Der Atlantikwall

85dmz2Monumentales Bauwerk des Zweiten  Weltkrieges

Nach dem Sieg im Westen über Frankreich 1940 und dem Präventivschlag der Wehrmacht gegen die zum Angriff aufmarschierte Rote Armee 1941 befand sich die Masse der deutschen Streitkräfte in den Weiten Rußlands. Um der Gefahr einer alliierten Invasion im Westen zu begegnen, wurde auf Befehl Hitlers durch die Organisation Todt mit dem Bau eines gewaltigen Bollwerks am Meer begonnen, von der spanischen Grenze im Süden bis zu den Küsten Norwegens im Norden. Zum Schutz des Reiches entstanden im Laufe der Jahre tief­gestaffelte Verteidigungsstellungen, gewaltige Bunkerwerke zur Deckung weittragender und schwerer Geschütze, Funkmeßanlagen zum Erfassen und zu frühzeitiger Bekämpfung feindlicher Bomberströme auf dem Flug nach Deutschland, U-Bootbunker als Stützpunkte für die „Schlacht im Atlantik“, um Großbritannien von seinen Versorgungslinien abzuschneiden und vieles mehr.

Das Kernstück dieses sogenannten Atlantikwalls waren die vier großen Marine-Küstenbatterien im Pas de Calais unmittelbar gegenüber der englischen Küste bei Dover gelegen. Sie wurden zur artilleristischen Unterstützung für die geplante und später abgesagte Landung in England errichtet. Von hier aus wurde dann die Küste von Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen nach Norden sowie die französische Küste nach Süden be­festigt. Die Kanalinseln Jersey, Guernsey und Alderney sowie die Insel Helgoland statteten die Planer mit schwersten Batterien aus. In den Häfen von Brest, St. Nazaire und Lorient wurden U-Bootbunker gebaut. Auf dem Festland verstärkten die Konstrukteure die Feuerkraft der Stellungen oftmals durch den Einsatz von Eisenbahn­geschützen. Die Bunker des französischen Atlantikwalls überstanden wiederholt Angriffe aus der Luft. Selbst schwere Bomben konnten nur in wenigen Fällen Geschütze zum Schweigen bringen.

Strategisch wichtige Punkte
Nach Norden hin nahm die Dichte und Größe der Be­festigungen ab. An strategisch wichtigen Punkten wie dem Skagerrak aber sperrten auf dänischer Seite die „Marineküstenbatterie Hanstedt II“ und die ihr gegenüber auf südnorwegischer Seite bei Kristiansand liegende „Ma­rineküstenbatterie Vera“ die Meerenge. Beide Anlagen ­waren mit vier 38 cm-Schiffsgeschützen in offenen Bettungen ausgestattet. Außerdem verfügten sie über Munitionsbunker mit Eisenbahnanschluß, Flak- und Scheinwerferbatterien sowie Funkmeßgeräte.

Nach Süden hin waren die U-Bootstützpunkte der französischen Atlantikküste besonders stark geschützt, das galt ebenso für die Mündungen der Flüsse Loire und Gironde. Südlich davon eignete sich die Küste bis zur spanischen Grenze nicht für Anlandungen von See und war daher nur gering gesichert.

Der in Australien lebende gebürtige Österreicher Hans-Martin Stahlberg – selbst Architekt – forscht seit Jahrzehnten am wohl größten europäischen Bauwerk. In gleich zwei Bildbänden (Atlantikwall Band I und Band II, erscheint im Verlag Pour le Mérite) präsentiert er nun die beeindruckenden Ergebnisse seiner Recherchen. Darin enthalten: Bislang noch nie veröffentlichtes Farbbildmaterial, welches während der Bauphase und später bei Inspektionen des Bollwerkes von professionellen PK-Fotografen für die deutsche Militärführung angefertigt wurde. Stahlberg, für den der Atlantikwall nicht weniger beeindruckend ist als die chinesische Mauer, hat sein ganzes Herzblut in dieses Werk gesteckt – das merkt man ihm auch an.

Der Atlantikwall war eine lineare Küstenbefestigung von verschiedener Ausbaustärke. An den vermuteten Landestellen und Kampfschwerpunkten (längs des Kanals, vor allem am Kap Gris Nez, an der Seinemündung, im Norden der Halbinsel Cotentin, auf den besetzten britischen Kanalinseln, in Brest und Lorient) war der Ausbau im November 1943, als Generalfeldmarschall Erwin Rommel, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B und Inspekteur der Verteidigungsanlagen, nach Frankreich kam, gut vorangeschritten.

