Psycho-Krieger

85dmz3Fotos toter Kinder und PR-Kampagnen, Anschuldigungen und Ultimaten, Schalmeienklänge und Rebellen-TV: In Libyen versuchten alle Akteure, sich mittels psychologischer Kriegsführung zu behaupten, auf die Gegenseite Einfluß zu nehmen und ihre Ereignisdeutung durchzusetzen. Und dies nicht nur im Land selbst, sondern auch vor der Weltöffentlichkeit.

Im Libyenkonflikt sei „every tool in our toolbox“ (jedes zur Verfügung stehende Mittel) verwendet worden, so der Direktor des Vereinigten Stabs des US-Militärs, Vize­admiral William Gortney. Dazu gehört auch die psychologische Kriegsführung – bei den Amerikanern die Psychological Operations (PSYOPS). Die Amerikaner benannten so 1945 ihre Maßnahmen, Japan zur Kapitulation zu bewegen. Heute bedienen sich die Akteure auf allen wirtschaftlichen und militärischen Kriegsschauplätzen der psychologischen Kriegsführung – selbst die Taliban, für die Medien und PR lange Zeit des Teufels waren, operieren neuerdings mit Facebook und Twitter. Und so auch in Libyen: Die westliche Koalition wandte sie an, die Aufständischen und nicht zuletzt das schließlich von den Rebellen ermordete Staatsoberhaupt, Oberst Muammar al-Gaddafi. Allen war klar: Wie immer sich die Lage in Libyen noch entwickeln möge, die „Kommunikation“ würde dabei eine wichtige Rolle spielen. Es galt und gilt auch nach Gaddafis Tod noch, was General Schwarzkopf, 1991 Kommandeur der Koalitionskräfte im Zweiten Golfkrieg, formulierte: „Ich wußte in der Theorie, wozu PSYOPS da sind – das hatte ich in der Schule gelernt. Aber als ich PSYOPS aus erster Hand erlebte, erkannte ich ihren Wert, der weit größer ist, als ich angenommen hatte. In Zukunft werde ich mich vor jeder Operation um PSYOPS kümmern.“

Stoßrichtungen der Koalition
Die Koalition wandte sich zum einen an die libysche Bevölkerung, setzte sie über die Operationen ins Bild und forderte sie unter anderem mit Propagandaflugblättern auf, sich dem Aufstand anzuschließen. Im Wettstreit um die hearts and minds (die Herzen und den Verstand) wurde betont, daß sich die Waffen ausschließlich gegen die regierungstreuen Truppen richteten – ein Anspruch, der mit den unzähligen zivilen Opfern durch die NATO-Bombardements unvereinbar war, und der zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Rußland und den USA beziehungsweise Großbritannien betreffend dieser „Kollateralschäden“ führte.

Zum zweiten standen die engsten Paladine Gaddafis im Zentrum der Propagandabemühungen. Sie wurden – analog zu Anti-Saddam-Kampag­nen im Dritten Golfkrieg – mit Mails, Fax und SMS regelrecht bombardiert. Diese Maßnahmen dürften mit entscheidend für die Flucht von Außenmini­ster Musa Kusa gewesen sein. Das gilt auch für den Ölminister Schukri Ghanem, der sich auf die Seite der Aufständischen schlug, oder beispielsweise für die fünf Generäle, die Ende Mai den Dialog mit der Koa­lition suchten.

Drittens wurden Gaddafis Truppen aufgerufen, nicht gegen ihre Landsleute vorzugehen und die Waffen niederzu­legen. Drastisch gestaltete Flugblätter stellten sie vor die Alternative, diesem Appell zu folgen oder mit dem Leben zu bezahlen. Parallel dazu verliehen die Bombenangriffe auf Kommandozentralen oder, wie Ende Juli, auf drei Satellitenantennen des libyschen Staatsfernsehens der Propaganda Nachdruck. Hinzu kam – wie die PSYOPS ein Element der sogenannten Information Operations (Info Ops) – die elektronische Kriegsführung mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen Gaddafi und seinen Truppen zu unterbrechen. Es gab also umfassende Bestrebungen, den Informationsraum zu dominieren.

Die Kommunikation war Bestandteil eines durchorchestrierten Arsenals von Operationen und politischen Schachzügen. So sollte die erste Sitzung des Übergangsrates im März ein strategisches Momentum ins Spiel bringen, ebenso Gelder aus Berlin über 144 Mio. Euro und aus Washington über 938 Mio. US-Dollar sowie die Freigabe von bislang eingefrorenen 91 Millionen Pfund aus dem libyschen Öl­geschäft zu Händen der Rebellen. Hinzu kam, daß die USA die Rebellen bereits im Juli 2011 als offizielle Vertreter Libyens anerkannten.

