Ungleicher Kampf: Die SS-”Totenkopf”-Division bei Arras 1940

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Arras. Der deutsche Blitzkrieg hat bis heute sowohl im Polen- als auch im Westfeldzug den Eindruck eines unaufhalt­samen Siegeszuges der deutschen Truppen hinterlassen. Und das, obwohl das Kräfteverhältnis zunächst alles andere als eindeutig war, denn sowohl die Polen als auch die Westalliierten verfügten über qualitativ starke Armeen.

In einigen Fällen gelang es dem Gegner sogar, hartnäckigen Widerstand zu leisten und Erfolge gegen die heranrückenden deutschen Truppen zu erringen. So zum Beispiel vom 15. bis 18. Mai 1940 bei Stonne, wo die deutsche 10. Panzerdivision und das Infanterieregiment „Großdeutschland“ den Gegenangriff der 2. französischen Armee unter General Charles Hunziger blutig abwiesen, oder bei Arras am 21. Mai 1940, als die 7. Panzerdivision unter Erwin Rommel und die Panzerjäger sowie Aufklärungsabteilung der SS-„Totenkopf“-Division sich eines britisch-französischen Panzerangriffes in die Flanke der zum Kanal stürmenden deutschen Truppen zu erwehren hatten.

Bereits sieben Tage nach Angriffsbeginn schien das Schicksal der Stadt Arras besiegelt zu sein. Nur ein Bataillon britischer Welsh Guards und ein paar zusammengewürfelte englische Einheiten sollten ab dem 17. Mai die Stadt gegen die anrückenden Deutschen verteidigen. Nachdem Cambrai, St. Quentin und alsbald Péronne in deutsche Hand gefallen waren, legte Rommel am 18. Mai 1940 eine Pause ein, um seine Truppen aufzufrischen und die Panzer auftanken zu lassen. Auf englischer Seite plante zur selben Zeit General Petre, Kommandeur der 12. Infanteriedivision, einen Gegenangriff, um Arras und die kleine englische Garnison zu halten.

Am 20. Mai verschärften sich die Kämpfe. Bei einem Angriff der 8. Panzerdivision auf Neuville-Vitasse, Mercatel und Ficheux, die von der 70. britischen Brigade und der 23. Infanteriedivision verteidigt wurden, erlitten die Engländer schwere Verluste. Fast 200 Tote und etwa 500 Verletzte waren auf englischer Seite zu beklagen. Nach mutigen Kämpfen mußten sie diesen Abschnitt unter Zurücklassung aller schweren Waffen räumen. Zwischen Saulty und Doullens spielte sich gegen die deutsche 6. Panzerdivision dasselbe Szenario ab. Auch hier waren die Verluste für die Engländer hoch. Inzwischen kam die 7. Panzerdivision gut voran und erreichte am Abend Hautes-Avesne östlich von Arras.

Am 21. Mai war auf deutscher Seite alles für die Einnahme der Stadt vorbereitet. Die Briten hatten sich indes gefangen und zur Unterstützung einige Tanks aus Vimy zur Verstärkung herangebracht. Der englische Gegenangriff unter dem Befehl von General Martel sollte um 14 Uhr mit zwei Schwerpunkten erfolgen, um den deutschen Angriffskeil Richtung Meer zu spalten.

Der rechte Schwerpunkt war angesetzt auf: Vimy–Neuville–St. Vaast–Maroeuil–Duisans–War-lus–Berneville und danach auf die Straße von Daiville–Beaumetz nach Wailly. Als Kräfte standen bereit: das 7. Royal Tank Regiment (23 „Matilda I“ und neun „Matilda II“), das 8. Bataillon der Durham leichten Infanterie, die 365. Batterie des 92. Regiments der Royal Field Artillery (zwölf 88 mm-Haubitzen), die 260. Batterie des 65. Panzerabwehrregimentes (zwölf 40 mm-Pak), ein Zug Panzerjäger mit drei 25 mm-Pak und ein Zug Kradschützen der 4. Northumberland Fusiliers.

Der linke Schwerpunkt zielte auf Vimy–Thélus–Ecurie–Anzin–St. Aubin–Wagnonlieu–Dainville und danach auf die Straße Dainville–Beaumetz Richtung Achicourt und ­Beaurains. Zum Einsatz kommen sollten: das 4. Royal Tank Regiment (37 „Matilda I“ und sieben „Matilda II“), das 6. Bataillon der Durham leichten Infanterie, die 368. Batterie des 92. Regiments der Royal Field Artillery (zwölf 88 mm-Haubitzen), die 260. Batterie des 52. Panzerabwehrregimentes (zwölf 40 mm-Pak), ein Zug Panzerjäger mit drei 25 mm-Pak sowie ein Zug Kradschützen der 4. North­umberland Fusiliers. Die Angriffsstärke setzte sich aus insgesamt 2.500 bis 3.000 Mann sowie 76 Tanks vom Typ „Matilda I“ und II zusammen.

Weiter südlich sollte am 23. Mai um 14 Uhr ein französischer Angriff mit der 3. leichten mechanisierten Division sowie den Panzerbataillonen 13, 22 und 35 beginnen und den britischen Kräften entgegenkommen.

