Mit Blitz und Donnerhall

83dmz2Das Mittlere Artillerieraketensystem MARS II (MLRS)

Die Grundidee, raketenförmige Kampfmittel auf einen Feind zu schießen, ist so alt, wie es pulverförmige Treibladungen gibt. Auch wenn bis heute nicht zweifelsfrei belegt ist, wer der Erfinder des Schwarzpulvers war, kann davon ausgegangen werden, daß es im 12. Jahrhundert zahlreiche parallel verlaufende Erfindungen in Europa, China und den arabischen Ländern gegeben hat. Dabei konzentrierten sich die Entwicklungen interessanterweise in China eher in Richtung der Raketen, wohingegen europäische Tüftler die Kanonentechnologie bevorzugten.

Im alten China kamen die ersten Raketen als militärische Explosionswaffen, taktische Signalgeber (Leucht­kugeln, verschiedenfarbige Rauchfahnen) oder eher als harmloses Feuerwerk zur Anwendung. Wegen der größeren Präzision der gezogenen Läufe setzte sich jedoch in den nachfolgenden Jahrhunderten beim Militär letztendlich die Rohrartillerie als Standard durch. Es spielte dabei aber auch die insgesamt unkompliziertere Handhabung und Logistik eine Rolle. Trotzdem wurde das Raketenkonzept immer wieder aufgegriffen. So experimentierten der Franzose Friossart 1410 und der deutsche Forscher Johannes Schmidlap 1591 weiter an der Idee. Sie entwik­kelten das Werfersystem und die Mehrfachstufen maßgeblich weiter. Der erste belegte, großflächige Raketenwerfereinsatz in Europa wurde von der britischen Marine 1807 gegen die dänische Hauptstadt Kopenhagen durchgeführt. Der dabei ausgelöste Großbrand richtete in der Stadt so schwere Schäden an, daß sich die Verteidiger bedingungslos ergeben mußten. Raketen kamen aber insgesamt in den Folgejahren meist nur noch in der Küstenverteidigung bzw. in der Seenotrettung zum Einsatz.

Versuche mit Raketenwerfern
In den Jahren des Ersten Weltkriegs wurden erneute Versuche mit Raketenwerfern gestartet. Auf deutscher Seite sind beispielsweise unter der Federführung der Luftwaffe Luft-Luftraketen für die Bekämpfung von feindlichen Bombern und Luftschiffen erprobt worden. Diese Tests waren jedoch (noch) nicht zukunftsträchtig und sind nach kurzer Zeit wieder eingestellt worden. Erst dem Heer gelang es in der Folgezeit, eine einsatzreife Rakete mit entsprechender mobiler Abschußvorrichtung zu entwickeln und zum Einsatz zu bringen. Auch wenn dieses 15 Kilogramm schwere Raketensystem nur eine Höchstreichweite von 5.000 Meter hatte, bildeten die dabei gewonnenen Erkenntnisse die Grundlage für die nachfolgenden Entwicklungen. Aus diesem Prototyp entstanden zahlreiche Nachfolgemodelle.

Allgemein gilt in Sachen Mehrfach-Raketenwerfertechnologie die Sowjetunion als Vorreiter und erster militärstrategischer Anwender. Bereits 1938 stellten ihre Ingenieure erste mobile Startvorrichtungen auf einer Demonstrationsvorführung der Militärführung vor. Der er–ste belegte moderne Raketenwerferangriff wurde im Juli 1941 auf den russischen Bahnhof von Orscha durch­geführt. Mit einem starken Feuerschlag schlugen die Raketen in die dortige Truppenkonzentration der Wehrmacht ein. Dieser Erfolg hinterließ auf beiden Seiten einen bleibenden Eindruck. Sofort ordnete die sowjetische Regierung für die Rote Armee eine großangelegte Massen­beschaffung der ersten fronttauglichen Muster an. Obwohl die Nachteile, die dieses Waffensystem baubedingt mit sich bringt, erheblich sind, entspricht ihr Einsatzkonzept genau der vorherrschenden sowjetischen Gesamtstrategie, nämlich feindliche Kräfte nicht in längeren und zähen Schlachten zu besiegen, sondern diese bereits in der Aufmarschphase mit massiven Feuerwalzen schlagartig und vollständig zu vernichten.

In der Roten Armee wurden bis 1945 ganze Gardewerfer-Abteilungen mit über 5.000 Stück an die Fronten geworfen. Diese unterstützten und verstärkten dort die unzähligen Schützendivisionen.

Auf Seiten der Wehrmacht sind ebenfalls verschiedene Muster von Mehrfachraketenwerfern zum Einsatz gekommen. Unter den Tarnnamen „Nebelwerfer“ und „Panzerwerfer“ sind unterschiedlichste Werfersysteme und Kaliber an die Front gekommen. Ihre Anzahl erreichte aber nicht annähernd die der sowjetischen Waffensysteme.

