Mit geballter Feuerkraft

“Boxer” mit “Lance”-Turm, Foto: Hank Seeven

Radschützenpanzer: Der „Boxer“ mit dem Waffenturm „Lance“

Die Bundeswehr hat sich von ihrer ursprünglichen Verteidigungs-Doktrin und der relativ klaren Auf­gabenstruktur der drei Teilstreitkräfte mit der Neuausrichtung in eine Einsatzarmee, der unerwartet zügigen Abschaffung der Wehrpflicht und den schwer nachvollziehbaren Beteiligungen an zahlreichen Auslands-Missionen mittlerweile weitestgehend verabschiedet. Aus der Bundeswehrführung mehren sich indes die Warnungen vor dem Überschreiten der personellen und materiellen Belastungsgrenze. Die Einsatzrealität in den Krisenländern, in denen die Bundeswehr als Interventionstruppe tätig ist, hat auch die Grenzen der ursprünglich für ein anderes Einsatzszenario – nämlich die Verteidigung der Heimat – konzipierten Geräts deutlich aufgezeigt. Schnell, häufig sogar überhastet, ist die Ausrüstung und Ausstattung den ungewohnten, asymmetrischen Kampfweisen der Rebellen angepaßt oder gleich komplett ersetzt worden. Im Ergebnis bietet sich oft ein konzeptloses Bild. Die ständige Gefährdung durch improvisierte Sprengfallen zwang zum Beispiel die Jäger-Truppe schon bei Missionsbeginn, vom ursprünglichen Gruppenfahrzeug – dem hochgeländegängigen Unimog 2t GL – auf den leichten Transportpanzer „Fuchs“ umzusatteln. Dieser bietet besseren Schutz gegen Beschuß durch leichte Waffen. Dieses Provisorium ist mit der Zuführung des neuen GTK „Boxer“ (Gepanzertes Transport-Kraftfahrzeug) wieder ab­gelöst worden.

Die ersten „Boxer“, die seit August 2011 im Großraum Mazar-e Sharif und am OP North in der Provinz Baghlan eingesetzt werden, haben sich im Einsatz so gut bewährt, daß jetzt weitere 20 Fahrzeuge dieses Typs nach Afghanistan verlegt werden sollen, auch um letztendlich den Abzug des Hauptkontingents 2014 effektiv ab­zusichern. Der „Boxer“ ist mit dem neuen Airbus-Transportflugzeug A400M luft­verladefähig. Die Akzeptanz des neuen Gruppenfahrzeuges ist bei den Soldaten sehr hoch.

Revolutionäres Konzept

Bereits auf der internationalen Fachmesse für Rüstungsgüter „Eurosatory 2010“ konnte Rheinmetall Landsysteme ein GTK „Boxer“-Serienmodul mit dem Mittelkaliberturmsystem „Lance“ einem breiten Publikum vorstellen. Dies entspricht konzeptionell in etwa einem Radschützenpanzer. Das revolutionäre Konzept von „Lance“ unterscheidet sich allerdings grundlegend von gleichgearteten Waffenstationen. Der rundum stark geschützte Panzerturm brilliert durch seine ungewöhnlich niedrige Silhouette und seine kleinen Abmessungen. Das niedrige Gewicht ermöglicht die Integration auf den unter­schiedlichsten Fahrzeugen und sogar als stationäre Komponente zur Feldlagerabsicherung. Es gibt die Sta­tion in zwei Ver­sionen: als Zwei-Mann-Turm und als aus dem Fahrzeug­inneren fernbedienbarer Turm (RC). Die Bordmaschinen­kanone MK30-2/ABM im Kaliber 30 x 173 mm NATO, die auch im neuen Schützenpanzer „Puma“ Verwendung findet, gibt dem „Boxer“ eine überragende Feuerkraft und eignet sich auch zur Panzerbekämpfung. Ihre theoretische Feuerrate beträgt 600 Schuß/min., die effektive Kampfentfer­nung erreicht beachtliche 3.000 Meter. Als frei wählbare Munition kann der Richtschütze auf je 100 Schuß HE (High Explosiv) oder 100 Schuß AP (panzerbrechend) an der Waffe zugreifen. Der Turm nimmt alle optronischen Geräte wie Tag-/Nachtsichtkamera, Laserentfernungsmesser und Zieloptiken unter seinem Panzerschutz auf. Es können als Koaxialwaffe alle gängigen Maschinengewehre im Kaliber 7,62 mm und 5,56 mm eingebaut werden. Systembedingt erfolgen die Handhabungs- und Ladetätigkeiten dabei unter Panzerschutz. Der Richtbereich der Kanone reicht von -10 bis +45 Grad, wobei der Wirkungskreis 360 Grad rundum beträgt. Die Bundeswehr hat den „Boxer“ als Radschützenpanzer – zumindest bislang – nicht beschafft, obwohl er als leistungsstarkes Kampffahrzeug für die Soldaten im Einsatz eine spürbare Verstärkung darstellen würde.

