Operation “Zitadelle”: Die Panzerschlacht bei Prochorowka am 12. Juli 1943

Prochorowka. Unter den vielen Mythen des Zweiten Weltkrieges stehen die Schlacht bei Kursk und besonders die Panzerschlacht bei Prochorowka als „Grab der deutschen Panzerwaffe“ ganz sicherlich an erster Stelle.

Dieser Mythos beruht im Prinzip auf der sowjetischen Version der Schlacht, der zum großen Propaganda-Epos vom „Überfall auf die friedliebende Sowjetunion“ und Heldentum der Sowjetmenschen gehört. Über fünfzig Jahre lang hatten die meisten westlichen Historiker die propagandaverzerrte Version der Roten Armee unkritisch übernommen und weiterverbreitet, ohne die dort präsentierten Angaben überhaupt nachzuprüfen und zu analysieren. So gehörte die Behauptung mit zu den überlieferten sowjetischen Mythen, daß die deutschen „Tiger“-Panzer zu Hunderten abgeschossen worden waren. Allein die deutsche 3. Panzerdivision sollte demnach an die sechshundert Panzerfahrzeuge verloren haben.

Bei genauerer Betrachtung ergibt sich aber, daß erstaunlicherweise insgesamt nur 103 „Tiger“ I im Gefechtsabschnitt von Generalfeldmarschall Erich von Manstein und sogar nur 31 „Tiger“ I im Befehlsbereich von Generaloberst Walter Model auf deutscher Seite eingesetzt waren. Von diesen wurden während der gesamten Dauer des Unternehmens „Zitadelle“ insgesamt nur 11 „Tiger“ und weitere 32 während der Folgekämpfe der Schlacht bis Ende August 1943 als Totalverlust gemeldet. Was beispielsweise die 3. Panzerdivision angeht, so gibt es in den Kriegstagebüchern der infrage kommenden Zeitabschnitte, für die von sowjetischer Seite aus die horrenden Sieges- und Vernichtungsmeldungen behauptet und in die Welt posaunt worden waren, keine erwähnenswerten Eintragungen.

Ein anderer Aspekt ist die Tatsache, daß die deutschen Panzerdivisionen meistens mit nur einer Panzerabteilung in die Schlacht zogen. Demnach verfügten die Deutschen bei Beginn der Offensive über erheblich weniger Panzer, als sie laut sowjetischer Angaben verloren haben sollen. Diese Art der Berechnung war nicht nur eine sowjetische Spezialität, man triff sie auch generell bei den Westalliierten. Letztendlich hatten die Deutschen bei der Operation Zitadelle knapp über 300 Panzertotalverluste zu beklagen, während man deutschen Meldungen und russischen Archiven entnehmen kann, daß mehr als 1.800 sowjetische Panzer abgeschossen wurden. Sehr ähnlich schaut es auch bei den anderen Materialverlusten wie Artillerie oder Flugzeuge und auch bei Menschenverlusten aus.

Was Prochorowka angeht, sehen die Verlustmeldungen des 12. Juli 1943 proportional noch schlimmer für die Sowjets aus, denn sie verloren demnach mindestens 212 Panzer – 95 wurden von den Deutschen erbeutet und 117 gelten als Totalverlust – dem stehen nur drei deutsche Totalverluste bei der 1. SS-Panzerdivision „Leibstandarte SS-Adolf Hitler“ (LAH) gegenüber. Die Panzerverluste des gesamten II. SS-Panzerkorps für die Dauer der neuntägigen Operation betrugen bei allen drei SS-Divisionen – LAH, „Das Reich“ und „Totenkopf“ – nur 33 Totalverluste. Die Bilanz ist beeindruckend. Ein wesentlicher Grund für die geringen deutschen Verluste ist, daß Instandsetzungskompanien auf dem Gefechtsfeld liegengebliebene Fahrzeuge abschleppten, reparierten und dann wieder in die Panzerabteilungen eingliederten.

Für die bei Kursk zum Einsatz gekommenen Sturmgeschütze vom Typ „Ferdinand“ ist bekannt, daß von 90 eingesetzten Fahrzeugen immerhin 48 zur Grundüberholung und Kampfwertsteigerung ins Nibelungenwerk von St. Valentin zurücktransportiert wurden. So daß die vielfach kolportierte Aussage, alle „Ferdinands“ seien abgeschossen worden, ins Reich der Fabel zu verweisen ist.

