Raubtier der Bundeswehr

„Wolf“-Nachfolger: LAPV 5.4 „Enok“
Keine Nachkriegsepoche hat so starke Veränderungen für die Bundeswehr mit sich gebracht, wie die Einsatzzeit (seit 2001) in Afghanistan. Niemand hat die Soldaten ausreichend auf das vorbereitet, was dort über sie hereinbrach. Extremes Klima, kaum nennenswerte Infrastruktur, eine teils feindlich gesinnte Bevölkerung und die von den regionalen Rebellengruppen geführte Guerillataktik gegen die ISAF-Verbände.
Der Fuhrpark der Bundeswehr war zum damaligen Zeitpunkt für solch fordernde Einsatzbedingungen nicht konzipiert worden.  Eine ganze Reihe neuartiger Fahrzeuge mußte in kürzester Zeit entwickelt, erprobt und letztendlich in größerer Zahl beschafft werden. Die Daimler AG in Koblenz hat sich, wie in den Jahrzehnten zuvor, durch innovative Konzepte ins Gespräch gebracht. Der Autokonzern beliefert die Bundeswehr seit Generationen mit hochgeländegängigen Radfahrzeugen der verschiedenen Gewichtsklassen. Ihr Glanzstück war der Mercedes–Benz Geländewagen  250 GD „Wolf“, von dem immerhin 65.000 Stück an militärische Abnehmer ausgeliefert wurden. Der Wagen machte seinem Namen alle Ehre: Kraftvoll, bissig und mit viel Dynamik fährt ein geübter Fahrer ihn durch jedes Gelände.

Selbst das elitäre Kommando Spezialkräfte (KSK) hat ein verlängertes Modell („Serval“) im Bestand. Schwachpunkt des „Wolf“ ist jedoch das niedrige Schutzniveau. Mit einer Sonderschutzausstattung („Wolf“ SSA), die den Splitterschutz des G-Modells merklich erhöhte, reagierte die Daimler AG auf den akuten Sofortbedarf der Truppe. Die asymmetrische Kampfweise der Rebellen in Afghanistan, die im Wesentlichen mit Sprengfallen zuschlagen, zwingt die Wehrindustrie zum kompletten Umdenken.

Neuartiges GFF
Das Ergebnis der Ingenieursarbeit ist das neuartige ­geschützte Führungs- und Funktionsfahrzeug (GFF) „Enok“. Das nach dem wehrhaften Dachshund benannte Fahrzeug basiert weiterhin auf dem bewährten G-Modell von Mercedes-Benz. Dieser neu entwickelte Fahrzeugtyp gehört zu einer modernen Generation von LAPV-Fahrzeugen (Light Armoured Patrol Vehicles). Das leichte Patrouillenfahrzeug ist im Gegensatz zum „Wolf“ mit einer Ganzstahl-Fahrgastzelle versehen und bietet einen hohen ballistischen Schutz. Der besonders gefährdete Unterboden ist mit einem Minendeflektor der Klasse 2a (NATO-Standard STANAG 4569) gegen improvisierte Sprengsätze geschützt. In die Entwicklung des „Enok“ flossen zahlreiche Erfahrungen der früheren und aktuellen Einsätze der Bundeswehr und anderer militärischer Nutzer ein. Mit seinen Außenmaßen von 4,82 Metern Länge, 1,90 Metern Höhe, einer Breite von 1,90 Metern  und einem Gewicht von 5,4 Tonnen ist der Wagen wuchtiger als der „Wolf“, unterschreitet jedoch vorteilhaft die protzigen Abmessungen der Fahrzeuge anderer NATO-Armeen. Der fast doppelt stärkere Sechs-Zylinder-Dieselmotor (280 CDI) erzeugt bei einem maximalen Dreh­moment von 400 Nm (bei 1.600–2.600 U/min), 184 PS (135 kW). Dabei überträgt er die Leistung über ein ­Fünf-Gang-Automatikgetriebe auf den permanenten Allradantrieb.

Die drei Differentialsperren ermöglichen auch unter schwierigsten Umständen eine zuverlässige Weiterfahrt, was in Afghanistan eine Grundvoraussetzung für den Erfolg im Einsatz ist. Das durch die umfangreiche Pan­zerung hohe Fahrzeuggewicht macht eine intensive ­Fahrerausbildung abseits der Straße unbedingt nötig. Dabei kommt dem Fahren in der Kolonne oder unter plötzlichem Beschuß ein hoher Stellenwert zu.

Stabiles Fahrwerk
Das stabile Fahrwerk mit der höher gelegten Achse und der neuentwickelten Luftfeder-Dämpfer-Einheit ­erlaubt eine Nutzlast von bis zu zwei Tonnen, was
einer vollaus­gestatteten, vierköpfigen Besatzung eine mehrtägige autonome Einsatzzeit garantiert und einen Operationsradius von bis zu 700 Kilometern zuläßt. Die Höchst­geschwindigkeit ist mit 95 Stundenkilometern auf ebener Strecke ausreichend bemessen. Der Reifendruck kann beim „Enok“ über eine Regelanlage in jedem Reifen separat gesteuert werden, was die Geländegängigkeit zusätzlich enorm erhöht. Im afghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die Landschaft häufig von kleinen Flüssen, ausgetrockneten Bachläufen oder tiefen Wadis (Tälern) durchzogen. Der „Enok“ ist darauf gut vorbereitet. Über eine hydraulische Niveauregelung läßt sich für solche Fälle die Tiefwatfähigkeit auf bis zu 100 Zentimeter erhöhen. Als Hauptbewaffnung sind eine aus dem Fahrzeuginneren fernbedienbare Waffenstation oder eine traditionelle Drehringlafette mit dem bewährten MG 3 möglich. Genau wie sein Vorgänger ist der „Enok“ in einem CH-53 G-Transporthubschrauber unproblematisch luftverladefähig. Eine größere Anzahl „Enoks“ ist bereits in Afghanistan im Einsatz. Dieser neue Fahrzeugtyp mit seinen universelleren Einsatzmöglichkeiten wird mittelfristig den „Wolf“ in der Bundeswehr ablösen.

Björn Sefari

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