Die Koalition aber hatte einen Schwachpunkt: Sie trat zu wenig geschlossen auf. So hatte jede Nation einen eigenen Namen für ihren Libyeneinsatz. Es fehlte über weite Strecken eine konsistente Kommunikation. Parolen wie „no boots on the ground“ (keine Stiefel auf dem Boden) hatten an Überzeugungskraft eingebüßt – nicht zuletzt wegen der Militärberater, die Großbritannien, Frankreich und Italien in ihre Einsatzkonzepte zur Unterstützung der Rebellen aufgenommen hatten. Ende Juli 2011 hatten London und Paris eine Intensivierung der militärischen Anstrengungen gefordert, in den Reihen der Koalition indes kein Gehör gefunden. Eine stabile Front sieht anders aus.

Hinzu kam eine Schwierigkeit, mit der das Militär immer wieder zu kämpfen hat: Es ist per se gut gerüstet für eindeutige Aufträge wie „Sperren“, „Halten“ oder „Vernichten“, weniger aber für stets neu zu interpretierende wie jenen der „humanitären Militäroperation“, der sich von der Uno-Resolution 1973 ableitete. Im Hinblick auf die Kommunika­tion sind solche Aufträge für die Militärs eine unglaubliche Schwierigkeit.

Nach der Ausrufung des Nationalen Übergangsrats als offizieller Vertretung Libyens im September verschwand das Thema Libyen von den Titelseiten der westlichen Zeitungen. Erst der Tod Gaddafis Mitte Oktober sorgte wieder für Aufsehen. Die unterschiedlichen Gerüchte um seine Entdeckung und Tötung passen auf seltsame Weise zur Dramaturgie, mit der sich Gaddafi über all die Monate hin selbst inszenierte. Daß man den Ort seiner Bestattung geheim hält, hat indes handfeste psychologische Gründe: Wie bei Saddam Hussein sollte kein Wallfahrtsort entstehen.

Rebellen-TV
Die Aufständischen mußten indes, nach dem gewalt­samen Tod ihres Oberkommandierenden Abdel Fattah Junis im Juli, eine heikle Phase durchstehen – und zwar nicht zuletzt in Hinsicht auf die Kommunikationsfront, wo möglichst viel Konsistenz und Konstanz angezeigt waren.

Bemerkenswert ist der seit dem April von Katar aus betriebene Propaganda-Fernsehsender Libya TV, der „neue Kanal für die freien Libyer“. Libya TV operiert, wie das bei PSYOPS immer häufiger der Fall ist, mit zivilem Fachwissen: Das Management und die rund hundert Mitarbeiter sind Profis, rekrutiert über Facebook und Exilantenkreise. Unterstützung bietet zudem BBC. Dem Zuschauer begegnet revolutionärer Schwung – so verzichten die Moderatorinnen ostentativ auf den Schleier. Gesendet wird täglich zwölf Stunden lang mit einem einstündigen Nachrichtenblock über Mittag. Finanziert wird der Sender von Exil-Libyern; ein in Großbritannien lebender Geschäftsmann spendete 200.000 Pfund. Der vom katarischen Emir al-Thani finanzierte Sender Al Dschasira sowie die Rebellen-Internetseite Libya al-yaum waren und sind weitere Anti-Gaddafi-Stimmen im Kampf um die Deutungshoheit, der sich um die Frage dreht: Wessen Version der Dinge setzt sich durch?

Schalmeienklänge und Kampf gegen Windmühlen
Den Aufständischen gegenüber standen die Regierungs­medien sowie zeitweilige Internetabschaltung, elektronische Kriegsführung und Schikanen bis hin zu Gewalt gegenüber westlichen Journalisten, die offensichtlich die Propagandatrommel zugunsten der Rebellen rührten. So ist im April der britische Fotograf und Oscar-nominierte Filmemacher Tim Hetherington getötet worden, dessen Bild eines US-Soldaten in Afghanistan zum Foto des Jahres 2007 gekürt worden war und dessen Afghanistan-Film „Restrepo“ 2010 für Aufsehen gesorgt hatte. Gaddafis Sprachrohre berichteten regelmäßig von Tausenden von Opfern unter der Zivilbevölkerung, verursacht durch Operationen der Koalition. Gaddafi versuchte zudem, mit der Aussicht auf Darlehen, Ausbildung, Gesundheitsversorgung, Jobs und Reformen die Bevölkerung auf seine Seite zu bringen. Das war ihm ein Stück weit schon vor dem Konflikt gelungen – es gab bereits Profiteure dieser Po­litik, und es wäre naiv anzunehmen, daß sich ganz Libyen hinter die Aufständischen gestellt hätte.

