruvost sowie dem Arzt Pierre Bonnefoye.

Unser Rückmarsch erfolgt jetzt per Lastwagen bis Tarnow, in dem wir uns eine Woche lang ausruhen und schwelgen konnten. Die Frontverpflegung des gesamten Bataillons für die zwei letzten Wochen stand uns 140 Davongekommenen zur Verfügung.“

„Bolschewistische Sommeroffensive aufgefangen“

Am 1. September 1944 – dem 5. Jahrestag des Kriegsbeginns –, an dem die französischen Bataillonsreste schließlich per Eisenbahn nach Greifenberg/Pommern verlegten, meldete der Wehrmachtbericht: „An der Ostfront ist es nunmehr gelungen, die bolschewistische Sommeroffensive vor einer zusammenhängenden Front zwischen Ostkarpaten und dem Finnischen Meerbusen aufzufangen.“ Tatsächlich hatte die Rote Armee erschöpft ihre Angriffe einstellen müssen, allerdings hatte der Gegner über 400 Kilometer Raum nach Westen gewonnen und Brückenköpfe über die Weichsel und den Narew gebildet. Die Ausgangspositionen für die folgende Frühjahrsoffensive 1945 waren damit geschaffen.

Rolf Michaelis

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