Erweitertes Aufgabenspektrum

Die derzeit im Einsatz befindlichen Gruppentransportfahrzeuge „Boxer“ sind demgegenüber keine Kampffahrzeuge, sondern sollen je eine Jäger-Gruppe unter Panzerschutz nahe an den eigentlichen Einsatzort bringen. Der „Boxer“ dient dabei eher als Stützpunkt und Rückzugsort für die Soldaten – er ist damit das „Mutterschiff“ der Jäger-Gruppe. Vier Fahrzeuge bilden einen Jäger-Zug, wobei drei Züge die Kompanie stellen. Zur Selbstverteidigung haben je zwei „Boxer“ eine aus dem Fahrzeuginneren ferngesteuerte Waffenstation FLW 200 für das schwere Maschinengewehr im Kaliber 12,7 mm und je zwei Fahrzeuge eine FLW 200 für das Granatmaschinengewehr im Kaliber 40 mm. Diese Kombination der Bordbewaffnung befähigt die Gruppenfahrzeuge, unerwartet angreifende Feinde mit massivem Feuer niederzuhalten und damit gleichzeitig das sichere Absitzen der Jäger zu gewährleisten. Dank der nachtkampf­fähigen optronischen Ausstattung – der hochauflösenden CCD-Farbkamera und einem Wärmebildgerät – ist die Besatzung auch bei Nebel, Regen oder Schnee in der Lage, eine weitreichende Umfeldbeobachtung durchzuführen und gegebenenfalls mit der Bordbewaffnung zu wirken.

Für Operationen in urbanem Umfeld sowie gegen asymmetrische Bedrohungen bietet sich die Jägertruppe demnach als Rückgrat der Einsatztruppen an.

Derzeit werden neue Richtlinien erarbeitet, die von einer deutlich feuerstärkeren Deckungskomponente durch den „Boxer“ ausgehen, welche sogar eine aktive Wirkungsunterstützung bei offensiven Maßnahmen oder Gegenstößen ermöglichen soll. Die Fahrzeuge fungieren dann praktisch als „Feuerwehr“, um die abgesessenen Infanterie-Gruppen bei starkem Widerstand flexibel zu unterstützen. Die Bundeswehr benötigt für die Erfüllung dieses erweiterten Auf­gabenspektrums neben den verbesserten Fahrzeugen gleichfalls ein neues Bewaffnungskonzept für den „Boxer“. Die vorhandenen Waffen auf den Stationen FLW 100 und 200 verfügen nur über eine begrenzte Reichweite und Wirkung und sind daher für die neuen Aufgaben eher unzureichend. Außerdem müssen die Ladeschützen zum Nach­laden des 40 mm-GMW – die Waffe faßt 32 Geschosse – den sicheren Panzerschutz des Fahrzeuges verlassen und auf das exponierte „Wagendach“ klettern, um an der Waffe zu arbeiten. Dies bedeutet in jeder „heißen“ Gefechtssituation ein unkalkulierbares und mithin untragbares Risiko.

Wertvolle Ergänzung

Der Waffenturm „Lance“ könnte hier Abhilfe schaffen und den neuen Anforderungen gerecht werden. Bei der umfangreichen Überprüfung in den Sand- und Staubwüsten Australiens sind beide „Lance“-Varianten den härtesten Bedingungen ausgesetzt worden. Dabei haben sowohl der „Boxer“ als auch der „Lance“-Turm ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Für die Bundeswehr wäre der „Boxer“ als Radschützenpanzer also eine wertvolle Ergänzung.

Hank Seeven

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