Im Bereich des rechten Angriffskeils ging aus Sicht der Alliierten zunächst alles gut voran, und die Deutschen wichen, ohne nennenswerten Widerstand zu leisten, aus. Sie hatten den Panzern vom Typ „Matilda II“ wenig entgegenzusetzen. So konnte die britische Angriffsspitze fast mühelos die Ebene vor der Straße Dainville–Beaumetz durchqueren. Einzig und allein die englische Infanterie verlor den Anschluß und verwendete kostbare Zeit, um deutsche Gefangene einzusammeln.

Die britischen Panzer wurden dann von gut schießenden deutschen Pak-Geschützen aufgehalten, die bei Wailly und beim Bauernhaus Du Belloy in Stellung waren. Während Teile der britischen Infanterie bei Duisans und Warlus festsaßen, versuchte eine Kompanie die Straße zu überqueren, mußte den Versuch aber nach empfindlichen Verlusten aufgeben. Ohne Infanterie-Unterstützung griffen die Tanks Wailly an. Ein Teil schaffte es heil bis zur Ortschaft und sorgte für Auf­regung.

Auch auf der linken Seite lief es zunächst reibungslos. Die deutsche Kampflinie war schnell überwunden, und mehr als 400 deutsche Soldaten mußten in Gefangenschaft gehen. Die Panzerjägerabteilung 42 unter Führung von Oberst Johann Mickl wurde ohne große Mühe von sieben „Matilda“-Panzern überrollt. Hier wirkte sich aus, daß die englische Infanterie die Fahrzeuge begleitete. Der Gefechtsbericht der 7. Panzerdivision vermerkt zu diesen Kämpfen: „Die schweren Panzer der Engländer sind durch die eigenen Paks auch auf nahe Entfernung nicht wirkungsvoll genug zu bekämpfen. Die durch sie gebildeten Abwehrlinien wurden vom Feind durchbrochen, die Geschütze zusammengeschossen oder überfahren, die Bedienungen größtenteils niedergemacht.“

Agny und Beaurains waren verloren. Hier kämpften mutig aber chancenlos die Panzerjäger der SS-„Totenkopf“-Division mit 3,7 cm-Pak-Geschützen – von den Landsern auch spöttisch als „Heeresanklopfgerät“ bezeichnet – gegen die zum Teil 80 mm dick gepanzerten „Matildas II“. Nur einige Tanks konnten gestoppt werden: Die SS-Panzerjäger zerschossen ihnen die verletzlichen Gleisketten. Die Ebene zwischen Achicourt und Wailly war nun von den Engländern besetzt, jeder deutsche Widerstand erlosch und wurde zum Schweigen gebracht. Der kleine Erfolg ließ die Engländer wieder Hoffnung schöpfen, die jedoch nicht lange vorhielt. Das I. Bataillon der deutschen Flak-Abteilung 23 und das Artillerieregiment 78 griffen mit ihren 8,8 cm-Flak-Geschützen und Feldhaubitzen in den Kampf ein und brachten den britischen Angriff mit hohen Verlusten für den Feind zum Erliegen. Nur wenige Aufklärungs-Tanks konnten noch bis Wancourt vorpreschen, wo sie endgültig zerstört wurden.

Die Aufklärungsabteilung der SS-„Totenkopf“-Division kämpfte bei Mercatel, als plötzlich im Bereich des Bahndammes feindliche Panzer gemeldet wurden. Sofort ließ SS-Oberscharführer Albert Werkmeister die sechs Skoda 35 (t)-Panzer seines Zuges gegen die feindliche Angriffsspitze in Stellung gehen. Da erreichte Werkmeister die Nachricht, daß die Fahrzeuge der Nachrichtenabteilung 83 der 7. Panzerdivision abgeschnitten waren und unter starkem Beschuß lagen. Kurz entschlossen führte er seinen Zug durch eine Bahnunterführung hindurch, fuhr jenseits der Eisenbahnstrecke auf und zog das Feindfeuer auf sich. Ein Panzerduell war entfacht, von dem SS-Oberscharführer Werkmeister berichtete: „Wir schießen mit Aufschlaggranaten genau auf den Turm. Zwei Briten bleiben vor uns bewegungsunfähig liegen. Dann ist die Munition verschossen. Schnell fahren wir zum Bahndamm zurück. Dort erwischen wir noch einen dritten Britenpanzer. Wir sammeln beim Troß in Mercatel, fassen neue Munition, während unsere tschechischen Monteure die Panzer warten.“ Im Schatten dieser Gefechte konnten sich die Nachrichtenmänner mit ihren Fahrzeugen in Sicherheit bringen.

