Zitadelle der Heiligen

St. Helena: Der Verbannungsort Napoleons heute

Die südatlantische Insel St. Helena, berühmter letzter Verbannungsort Napoleons, wird von den In­sulanern ganz offiziell „Saints“ genannt – die „Heilige“. Und die Insel war nicht nur als Verbannungsort beliebt, sondern auch wegen ihrer strategischen Bedeutung.
Es war der exilierte Napoleon, der die Hochrüstung herbeiführte. Denn bis zu seiner Anlandung im Jahre 1815 hatte die 1502 von Portugiesen entdeckte und seit 1659 in britischem Besitz befindliche Insel viele Jahre in unschuldigem Dornröschenschlaf dahingedämmert. Das sollte sich nun ändern. Nach Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo wurde der Korse an eine Stätte verbracht, die ein Entkommen unmöglich machte – das Fiasko von Elba, von wo Napoleon bereits einmal aus der Verbannung zurückkehrte, und ein neuerlicher Flächenbrand über Europa durften sich nicht wiederholen. Die siegreichen Briten wählten mit St. Helena einen der ab­gelegensten Orte der Welt – nach allen Seiten dehnen sich endlose Strecken leeren Ozeans –, um ihren Gefangenen ein für allemal wegzusperren. Das Eiland selbst ist zudem ein extrem raues und zerklüftetes Stück Vulkangestein, für eine Anlandung von Truppen, um Napoleon etwaig zu befreien, denkbar ungeeignet.

Gefährlichster Mann der Welt

Napoleon war in den Gipfeljahren seines militärischen Ruhms der gefährlichste Mann der Welt, und er hatte auch als Exilant auf St. Helena diese Aura nicht völlig eingebüßt. Man hatte ihn und seinen „Hofstaat“ von etwa 30 Personen im Longwood House, dem großzügigen Sommersitz eines britischen Offiziers (heute ein gepflegtes Museum), recht stilvoll untergebracht, und er konnte sich relativ frei bewegen, unterlag aber per­manenter scharfer Bewachung. Wohl weniger um ihn am Ausreißen zu hindern, denn da ergab sich keinerlei Per­spektive, als aus reiner Schikane. Der Sträfling beschwerte sich beim Inselgouverneur Hudson Lowe, einem Mann von bestürzender Engstirnigkeit, wiederholt bitter dar­über, daß auf seinen Ausritten britische Offiziere ständig mit ihm einhergaloppierten und daß sich aus den Gartenanlagen seiner Residenz andauernd Ferngläser auf ihn richteten. Aber er stieß auf taube Ohren. Er war eben der Verlierer und mußte sich kleine Gemeinheiten (wie eine Sperrstunde um 21 Uhr) gefallen lassen, konnte sogar froh sein, daß man ihn nicht kurzerhand aufknüpfte. Enerviert von dem Geschacher verließ er seine Bleibe in seinen letzten zwei Lebensjahren überhaupt nicht mehr und starb am 5. Mai 1821 als Schwerkranker an einem riesigen Magengeschwür, wie eine Obduktion erweisen sollte.

Trotz der Hilflosigkeit ihres Gefangenen bewegte die Engländer die unablässige Sorge, eine französische Flotte könnte heransegeln, um den einstigen Kaiser und Oberbefehlshaber gewaltsam zu befreien. Die britische Gar­nison, obwohl auf stolze 2.800 Mann aufgestockt, hätte gegen eine große Streitmacht geringe Chancen gehabt, und ob die Fran­zosen gleichermaßen großzügig mit den Verlierern verfahren wären wie diese mit Napoleon, stand in den Sternen.

Im Zeichen dieser Paranoia wurde die Insel massiv hochgerüstet, indem man an jedem Punkt der Windrose Kanonen schwersten Kalibers installierte, insgesamt etwa 500, um ein etwaiges Invasionsgeschwader in den Grund zu bohren. Die Topographie der Insel war dabei nur in­sofern hilfreich, als sie fast allerorten hochgelegene Klippen aufweist, von wo man bequem in die Tiefe – und entsprechend weit – schießen konnte. Die Geschütze jedoch in diese Positionen hinaufzuwuchten, war weniger bequem, sondern mit ungemeinen Härten verbunden. Aber die Artillerie kam nicht zum Einsatz, denn eine Befreiungsflotte stach nie in See; die Franzosen waren heilfroh, die napoleonischen Kriege hinter sich gebracht zu haben, und lechzten nach keinen neuen Abenteuern. Die Kanonen liegen heute großenteils noch da, wo man sie einstmals hinbefördert hatte – ein Abtransport wäre zu mühsam gewesen und ist es immer noch. Der heutige Betrachter greift sich angesichts der überall herumliegenden „Wummen“ an den Kopf: Wie konnte es nur gelingen, die tonnenschweren Kaventsmänner auch an Stellen zu plazieren, die selbst ein geübter Kletterer nur unter großen Schwierigkeiten erreicht?

Praxisnaher Geschichtsunterricht
Solchen Gedankengängen kann man nachhängen, wenn man das Glück hat, für einige Zeit auf St. Helena zu verweilen. In Verbindung mit Wanderungen inmitten herrlicher Natur lassen sich immer wieder solche Stätten aufsuchen und die außer Dienst gestellte Artillerie in bewundernden Augenschein nehmen. Ein lebendigerer, praxisnäherer Geschichtsunterricht läßt sich kaum vorstellen.

Wie kommt man hin auf „diese Insel, deren wenig versprechender Anblick so oft beschrieben worden ist,“ so Charles Darwin nach einem Besuch im Jahre 1836, die sich jedoch bei näherer Betrachtung als kleines Natur­paradies entpuppt? Einen Flugplatz gibt es nicht, aber das Postschiff „St. Helena“ verkehrt nach festem Fahrplan ab Kapstadt und ist etwa alle zwei Wochen dort.

Roland Hanewald

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