Operation „Deadlight“

84dmz3Die letzte Fahrt der grauen Wölfe

Die grauen deutschen U-Boote waren es, die während beider Weltkriege die Seeherrschaft Großbritanniens angefochten und wie reißende Wölfe das britische Inselreich umlagert haben und die unsere Vettern jenseits des Kanals mehr als vieles andere ganz besonders gefürchtet haben. Und so verwundert es kaum, daß sie jeweils unmittelbar nach Beendigung der Weltkriege alles daran setzten, „all german subs“ in Bausch und Bogen von den Meeren zu tilgen.

Die im Mai 1945 auf See kapitulierenden deutschen U-Boote mußten unter Hissung einer schwarzen Flagge unverzüglich englische Häfen anlaufen. Eine erste Gruppe von zwölf von Norwegen überführten U-Booten erreichte am 30. Mai 1945 den britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow. Bis zum 5. Juni 1945 kamen dort weitere 52 Boote hinzu. Über 130 Boote wurden dann von den über Deutschland obsiegenden Briten auf den Sammelplätzen Loch Ryan (Südwestküste Schottland) und Lisahally nördlich Londonderry (Loch Foyle/Nordirland) zusammengezogen.

Am 4. Juni 1945 wurden elf Typ XXI-Boote, die bei Kriegsende in den norwegischen Basen verblieben waren, unter englischer Eskorte zum britischen Sammelplatz Lisahally, nördlich von Londonderry (Nordirland) gelegen, überführt. Im Troß der anderen von Wilhelmshaven überführten Bootstypen gelangte auch das Typ XXI-Boot U 3008 Ende Juni 1945 dorthin. Das deutsche Personal muße dort die Boote räumen und wanderte für die kommenden zwei Jahre in britische Konzentrationslager, sogenannte Prisoner-of-War-Camps, obwohl ihnen bei der Abreise noch verheißungsvoll eine rasche Rückkehr nach Deutschland zugesichert worden war.

Aufteilung der deutschen U-Boote
Auf der vom 17. Juli bis 2. August 1945 in Potsdam abgehaltenen Dreimächtekonferenz (Potsdam Heads of State Conference) wurde unter anderem vereinbart, das Gros der noch vorhandenen deutschen U-Boot-Flotte zu versenken und nur 30 U-Boote davon auszunehmen, die zwischen der UdSSR, Großbritannien und den USA zu gleichen Teilen zu Versuchszwecken aufgeteilt werden sollten. Der neu instituierten Tripartite Naval Commis­sion fiel es zu, die entsprechenden U-Boote auszuwählen und ihrer Bestimmung zuzuführen.

Außer einigen anderen Bootstypen wurden acht von den zwölf in Lisahally befindlichen Typ XXI-Booten als Kriegsbeute für die Siegermächte ausgewählt. Für sich behielt England lediglich ein einziges Typ XXI-Boot für einige Jahre, das man für eingehende Studienzwecke zu nutzen gedachte. Anfänglich hatte man das am besten ausgerüstete U 2511 dazu bestimmt. Doch in U 2511 führte eine unsachgemäße Batterieladung durch die Briten zu einer schweren Wasserstoff-Explosion, so daß es für eine Weiterverwendung nicht mehr in Frage kam. Als nächstes sollte U 2502 als Versuchsboot dienen, doch in diesem Boot verursachte man einen Brand bei einer der beiden Hertha-E-Maschinen. Dann fiel die Wahl auf U 3017, das die Beuteboot-Bezeichnung N 41 erhielt.

Doch auch hier zeigte sich, daß das ungeschulte britische Personal nur unzureichend mit den fortschrittlichen Booten umzugehen vermochte. Als bei der Fa. Vickers in Barrow in Furness mit der Batterieerprobung begonnen wurde, ereignete sich am 29. August 1945 auch hier eine Batterieexplosion. Die Admiralität ließ daraufhin alle weiteren Erprobungen stoppen. Zum einen fehlten Ersatzteile und finanzielle Mittel, zum andern hoffte man auf die Testberichte der Amerikaner, die diese über U 2513 und U 3008 erstellen würden. England beabsichtigte, der US-Navy dafür als Gegenleistung die Erprobungsergebnisse zu überlassen, die es mit dem in den Dienst der Royal Navy genommenen deutschen Walter-U-Boot „Meteorite“ ex U 1407 erzielen würde.