Großer Streukreis
Die Raketenwerfer hatten im Vergleich zur Artillerie einen großen Streukreis und einen hohen Zeitaufwand beim Nachladen. Ihre wesentlichen Vorteile lagen in der ko­stengünstigen Beschaffung und der sehr schnellen Feuerrate. Die Reichweiten betrugen je nach Typ von 2,5 bis zu 20 Kilometer. Die verschiedenen Varianten hatten zwischen 6 und 54 Rohre. Die Kaliber betrugen dabei bis zu 240,9 Millimeter im Durchmesser und hatten tödliche Streukreise von bis zu 100 Metern je Sprengkopf. Das Abfeuern einer Batterie dauerte nur wenige Sekunden, und die Sprengköpfe schlugen auch mit dieser geringen Verzögerung im Zielgebiet ein. Der Sammelbegriff für die vielen unterschiedlichen Muster sowjetischer Raketenwerfer war deutscherseits „Stalinorgel“. Die Russen nannten sie  „Katjuscha“, die Koseform des weiblichen Vor­namens Katharina.

In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren die zahlreichen sowjetischen Raketenwerfer auch wieder auf fast allen nachfolgenden Konflikt- und Kriegsschauplätzen zu finden. Ob in Korea, Vietnam, in den afrikanischen Bürgerkriegen oder aktuell im Irak und in Afghanistan kommen noch viele alte und neuere Raketenwerfer zum Einsatz. Ihre günstige Anschaffung und leichte Bedienbarkeit machte sie auch für Ungeübte zu einer begehrten, aber verheerenden Waffe.
Die Bundeswehr erhielt 1990 das in den USA gebaute Mittlere Artillerieraketensystem MARS / US-MLRS (Multiple Launch Rocket System). Es löste das noch auf einem Lkw montierte „Leichte Artillerie-Raketen-System (LARS)“ ab.

Der MARS ist ein autonomes, auf einem Panzerunterbau basierendes Mehrfachwerfersystem. Die bis 1993 beschafften 150 Werfer sind als typische Flächenfeuerwaffen in das neue, auf globale Einsätze ausgerichtete NATO-Verteidigungskonzept eingeplant worden. Durch die Weiterentwicklung der Lenkraketen sind sie jetzt jedoch auch zu hochpräziser Bekämpfung von Punkt- und Einzelzielen befähigt. Die beschafften zwölf Raketen-Container verfeuern unterschiedliche Munitionsarten im Kaliber 227 Millimeter. Je nach Munitionsart erreichen diese eine Schußentfernung von 10 bis 70 Kilometern. So entfalten etwa die Minenraketen AT-2 im Zielgebiet als Submunition je 28 Hohlladungsminen gegen gepanzerte Fahrzeuge. Eine weitere Variante, die M31-Rakete, detoniert nach einer einstellbaren Zeitverzögerung in oder oberhalb der Erde. Sie kann auch gegen ungepanzerte Feindkräfte über dem Ziel zur Wirkung gebracht werden. Die Zielfläche eines Werfer-Zuges (vier Fahrzeuge) beträgt 800 mal 800 Meter. Dieses Gebiet kann bei einem Feuerüberfall nahezu zeitgleich mit zielsuchenden Panzerabwehr-Gefechtsköpfen überzogen werden. Genauso ist es auch möglich, größere Gebiete mit Panzerabwehrminen zu verminen und damit den Vormarsch von Feindkräften erheblich zu verzögern. Nach der Ächtung von Clusterbomben hat die Bundeswehr ihre Anti-Personenmunition aus dem Bestand genommen.

Großer Einsatzradius
Der auf dem US-M2 „Bradley“-Schützenpanzer basierende Unterbau des MARS hat eine Besatzung von drei Soldaten (Fahrer, Kommandant und Bediener der Feuerleitanlage). Mit seinen 500 PS beschleunigt der anzugstarke V8-Viertakt-CUMMINS-Dieselmotor mit Direkteinspritzung und Turbolader das Fahrzeug (mit Gefechtsbeladung im Geländelauf) auf beacht­liche 56 Stundenkilometer. Sein Tankinhalt von 636 Litern erlaubt einen Einsatz­radius bis zu 500 Kilometern. Die Drehstabfederung und die Hochleistungsschwingungsdämpfer gewährleisten auch in schwierigem Gelände eine (fast) ruhige Fahrt.

Die Werferanlage besteht aus einem schwenkbaren Rahmen. Die Ausrichtung erfolgt über ein hydraulisch/elektronisches Richtsystem. In dem geschulterten Abschußbehälter werden jeweils die 12 Raketen bevorratet. Nach dem Abschuß können die Container schnell ausgetauscht werden.
Im Rahmen einer weiteren Kampfwertsteigerung ist jetzt in Idar-Oberstein das neue MARS II-Waffensystem an die Artillerieschule übergeben worden. Hier wird auch das erweiterte Schulungsprogramm durchgeführt. Durch das neue modernisierte Konzept von schnellerer und präziserer Zielauffassung, gekoppelt mit der lenkbaren GMLRS-Munition, ist es der Besatzung jetzt auch möglich, sich noch eher der feindlichen Aufklärung zu entziehen und in neue Wirkstellungen auszuweichen.

Die Bundeswehr hat für ihre neuen Erfordernisse 55 MARS II mit dem GMLRS UNITARY-System ausgerüstet und die betroffenen Einheiten aufwendig ausgebildet.

Björn Sefari

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