Pawel A. Rotmistrow, im Juli 1943 als Generaloberst Kommandeur der 5. Garde-Panzerarmee, war mit seinen Erinnerungen an die Schlacht (Die Panzerschlacht von Prochorowka, Moskau 1960) natürlich die Hauptquelle für die Propaganda um Prochorowka. Seine Berichte strotzen von patriotischem Heldenpathos. Er schildert zum Beispiel den Kamikaze-Angriff eines T 34-Fahrers, der mit seinem brennenden Panzer den „Tiger“ von SS-Scharführer Georg Lötsch rammt, worauf beide in die Luft flogen. In Wahrheit jedoch, – Michael Wittmann stand mit seinem Fahrzeug in unmittelbarer Nähe und wurde Zeuge des Vorfalls – explodierte allein der russische Panzer. Der „Tiger“ überstand die Attacke unbeschädigt. Unbegreiflich ist auch, warum Rotmistrow von rund 400 eigenen Panzerverlusten sowie 400 deutschen Verlusten schreibt, obwohl er tatsächlich „nur“ 212 Panzer verloren hat. Vielleicht, weil 400 zu 400 besser klingt als 212 zu 3. Ganz offenbar aber kannte er seine eigenen Einheiten genauso wenig wie das eigene Schlachtfeld, denn die meisten Verluste erlitt seine Panzerarmee, als er bei der hastigen Angriffsaufstellung einen eigenen Panzergraben übersah, in den die Masse seiner Fahrzeuge hineingeriet und so zur leichten Beute deutscher Panzerjäger wurde.

Wie aber gestaltete sich die Lage aus der Sicht der Soldaten? Der damalige SS-Obersturmführer Rudolf von Ribbentrop, Sohn des deutschen Reichs­außenministers, war Führer der 6. Kompanie des SS-Panzerregimentes 1 der LAH. Er erinnert sich in seinen Memoiren.*

„[Der 12. Juli 1943] würde wieder ein warmer Sommertag werden, die Sonne brannte bereits. Wie heiß der Tag werden würde, erkannte ich blitzartig, als sich vor uns auf der Höhe eine violette Rauchwand erhob. Sie war verursacht durch so­genannte Rauchbündelpatronen, dem für diesen Tag befohlenen Zeichen für Panzerwarnung. […] Wie auf dem Exerziergelände entwickelte sich die Kompanie in größtmöglicher Geschwindigkeit den Hang hinauf. […] Da erkannten wir links in einer Senke auf 800 Meter uns umfassende russische Panzer. Für unsere erprobten Richtschützen die ideale Entfernung, schnell gingen mehrere T 34 in Flammen auf.

In diesem Augenblick erschienen keine hundert Meter vor uns, die eigene Infan­teriestellung überrollend, 10, 20, 30 und mehr T 34-Panzer – in voller Fahrt und mit aufgesessener Infanterie auf uns zukommend. ‚Aus!‘ murmelte ich bei mir, wir hatten kein Chance mehr! Die beiden Wagen unmittelbar rechts neben mir erhielten auch sofort Volltreffer und brannten lichterloh. […] Da hörte ich auch schon meinen Fahrer Schüle über die Bordsprechanlage rufen: ‚Obersturmführer, sehen Sie sie? Rechts! Rechts! Da kommen sie!‘ Ich sah sie nur zu gut, und schon hatte der Richtschütze den ersten Schuß aus dem Rohr, und ein T 34 explodierte regelrecht. Wir schossen auf kürzeste Entfernung, 20–30 Meter, noch zwei oder drei T 34 ab; dann fuhren sie rechts und links an uns vorbei, zum Greifen nahe; man sah in die Gesichter der aufgesessenen russischen Infanteristen, und immer weitere brausten über die Geländewelle vor uns. […]