Das sich am 15. Mai 1945 auf See den Briten ergebende U 776 war am 23. Mai 1945 als Siegestrophäe nach London gebracht und an der Westminster Pier vertäut worden. Es diente der englischen Bevölkerung als Besich­tigungsboot ebenso wie U 1023, das am 10. Mai 1945 Portland/Weymouth angelaufen hatte. Beide VIIC-Boote fuhren von Mai bis Mitte August 1945 von Hafen zu Hafen, ehe sie im August 1945 nach Loch Ryan gebracht wurden, wo sie mit den Ende Juni 1945 aus Wilhelms­hafen überführten und mit den anderen aus Scapa Flow dorthin verlegten Booten auf den Fangschuß warteten. Am 26. Juni wurde ein Boot (U 637) und am 1. September 1945 wurden 17 in Lisahally liegende U-Boote nach Loch Ryan umverlegt.

Auf einer Konferenz am 5. November 1945 in Rosyth, die unter dem Vorsitz von Commodore I.W. Farquhar der Royal Navy (Chief-of-Staff of the C-in-C/Stabschef der Oberbefehlshaber) stand, wurde festgelegt, die Mehrzahl der Boote in der Operation „Deadlight“ auf Position XX (Codename) etwa 100 Seemeilen nordwestlich von Irland zu versenken. Am 14. November 1945 erging eine genaue Anweisung über die Durchführung der Versenkungsaktion an die britischen Teilstreitkräfte.

Versenkung der Boote
Vom 25. November 1945 an, dem „D-Day for Operation Deadlight“, traten die deutschen U-Boote in jeweils kleinen Gruppen ihre letzte Fahrt an, um englischen Überwasserschiffen und U-Booten als Zielscheibe zu dienen oder aber mittels Sprengsätzen auf Tiefe geschickt zu werden. Die Fahrt der Schleppzüge bis zum Versenkungsgebiet dauerte etwa zwei Tage. Jeweils 18 Boote wurden von Marineflugzeugen (Fleet Air Arm) und von Flugzeugen der RAF Coastal Command durch Bomben versenkt. Sieben Boote wurden von britischen U-Booten torpediert. Nur zwei Boote wurden durch Sprengungen von Wasserbomben auf Tiefe geschickt. Vom 27. November bis zum 30. Dezember 1945 wurden 86 Boote unbemannt von Loch Ryan zur Versenkungsstelle geschleppt, dann be­gaben sich die Eskorteeinheiten und Schlepper zum Loch Foyle, um von dort weitere 30 Boote abzuholen.

Ab dem 29. November 1945 verlegten von Lisahally täglich etwa vier bis sechs Boote mit Hilfe deutschen Maschinenpersonals unter eigener Kraft flußabwärts zu dem an der Mündung des Loch Foyle liegenden Ort Moville, lediglich die unmobilen Typ XXI-Boote mußten geschleppt werden. Am 1. Januar 1946 wurden U 2502 und U 2506 zusammen mit drei VIIC-Booten nach Moville gebracht. Am 2. Januar folgte das von zwei Schleppern gezogene U 2511 sowie am 3. Januar zwei VIIC- und ein XXIII-Boot (U 3514). Der ablaufende Gezeitenstrom erschwerte das Schleppen der Boote, und die Schleppzüge gerieten wiederholt auf Grund.

Überhaupt lief die Versenkungsaktion nicht so, wie die Briten sich das vorgestellt hatten. Obwohl man bereits vorher den Verlust einiger Boote auf dem Wege zum Versenkungsgebiet „XX“ (etwa 55’N/10’W) einkalkuliert hatte, verloren die britischen Marineeinheiten unterwegs 56 der geschleppten Boote oder mußten sie vorher durch Beschuß auf Tiefe bringen – das waren mehr als die Hälfte der zu versenkenden Boote.

Am 2. Januar 1946 wurde U 2502 um 10.30 Uhr auf Position 56°06’N/09°00’W zur Versenkung gebracht und am darauffolgenden Tag durch Artilleriefeuer von „ORP Piorun“ versenkt. U 2506 versank am 5. Januar 1946 gegen 18.10 Uhr auf 55°37’N/07°30’W. Am 7. Januar verließ die vorletzte U-Bootgruppe, bestehend aus den zwei VIIC-Booten U 1010 und U 1023 sowie U 2511, Moville. Auch diese drei Boote gingen an einem anderen als dem Bestimmungsort „XX“ unter.

Um 19.40 Uhr dieses Tages wurde U 2511 – das Boot, welches unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands erfolgreich einen unbemerkten Scheinangriff auf einen Flottenverband der Royal Navy durchgeführt und seine hervorragenden Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte – auf 55°33,08’N/07°38,07’W durch Artilleriefeuer der „HMS Solebay“ versenkt, nachdem die Schleppleine gerissen war.

Marsch nach Osten
U 3515, das die britische Kennung N 30 erhalten hatte, war neben einigen Booten älteren Typs der Sowjetunion zugeteilt worden und befand sich derweil auf dem Marsch nach Osten. Für den Fall, daß eines der Boote bei der Überführung verlorenginge, hatten die Briten neben U 3514 auch das VIIC-Boot U 975 als Reserve für die Sowjets über die Operation „Deadlight“ hinaus bereit­gehalten. Am 7. Februar 1946 kam dann der Befehl, auch U 3514 und U 975 auf Position „XX“ zu versenken.

