Der Ulrichsberg ruft

DMZ vor Ort: Ulrichsberggedenken 2012 in Kärnten
Herrlicher Sonnenschein liegt am 16. September über den Kärntner Alpen, spätsommerliche Wärme. Auf dem Ulrichsberg findet das traditionelle Ulrichsberggedenken statt. „Das Wetter spielt mit“, freut sich ein Teilnehmer. Die Gedenkveranstaltung hat Geschichte: Schon zum 52. Mal wird auf den Berg geladen, um der Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs und des Kärntner Abwehrkampfes sowie der glücklich heim­gekehrten Kriegsgefangenen zu gedenken. Eingeladen hatte wie jedes Jahr die „Ulrichsberggemeinschaft Heimkehrer- und Europagedenkstätte“. Die Gemeinschaft hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und 1959 erstmals das Gedenken auf dem Ulrichsberg ausgerichtet. Seither fand die Veranstaltung bis 2008 jährlich auf dem Berg statt. Nach drei Jahren Pause – in denen nicht auf dem Berg, sondern in einer benachbarten Ortschaft gedacht werden konnte – ist das Ulrichsberggedenken nun wieder auf „seinen“ Berg zurückgekehrt.

Der Ulrichsberg liegt zwischen der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt und der Herzogstadt St. Veit im „Zollfeld“ – eine der schönsten Gegenden des österreichischen Bundeslandes und wohl ganz Österreichs. Hoch oben auf dem Gipfel des über 1.000 Meter hohen Berges befindet sich die Heimkehrer- und Europagedenkstätte in der re­staurierten Ruine einer alten Kapelle. An deren Mauern ehren unzählige Gedenktafeln verschiedener Traditions- und Veteranenverbände, des österreichischen Bundesheeres und anderer Organisationen und Vereine die Gefallenen. Neben der Kapelle steht seit dem 12. Oktober 1958 stumm und eindrucksvoll das riesige, stählerne Heimkehrerkreuz, das sich schon von weitem über dem Berggipfel erhebt. Vor dem Kreuz stehen zwei schlichte Gedenksteine, einer für die Gefallenen und Heimgekehrten – er dient auch als R­ednerpult –, daneben der Europagedenkstein.

Mehr als 600 Gäste kamen
„Der Ulrichsberg ruft!“, lautet ein Motto der Ulrichsberggemeinschaft – und viele, viele kamen. Mehr als 600 Gäste haben die Veranstalter gezählt, lange Bankreihen stehen für die Besucher bereit. Dabei fällt auf, daß längst nicht nur Veteranen den Weg auf den Berg gefunden haben. Alle Generationen sind zusammengekommen, der Anteil Jugendlicher und junger Erwachsener ist erstaunlich hoch. „Die Teilnahme der Jugend ist uns sehr wichtig“, bestätigt denn auch Hermann Kandussi, seit diesem Jahr Präsident der Ulrichsberggemeinschaft. „Wir wollen das auch in Zukunft fördern, denn nur mit der Jugend hat das würdige Gedenken auf dem Ulrichsberg Zukunft.“

Zum Auftakt der Veranstaltung ziehen Fahnenträger auf und beziehen vor dem Heimkehrerkreuz an den Gedenksteinen Position. Es folgen Eröffnungsworte und Grußreden von Politikern wie dem Klagenfurter Stadtrat Wolfgang Germ (FPK) sowie Vertretern befreundeter Verbände. Die Redner sprechen ihre Solidarität aus, Germ sichert auch für die Zukunft die Unterstützung der Stadt Klagenfurt – die Ulrichsberggemeinschaft wird von der Stadt und dem Land Kärnten jährlich mit über 10.000 Euro gefördert – zu. Beifall. Mit dem 18jährigen Lukas Moser, Obmann der Jungen Vertretung des Kärntner Abwehrkämpferbundes und Landesobmann der Freien Schülerschaft Kärntens, kommt auch ein Vertreter der Jugend zu Wort. Zwischendurch singt ein kleiner Chor Heimatlieder. Als die Glocken der Kapelle ertönen, er­heben sich die Besucher.

„Nie wieder Krieg“
Präsident Kandussi kündigt die Festredner an. Drei Veteranen sprechen. Es sei ihm sehr wichtig, daß die Festredner wieder Veteranen und Heimkehrer seien, erklärt Kandussi im Gespräch mit der DMZ. In den letzten Jahren waren die Festreden vor allem von Politikern gehalten worden. Nun wolle man – solange es noch möglich sei – wieder die Erlebnisgeneration zu Wort kommen lassen. Nicht zuletzt auch, um der Politisierung des Gedenkens einen Riegel vorzuschieben und zu den eigentlichen Inhalten zurückzukehren.
Einer der Festredner ist Herbert Belschan von Mildenburg. Als junger Mann hatte er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Schon die Ankündigung von Mildenburgs als Festredner sorgte für Wirbel. Medien und Vertreter der österreichischen Grünen machten Front gegen den Soldaten. Ein ehemaliger Waffen-SS-Mann dürfe nicht sprechen, forderten die linken Ulrichsberggegner. Das Ulrichsberggedenken sei rückwärtsgewandt und kriegsverherrlichend, ätzten Medien und Grüne.
„Jungs mit Charakter“
Die Gemeinschaft zog die Ankündigung zurück – allerdings nur zum Schein. Auf dem Berg kommt dann die Überraschung: Belschan von Mildenburg werde doch reden, man habe die Ankündigung nur zurückgezogen, um den Redner im Vorfeld vor Anfeindungen zu schützen. „Die Waffen-SS-Männer sind Soldaten wie alle anderen auch“, führt Kandussi aus. Man lasse sich nicht vorschreiben, wer auf dem Berg sprechen dürfe. Tosender Beifall. Kandussi freut sich sichtlich, den Medien ein Schnippchen geschlagen zu haben. Ein Veteran der Jagdflieger erklärt jungen Leuten am Rande der Veranstaltung, daß er den Wirbel nicht verstehe. Die Waffen-SS sei „eine ganz phantastische Truppe gewesen“. „Die Jungs hatten Charakter, das waren ganz anständige Kerle. Ich kann nichts Schlechtes über die Waffen-SS sagen!“ Wohl auch um der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, betont von Mildenburg in seiner Rede trotzdem, nur als Heimkehrer zu sprechen, und verweist – wie auch die anderen Festredner – auf das Motto des Gedenkens
„Für den Frieden – Nie wieder Krieg!“.