Hitler hatte 1941 den Strand als Hauptkampflinie bestimmt. Der Gegner sollte bekämpft werden, wenn er am wehrlosesten war: beim Anlandgehen. Die Bedeutung der Küstenverteidigung im Westen war spätestens mit der Abwehr eines angelsächsischen Landeunternehmens am 19. August 1942 bei Dieppe akut geworden. Den deutschen Verteidigern war es rasch gelungen, die – zahlen­mäßig schwachen – Angreifer an Land niederzukämpfen. Für die erwartete, großangelegte Invasion der Westalliierten sollte eine andere Taktik angewandt werden: Die Landungsverbände mußten noch auf See bekämpft werden.

Daher sollten die Kanalküste und die britische Inselgruppe vor St. Malo nach einem auf acht Jahre sich erstreckenden Plan zu gewaltigen Festungen umgestaltet werden. So entstanden die „offensive Batteriegruppe“ am Kap Griz Nez mit den Batterien „Lindemann“ (drei 40,6 cm-Kanonen), „Großer Kurfürst“ (vier 28 cm-Kanonen), „Todt“ (vier 38 cm-Kanonen) und „Friedrich-August“ (drei 30,3 cm-Kanonen) als Rückhalt für die Kanalfront.

Auf der kleinen britischen Inselgruppe waren bis Frühjahr 1944 elf schwere Batterien mit 38 Geschützen einsatzbereit, während zu der Zeit auf der Gesamtfront von Dieppe bis St. Nazaire, also auf über 1.000 Kilometern Länge, nur ebenso viele Batterien mit 37 Geschützen standen.

Typische Festung
Eine typische Festung an der französischen Kanalküste war z.B. die schwere Marine-Batterie Marcouf an der Ostküste der Halbinsel Cotentin. In verbunkerten Unterständen standen vier 21 cm-Langrohrgeschütze, sechs 7,5 cm-Flakkanonen und ein 15 cm-Geschütz. Mit 400 Marineartilleristen stellte sie eine nicht zu unterschätzende Abwehrkraft gegen Angriffe von See dar. Bei der Invasion am 6. Juni 1944 zeigte sich jedoch die Schwäche dieser Anlage. Gegen die vom Hinterland angreifenden US-Fallschirmjäger konnten die schweren, nur nach See ausgerichteten Waffen nicht eingesetzt werden.

1944 waren an den offenen Küsten nur Befestigungen in Stützpunktform mit Funkmeßstationen, Befehlsstellen und Batterieständen vorhanden. Die Unterstände waren feldmäßig ausgebaut und infolge Materialmangels selten betoniert.

Rommel forcierte den beschleunigten Ausbau und regte Verbesserungen an. Zur Erschwerung einer feindlichen Anlandung wurden Vorstrandhindernisse angelegt, eine Art künstlicher Korallenriffe.

Gegen Luftlandungen im rückwärtigen Gebiet ließ Rommel Baumstämme in den Boden rammen – die im Landserjargon „Rommelspargel“ genannt wurden –, die mit Drähten verbunden und minenbestückt für Fallschirmjäger zur Todesfalle wurden.

Der Ausbau litt unter dem Mangel an hochwertigem Beton, außerdem waren einheimische Arbeiter und Zulieferer – unter guter Bezahlung – an den Arbeiten beteiligt, womit Spionage- und Sabotageaktivitäten Tür und Tor geöffnet waren.

Insgesamt wurden am Atlantikwall 10.206 Bunker nach dem Regelbausystem errichtet. Dabei handelte es sich um standardisierte Anlagen, die architektonisch vorgefertigt waren und deren Bau verzugslos in die Wege geleitet werden konnte. Sie schlossen die Lücken in der Front zwischen den großen Festungsanlagen, deren Bau jeweils den vorgefundenen Geländegegebenheiten angepaßt werden mußte.

Sensationelle Farbfotos
Der Autor zeigt in den Bildbänden sensationelle, niemals vorher veröffentlichte Farbfotos von den Anlagen, die dem Betrachter bis in die kleinsten Einzelheiten jede Besonderheit der Bauten präsentieren. Das Augenmerk gilt aber auch den Soldaten, ihren Unterkünften, ihrem Leben in und mit den Bollwerken, in denen sie sich mit Hilfe zahlreicher, in liebevoller handwerklicher Klein­arbeit entstandener Verschönerungen häuslich ein­gerichtet hatten. Man sieht Persönlichkeiten der Zeit­geschichte bei der Inspektion, etwa Rüstungsminister Albert Speer, oder im Hinterland stationierte Truppenkommandeure wie z.B. SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich. Der ausführliche Einleitungstext stellt die Entwicklungs- und Baugeschichte dar, erläutert die unterschiedlichen Regelbauten und ihre Verbreitung und geht auf den Kampf der Wehranlagen gegen die am 6. Juni 1944 gelandeten Westalliierten ein. Dieses Werk kann mit Fug und Recht als neues Standardwerk zu Atlantikwall und Bunkerbau bezeichnet werden.

Olaf Haselhorst

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