Der Angriff der Engländer bei Mercatel ging voran und stieß westlich der Ortschaft auf die Panzerjäger der SS-„Totenkopf“-Division und ihre kleinkalibrigen 3,7 cm-Paks. Bei diesem ungleichen Kampf wurden fünf Britenpanzer abgeschossen und blieben zum Teil brennend auf dem Gefechtsfeld liegen. Nun gingen die sechs Skoda-Panzer gegen die „Matilda II“-Tanks vor. Auch dieser Kampf war ungleich, und zwei Skoda blieben zerschossen liegen. Danach griffen die Briten mit Panzern, Infanterie und Scharfschützen den gesamten Sperriegel mit Erfolg an und fügten den deutschen Einheiten schwere Verluste zu. Laut Augenzeugenaussagen wurden von den englischen Angreifern keine Gefangenen gemacht.

Weiter westlich bei der 3. Kompanie der SS-„Totenkopf“-Panzerabwehrabteilung konnte das englische Vorrücken ohne große eigene Verluste gestoppt werden. Einige Tanks konnten vernichtet werden. Auch das SS-Pionierbataillon wurde mit Erfolg eingesetzt und bekämpfte zum Teil vom Krad aus die britischen Tanks mit geballten Ladungen. Von diesem Zeitpunkt an verloren die englischen Angriffsver­suche ihre Kraft, und örtliche, kleine Einbrüche konnten schnell bereinigt werden. Die englischen Verluste bei beiden Angriffsspitzen waren inzwischen spürbar geworden. Bereits mehr als 1.000 Mann waren gefallen oder verwundet und 47 Panzer zerstört. Das waren immerhin 50 Prozent der Begleitinfanterie und 75 Prozent der Tanks.

Am Abend stand für die Briten fest: Es geht nicht mehr voran. Es galt jetzt nur noch, die neue Stellung zu halten. Am 22. Mai hatten sich die Deutschen reorganisiert und übernahmen wieder die Initiative. Vorsichtig tastete man sich an den Gegner heran, da die Engländer noch über einige „Matilda“-Tanks verfügten. Doch schon Tags darauf mußten Engländer und Franzosen mehr und mehr zurückweichen. Arras wurde langsam von den Deutschen eingekesselt. Die 8,8 cm-Flak-Geschütze schossen aus für den Gegner unerreichbaren Entfernungen systematisch die „dicken Brummer“ der Engländer und Franzosen ab. In der Nacht vom 23. auf den 24. Mai flohen die englischen Truppen aus der Stadt und wurden bei Saint-Laurent-Blangy durch das Feuer einer deutschen Artillerieeinheit erfaßt. Leutnant Christopher Furness von den Welsh Guards griff mit seiner Tankette und wenigen leichten Tanks die deutsche Stellung an. Er fiel zusammen mit einigen seiner Männer, aber sein Opfer ermöglichte den aus Arras zurückweichenden Sol­daten die Flucht aus der umklammerten Stadt. Als die Deutschen in Arras einmarschierten, war die Stadt leer und von englischen Soldaten geräumt.

Die Verluste waren auf beiden Seiten hoch. Fast 1.500 Engländer des zweiten Angriffskeils waren gefallen, vermißt, verwundet oder gefangen. 47 Tanks und nahezu alle Aufklärungs-Tanks und Fahrzeuge wurden zerstört. Auf deutscher Seite fielen bei der 7. Panzerdivision 89 Mann, 116 wurden verletzt und etwa 20 Panzer abgeschossen. Bei der „Totenkopf“-Division zählte man zirka 200 Tote, Verwundete und Vermißte.

Die Franzosen büßten zwischen 20 bis 60 Panzerfahrzeuge und ungefähr 200 Mann ein. Allein das 3. französische Panzerbataillon verlor zehn Fahrzeuge und die 3. mechanisierte leichte Division nochmal so viele. Das 11. Dragoner Regiment hatte dagegen nur leichte Verluste. Die Sanitäter der SS-„Totenkopf“-Division versorgten 200 Verletzte, darunter 60 verwundete Briten.

Am 27. Mai 1940 kam es am La Bassé-Kanal im Durchbruchskeil der deutschen Panzertruppen zu britischen Übergriffen, die deutscherseits vergolten wurden. Der Augenzeuge Ernst-Günther Krätschmer berichtet, daß er als SS-Unterscharführer und Funktruppführer beobachtete, wie zwei gefangengenommene deutsche Soldaten von Engländern mit Gewehrkolben geschlagen, hinter eine Feldscheune getrieben und erschossen wurden. Später habe er erfahren, daß zur Vergeltung acht gefangene Engländer erschossen worden seien. Nach dem Krieg publizierte Zahlen von durch Angehörige der 3. Kompanie des SS-„Totenkopf“-Infanterieregimentes 280 ermordeten Engländern entsprächen nicht der Wahrheit.

Auch die Behauptung, der Gegner hätte Teilmantelgeschosse verwendet, sei frei erfunden. Dasselbe gelte für die angeblich wegen Partisanentätigkeit ermordeten 98 Zivilisten. Trotzdem wurde SS-Obersturmbannführer Fritz Knöchlein, im Westfeldzug Chef der 3. Kompanie des SS-„Totenkopf“-Infanterieregimentes 2, am 28. Januar 1949 als angeblich Verantwortlicher für diese „Massaker“ durch die Sieger hingerichtet.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der “DMZ Zeitgeschichte”.

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