Fliegende Innovation

Die ILA Berlin Air Show 2012

Auch in  diesem Jahr hat die traditionsreiche Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin gezeigt, daß sie ein bedeutender Dreh- und Angelpunkt für die weltweite Luftfahrtindustrie ist. Die 230.000 Besucher stellten dabei auch den größten Zuschauerzulauf in der über 100jährigen Geschichte der ILA dar. Auf dem neuen ExpoCenter Airport – in direkter Nachbarschaft zum zukünftigen Großflughafen Berlin/Brandenburg – ist dazu in Rekordzeit die Nutzungsfläche für das 250.000 Quadratmeter große Veranstaltungs­gelände fertiggestellt und unmittelbar in Betrieb genommen worden. In den drei festen Ausstellungs- und Eventhallen mit insgesamt 20.000 Quadratmetern Fläche, den vier temporären Großraumzelten sowie in zahlreichen Pavillons und großzügigen Freiflächen präsentierten vom 11. bis zum 16. September mit einem eindrucksvollen Materialaufgebot über 1.240 Firmen dieser Hochtechnologiebranche aus 46 Ländern ihre zivilen und militärischen Entwicklungen, Produktfamilien sowie angegliederte Service- und Dienstleistungspaletten.

In diesem Jahr war Polen das ausgesuchte Partnerland und nutzte das Rampenlicht, um einem internationalen Publikum verstärkt eigene Produkte zu präsentieren. Medienvertreter aus 65 Ländern berichteten über das ak­tuelle, teils spektakuläre Programm der „Berlin Air Show“. Die 282 Fluggeräte wurden entweder als stationäre Demonstratoren auf den zahlreichen Stellflächen oder in den regelmäßigen Flugvorführungen dem Publikum präsentiert.
Der weltweit modernste Militärtransporter Airbus A400M konnte hier einem begeisterten Publikum sein ganzes Können demonstrieren. Obwohl die Truppe es dringend benötigt, ist die Einführung des Großraumflugzeugs in einem Sumpf aus politischen Querelen der beteiligten EU-Länder steckengeblieben.

Weltkriegsveteranen in der Luft
Ein großer Höhepunkt der ILA in diesem Jahr war die Flugschau der Traditionsflugzeuge. Aus dem Bestand der Messerschmitt-Stiftung, die jetzt zu EADS gehört, bestaunten die Zuschauer die Vorführungen einer Messerschmitt Me 109 und einer Me 262, des ersten Düsenjägers der Welt. Besonders die anwesenden US-Piloten, die aus ihren Düsenflugzeugen geklettert kamen, konnten ihre Begeisterung über diese beiden deutschen Weltkriegs­veteranen kaum zügeln. Der Anblick und die Geräuschkulisse zogen jeden in ihren Bann.

In zahlreichen Pressekonferenzen, Seminaren und Fachgesprächen haben verschiedene internationale Hersteller, wie MTU Aero Engine, Northrop Grumman (EURO HAWK) oder  Airbus und die ESA das räumliche Angebot der ILA genutzt, um durch Referenten ihr Portfolio einem Fachpublikum vorzustellen, und sich anschließend einer breiten Experten-Diskussion gestellt.
Der größte Flächennutzer war auch dieses Jahr wieder die Bundeswehr, die sich mit zahlreichen Exponaten und der praktischen Präsentation des Fähigkeitstransfers ihrer fliegenden Komponente sowie mit einer vielseitigen, wenn auch überschaubaren statischen Geräte- und Ausstattungsausstellung einbrachte. Der größte Blickfang war der Bereich für die Drohnentechnologie. Durch die aktuelle Diskussion in Deutschland um bewaffnete, ferngelenkte Flugplattformen für die Bundeswehr war das Interesse an diesen Systemen entsprechend hoch.

Die Gelegenheit, durch interessante Vorführungen auch ein junges Publikum anzusprechen und als potentiellen Nachwuchs für eine Soldatenlaufbahn zu gewinnen, ist dabei allerdings nicht ausgeschöpft worden. Bundes­minister der Verteidigung Thomas de Maizière (CDU) besuchte am Nachmittag des 13. September die Ausstellung. Seine ersten Ziele waren die Freifläche und die Ausstellungshalle der Bundeswehr. Begleitet wurde er vom Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner. In Gesprächen mit den auf der ILA eingesetzten Soldaten und zivilen Mitarbeitern hat sich der Minister einen Überblick über die verschiedenen Bereiche verschafft. Darüber hinaus galt der Besuch ausgewählten Ausstellern.