Zwei Tage später scheiterte der erste Versuch, die zwei Boote hinauszubringen. Das Schleppschiff „Prosperous“ und U 3514 gerieten im Loch Foyle auf Grund. Am 9. Februar 1946 liefen „HMS Loch Skin“ mit U 975 und „Prosperous“ mit U 3514 im Schlepp von Moville zur letzten Versenkungsmission aus, begleitet vom Eskorteschiff „HMS Loch Arkaig“.

Die Wetterbedingungen waren schlecht, und am Morgen des 10. Februar wurde Lieutnant Commander P.U. Sherwood, der die „Loch Arkaig“ befehligte, klar, daß die Gruppe die Position „XX“ nicht vor Sonnenuntergang erreichen würde. Nachmittags gegen 15 Uhr ließ er die Schleppleine von „Loch Skin“ kappen und versenkte U 975 noch bei Tageslicht mit den Bordwaffen der „Loch Arkaig“. Dann schloß er zur „Prosperous“ auf, die U 3514 mit nur drei bis vier Knoten durch die stürmische Nacht zog. Am Morgen des 11. Februar wurde um 9 Uhr die Position „XX“ erreicht, die „Prosperous“ löste die Schleppverbindung zu U 3514 und wurde nach Moville entlassen.

Um 9.36 Uhr eröffnete die Loch Arkaig aus 2.000 Yards Entfernung mit ihren 4-Zoll-Geschützen das Feuer auf U 3514 und erzielte einen Treffer an der Vorderkante von dessen Turm. Nachdem der Eskorter fünf Salven abgegeben hatte, wurde das Geschützfeuer eingestellt, um anschließend Kurzdistanzwaffen (close range weapons) zum Einsatz zu bringen.

Ab 9.58 Uhr setzte die „Loch Arkaig“, sie lag 800 Yards von U 3514 entfernt, ihre „Shark“-Bombenwerfer ein. Das waidwunde U 3514 schwoite stark in der Meeres­dünung und wurde mit dem Ortungssystem Asdic ein­gepeilt. Von sechs abgeschossenen Projektilen trafen zwei und explodierten mittschiffs unterhalb des U-Bootturmes. Ein dritter Treffer prallte vom Turm ab, ohne zu detonieren.

Ölfleck auf dem Wasser
Commander Sherwood entschloß sich, nunmehr das Typ XXI-U-Boot mit „Squid“-Missiles zu attackieren. Doch dazu war die Distanz zum Zielobjekt gegenwärtig zu kurz. Ehe sein Schiff aber eine geeignete Angriffsentfernung erreicht hatte, tauchte der Bug von U 3514 unter. Wenig später richtete sich das Achterschiff des Bootes senkrecht in den Himmel. U 3514 versank nun sehr rasch. Es war 10.04 Uhr. Eine kurze Zeit noch konnten die britischen Marinesoldaten an ihren Hydrophon- und Asdic-Geräten das Sinken verfolgen, ehe das Wrack den Meeresboden in 600 Fuß (rund 92 Metern) Tiefe erreichte. Nur ein Ölfleck blieb noch eine Weile lang als einziges Überbleibsel auf der Meeresoberfläche auf Position 56°00’N/10°05’W zurück, ehe Wind und Wellen ihn auflösten.

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche von der „Admirality Survey“ geortete U-Bootwracks von verschiedenen Taucherteams im kristallklaren Wasser vor der nordirischen Küste betaucht. Im Jahre 1999 entdeckte der irische Taucher Al Wright das in 69 Metern Tiefe auf weißem Sandgrund auf der Seite liegende Wrack von U 2511. Von diesem marinehistorisch hochinteressanten Boot gelangen zwei Jahre später Tauchern der „Operation Deadlight Expedition“ bemerkenswerte Filmaufnahmen.

Die nordirische Hafenstadt Londonderry plant seit 2007 (nach dem Vorbild von U 534, das 1993 im Kattegat gehoben und in Birkenhead auf Merseside aufgestellt worden ist), das noch guterhaltene U 778 vom Meeresgrund zu heben und als Touristenattraktion aufzustellen, um an das Massensterben der deutschen U-Boote zu erinnern. Doch bereits mehrmals scheiterte der Versuch britischer Bergungs­unternehmen, U-Bootwracks der Operation „Deadlight“ emporzuholen, daran, daß alle drei ehe­maligen Alliierten – entsprechend ihren einst in Potsdam getroffenen Abmachungen – einem derartigen Vor­haben zustimmen müßten. ­

Eckard Wetzel

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