Gaddafi nutzte zudem die offensichtliche Uneinigkeit der Koalition aus, indem er mal hier, mal dort Friedensangebote machte oder versprach, mit Hilfsorganisationen zu kooperieren. Die Diskussionen über seine Zukunft machten seine Gestalt nur noch schwerer faßbar. Angesichts schwindender militärischer Kräfte griff er außerdem zur Strategie der Täuschung: An der Front trugen seine Soldaten beispielsweise Gasmasken, was Angst vor dem Einsatz von C-Waffen weckte. Zudem profitierte er von Gerüchten, daß ihm er­gebene Truppen die Reihen der Aufständischen infiltrieren würden. Selbst die Greuelpropaganda der Gegner und die Gerüchte, daß seine vorwiegend aus Afrika stammenden Söldner systematisch Greuel begehen würden, brachten ihm Vorteile, denn auf diese Weise wurde Angst bei Rebellen und mit diesen sympathisierenden Zivilisten gesät. Auch von Yellowcake, also waffenfähigem Uran, war die Rede, oder von eingebunkertem Senfgas. Doch bei objektiv immer schwächerem militärischen Stand nützen irgendwann auch die abenteuerlichsten Winkelzüge nichts mehr. Das war schon früher so, heute aber muß, wer als nahezu Isolierter seine Konstrukte durchsetzen will, einen nahezu aussichtslosen Kampf führen: gegen die Omnipräsenz der Weltöffentlichkeit, der herkömmlichen (journalistisch-basierten) und der neuen (Jedermanns-)Medien, gegen die alltäglichen Proteste in Graffiti-Form (bemalte und besprühte Wände), Handzettel und spontane Aktionen und gegen die ungemein flinken und flexiblen Internet-Blogs und -Foren. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Syrien, wo die angebliche staatliche Gewalt Anlaß zu weltweitem Protest gibt, geben ebenfalls ein beredtes Beispiel von diesem Kampf gegen Windmühlen.

Gaddafi ließ dennoch keinen Trick unversucht, um in der Kommunikation die Oberhand zu gewinnen. So spielte er im libyschen Staatssender demonstrativ gelassen Schach, trat als Verteidiger des Islam gegen die „Kreuzfahrer“ auf, suchte den Schulterschluß zu anderen isolierten Machthabern wie dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, entwischte dem Gegner immer von neuem – und verfiel dabei nach und nach vielleicht tatsächlich in Realitätsverlust, denn der Kampf war längst verloren. Seine Kommunikation drehte sich nur noch um sich selbst, sie wurde aggressiver, und es wechselten sich schließlich nur noch Tiraden auf den Gegner und Schalmeienklänge für jene ab, die ihm noch die Treue hielten.

Greuelpropaganda?
Zum „Nebel des Krieges“ gehörten auch hier Gerüchte und Täuschungsmanöver. Gaddafis Truppen wurden der Viagra-Exzesse und der Massenvergewaltigung beschuldigt – ein unbewiesener Vorwurf, den Rebellen, aber auch libysche Flüchtlinge erhoben –, ebenso des Mißbrauchs von Zivilisten als menschliche Schutzschilde und des Auftretens als Zivilpersonen. Greuelgeschichten, die – sollten sie wahr sein – von barbarischer Brutalität zeugen. Greuelgeschichten, die aber auch an die Propagandalügen der Entente im Ersten Weltkrieg erinnern, als es hieß, deutsche Truppen hätten belgischen Kindern die Hände abgehackt. Und prompt wurden im Zusammenhang mit den erwähnten Vergewaltigungen Zweifel laut, nicht zuletzt von Mahmud Cherif Bassiouni, der in der Untersuchungsgruppe des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen den Vorsitz innehat. Wo letztlich die Wahrheit steht, ist schwer zu eruieren – die moralische Abwertung des Gegners aber ist so alt wie der Krieg selbst. Im Jargon des Kriegsmarketings trägt sie die zweifelhafte Bezeichnung „Grausamkeits-Management“.

THOMAS A. MÜLLER
Thomas A. Müller, Dr. phil., war über Jahre Kompaniechef und ist heute Chef Medien und stellvertretender Chef Kommunikation einer Brigade im Rang eines Majors. Er absolvierte einen multinationalen Lehrgang für Public Information Officers (PIO) und ist Autor des im März 2011 erschienenen Buchs Von Troja bis PSYOPS. Facetten der psychologischen Kriegsführung. Mit einem Geleitwort von Brig.-Gen. a. D. Dieter Farwick.

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