Ein T 34 hatte uns erkannt und blieb etwa 30 Meter rechts von uns, leicht in der Federung wippend, stehen; die Kanone drehte sich auf uns, so daß ich direkt in die Mündung sah, nicht ohne sofort ‚Vollgas, marsch, marsch!‘ [befohlen zu haben]. Wir passierten den Russen auf wenige Meter, während er verzweifelt versuchte, seine Kanone mitzudrehen. Wir entschwanden aber rechtzeitig seinem Sichtfeld, […] machten kurz hinter unserem Konkurrenten kehrt und setzten ihm aus einer Entfernung von fünf Metern eine Panzergranate auf den Turm, deren Explosion den T 34 regelrecht auseinanderfliegen ließ. […]

Unsere einzige Chance bestand jetzt nur noch darin, unbedingt in Bewegung zu bleiben. […] So fuhren wir im russischen Panzerrudel auf die eigene Abteilung zu. […] Dabei schossen wir immer wieder einen russischen Panzer nach dem anderen ab, wenn sie uns überholten. Sie waren eben viel schneller und beweglicher als unsere alten Panzer IV. […] Jedes Mal, wenn wieder eine Granate im Rohr war, blieben wir stehen und schossen den nächsten T 34 ab. […] Einmal überholte uns auf wenige Meter ein Russenpanzer mit angehängter Panzerabwehrkanone und aufgesessener Infanterie. Die Rotarmisten erkannten uns und blickten entsetzt direkt in unsere Kanonenmündung. ‚Bleib stehen!‘ lautete mein Kommando an den Fahrer, und schon war der Schuß draußen, auf höchstens 20 Meter ein verheerender Volltreffer. […]

Auf dem etwa 800 Meter tiefen und etwa 400 Meter breiten Feld spielte sich ein wahrer Höllensabbat ab. Die Russen fuhren, wenn sie überhaupt so weit kamen, in ihren eigenen Panzergraben, wo sie natürlich eine leichte Beute unserer Abwehr wurden. […] Die angreifenden russischen Panzer – es sollen über hundert gewesen sein – wurden restlos vernichtet. […] Die Abteilung hatte nur drei oder vier Totalausfälle an Panzern zu beklagen, darunter die beiden Wagen, die gleich zu Beginn des russischen Angriffs unmittelbar neben mir abgeschossen worden waren. […] Die berühmte ‚Panzerschlacht von Prochorowka‘ soll die größte Panzermassierung auf engstem Raum während des ganzen Krieges gewesen sein. […] Die russischen Schilderungen der Schlacht – das ‚Grab der deutschen Panzerwaffe‘ – haben mit der Realität nichts zu tun.“

Ziehen wir ein Fazit: Mit der Schlacht bei Kursk versuchte die Wehrmacht zum letzten Mal, mit einer großangelegten Offensive die Kriegswende zu Gunsten Deutschlands einzuleiten. Das Problem lag jedoch in der enormen Materialüberlegenheit der Sowjets. Auch wenn jeder deutsche Panzer im Schnitt acht bis zehn sowjetische Panzer abschießen konnte, kam auf der Gegenseite fast immer der unerwartete elfte Panzer zum Schuß.

Schlachtentscheidend waren nicht allein die Operationen auf dem Gefechtsfeld, sondern es waren vor allem die Produktionszahlen der heimischen Rüstungsindustrie. Deutschland konnte unter den sich steigernden Flächenbombardements nicht mehr die nötige Anzahl an Panzern, Flugzeugen, Geschützen usw. produzieren, die an der Front gebraucht wurden. Hinzu kam die neue Lage im Juli 1943, als die Westalliierten durch die Landung auf Sizilien die strategische Lage Deutschlands weiter verschlechterten. Die Landung war die eigentliche Ursache für den Abbruch von „Zitadelle“.

Ob die Wehrmacht im Sommer 1943 in die Offensive gehen oder für die Defensive Kräfte sammeln sollte, darüber waren die Meinungen im Frühjahr auseinandergegangen. Generalfeldmarschall von Kluge war als Befehlshaber der Heeresgruppe Mitte für die Offensive am Kursker Bogen, auch wenn er mit der 9. Armee General Models und ihren 678 Panzern und 218 Sturmgeschützen am Nordflügel den schwächsten Beitrag dazu leistete. Generalfeldmarschall von Manstein am Südflügel tat sein bestes und konnte ohne große Verluste die sowjetische Woronesch-Front völlig aufreiben. Model hatte nur wenig Erfolg beim Angriff, seine Panzerkräfte reichten nicht aus.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der “DMZ Zeitgeschichte”.

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