Nach den Festreden ziehen die Fahnenträger unter Applaus ab, das Publikum liefert stehende Ovationen. In der Kirchenruine werden feierlich Kränze niedergelegt.
Der versöhnliche Hinweis von Mildenburgs blieb von den Gegnern des Treffens allerdings ungehört, die Kritik an seiner Rede steigerte sich nach dem Gedenken bis ins Hysterische. Auf den Vorwurf, das Ulrichsberggedenken wäre kriegsverherrlichend und würde alte Feindschaften wachhalten, kann Gemeinschaftspräsident Kandussi nur den Kopf schütteln. Wer so etwas sagt, hätte das Gedenken gar nicht verstanden. Freunde und Besucher aus 16 Nationen seien auf den Berg gekommen, man reiche auch den ehemaligen Gegnern die Hand und lade sie ein, aller Gefallenen der Kriege, gleichermaßen würdig zu
gedenken. Es herrsche ein Geist der Versöhnung. Die ­Kritik könne er nicht ernstnehmen.

Die Ulrichsberggemeinschaft geht gelassen mit den Angriffen von links um. Die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS haben seit jeher einen Platz bei dem Gedenken. Der ehemalige österreichische Bundesminister und Vizekanzler Herbert Haupt (FPK), der auch Vizepräsident der Ulrichsberggemeinschaft ist, erklärte im Nachhinein denn auch, er finde es „nicht problematisch“, daß von Mildenburg reden konnte. Man steht geschlossen zusammen.
Freundschaft gekündigt
Doch während sich die einen solidarisieren und auch hohe Landespolitiker sich zur Ulrichsberggemeinschaft bekennen, hat ausgerechnet der österreichische Vertei­digungsminister Norbert Darabos – ein SPÖ-Parteifreund Kandussis – der Ulrichsberggemeinschaft den Fehdehandschuh hingeworfen. 2009 verabschiedete der Mini­ster einen Erlaß, in dem er die Unterstützung des Ulrichsberggedenkens zukünftig untersagte und seinen Soldaten verbot, in Uniform an der Veranstaltung teilzunehmen. Zuvor hatte das Bundesheer das Gedenken aktiv unterstützt, unter anderem mit Transportkapazitäten, Militär­kapelle und Ehrenwache. Für Kandussi ist das unverständlich, nirgendwo sonst würde sich ein Verteidigungsmini­ster dem Gedenken der eigenen Gefallenen verweigern.
Der Verlust der Unterstützung des Bundesheeres sei zwar zu verkraften, dennoch sei es schade, daß die Soldaten nicht mehr auf den Berg kommen dürfen, meint Kandussi. Er werde sich darum bemühen, daß sich das zukünftig wieder ändert.

Auch in der Kärntner Bevölkerung ist man dem Gedenken auf dem Ulrichsberg offenbar mehr zugetan, als Me­dien und Grüne glauben machen wollen. Präsident Kandussi spricht von einer grundsätzlich wohlwollenden Stimmung, die Kritiker seien in der Minderheit. Und er scheint Recht zu haben: Zu einer linken Protestveranstaltung in der Landeshauptstadt Klagenfurt fanden sich gerade einmal 24 Teilnehmer ein. Eine Kundgebung in Krumpendorf, wo sowohl am 14. wie auch am 15. September gesellige Abende der Ulrichsberggänger veranstaltet wurden, hat die Polizei gar aus Mangel an Teilnehmern vorzeitig für beendet erklärt. Dennoch darf man die Gegner der Ver­anstaltung nicht unterschätzen, denn nicht immer ist es in der Vergangenheit bei kläglichen Protesten geblieben. 1997 wurde die Gedenkstätte zerstört, eine Gedenktafel erinnert an diese „schändliche und pietätlose“ Tat. Mit Spendengeldern konnte der Schaden behoben werden.

Heute ist alles wieder hergerichtet, die Gedenktafeln sind saniert. Und auch ohne Ehrenwache des Bundesheeres liefert die Stätte einen würdigen Anblick. Die Ulrichsberggemeinschaft, ihre Unterstützer und Freunde wollen dafür sorgen, daß das auch so bleibt. Damit es auch in Zukunft jedes Jahr im September wieder heißt: „Der Ulrichsberg ruft!“

Ulli Vader

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