Militärische Einsätze
Da die militärischen Einsätze in immer stärkerem Maße globalen Charakter haben, sind die notwendigen Rü­stungsvorhaben für solch komplexe Aufgabenfelder meist nur noch in Kooperation mit anderen Ländern realisierbar. Großprojekte wie der Airbus A400M, der Eurocopter „Tiger“ oder der NH-90 lassen jedoch auch die Grenzen der anfangs gemeinsamen Interessen erkennen. So werden häufig mangelhafte Kommunikation, fehlende NATO-Standards oder sogar politische Eigenmächtigkeiten zum Einführungshemmnis für von der Truppe im Einsatzland dringend benötigte Wehrtechnik. Messen wie die ILA bieten da eine wertvolle Plattform für Begegnungen und den fruchtbaren Austausch in einem entspannten „Fach-Klima“ zwischen Herstellern, politischen Entscheidungsträgern und End­abnehmern. Die zahllosen militärischen Besuchergruppen aus der ganzen Welt waren teils an den exotisch wirkenden Uniformen zu erkennen. China war hierbei genauso mit einer hochrangigen Delegation vertreten wie beispielsweise Brasilien und Malaysia. Insgesamt waren Experten und ­Einkäufer aus 19 Nationen auf der ILA gemeldet.

Der Hubschrauber-Bereich konnte mit zahlreichen Premieren aufwarten. Die erstmals auf der ILA gezeigten Modelle des Eurocopters EC145-T2, des UH-72 „Lakota“ als Light Utility Helicopter der US-Armee und des Hybrid-Demon­strators X-3 fanden ihr Publikum. Die vielbeachtete­ und -fotografierte Flugvorführung dieses Typs war einer der Höhepunkte der diesjährigen ILA. Diese modernen Hubschrauber haben eine fast unbegrenzte Agilität und ermöglichen es der Besatzung, auf jede Anforderung eines Einsatzes bedarfsgerecht zu reagieren. Die Piloten gaben auf alle Fragen gerne detaillierte technische Auskunft.

Universelle Automatisierung
Die Bandbreite nationaler und internationaler Aussteller zeigte unter dem Diktat des allgemeinen Spar­zwanges einen klaren Schwerpunkt: Die universelle Automatisierung von Komponenten in allen technischen Modulen. Dabei entstehen mutige Denkmodelle, wie ­unbemannte, halbautonome schwimm- oder flugfähige Waffenplattformen, die beispielsweise vorgegebene See- und Landabschnitte beobachten und gleichzeitig aktiv absichern. Die Möglichkeiten für einen Einsatz der ferngelenkt oder autonom arbeitenden Flugplattformen sind sehr vielseitig, so daß diese bereits in zahlreichen zivilen oder behördlichen Bereichen Anwendung finden. Ob für die Feuerwehr im Spüreinsatz in gefähr­lichen (z.B. kontaminierten) Gebieten oder für auto­nome Aufklärungsflüge bei akuter Waldbrandgefahr – die fliegenden Sensoren können ein wertvolles Werkzeug sein.  In diesem Jahr hatte die ILA der Entwicklung in diesem Segment Rechnung getragen und erstmals einen eigenen UAS-Plaza (unbemannte Fluggeräte) eingerichtet. Um dem zahlreich angereisten Fachpublikum eine Übersicht über das Gesamtangebot zu verschaffen, wurden die führenden Anbieter auf diesem Unmanned Aircraft Systems-Bereich konzentriert. Hier waren insgesamt 80 UAS-Hersteller mit ihren fliegenden Hochtechnologiesystemen vertreten. Die umfangreiche Produktbandbreite reichte vom kleinen unbemannten, fern­gelenkten System bis zum autonomen Großflug­gerät für die militärische Nutzung. Nach Schätzung der US-Teal Group werden sich weltweit die Ausgaben für militärische UAS in den kommenden Jahren bei zirka 11,4 Milliarden US-Dollar bewegen. Eine ganze Branche wird sich neu bilden und darauf ausrichten, die weltweit steigende Nachfrage zu bedienen. Deutsche Ingenieurskunst wird dabei weiterhin eine wesentliche Vorreiterrolle spielen.

Die kommende ILA-Veranstaltung Ende Mai 2014 wird voraussichtlich ein stark verändertes Bild einer neuen AeroSpace-Branche widerspiegeln.

Ralf  Schreiber

Kommentieren ist momentan nicht möglich.