Kommando Becker

Beutestück aus Frankreich: Dieses Flak-Geschütz wurde ebenfalls von Einheiten der deutschen Wehrmacht während des Frankreichfeldzuges übernommen.

Beutestück aus Frankreich: Dieses Flak-Geschütz wurde ebenfalls von Einheiten der deutschen Wehrmacht während des Frankreichfeldzuges übernommen.

„Recycling“ von alliiertem Kriegsmaterial

Es ist eine bekannte Tatsache, daß seit Anbeginn der Menschheit und im Lauf der Evolution nach Konflikten zwischen Stämmen und später Nationen die Waffen des Gegners weiterverwendet wurden. Besonders erbeutete Waffen höherer Technologie wurden auch vom neuen Besitzer sehr oft eingesetzt. Ob Pfeilspitzen aus Stein oder Metall, Schwerter aus Bronze oder Eisen, sowjetische T-34-Panzer oder deutsche „Panther“, es waren immer dieselben Motive ausschlaggebend. Deutschland hatte dieses Prinzip bereits im großen Stil im Ersten Weltkrieg angewendet. Damals wurden unzählige Tanks des Gegners, meistens britischer Herkunft, erbeutet und zum Teil gegen die ehemaligen Eigentümer eingesetzt – insgesamt kamen auf diese Weise etwa 170 britische Panzer gegen die eigene Seite zum Einsatz. Deutschland konnte so meh­rere Panzer-Abteilungen neben den zahlenmäßig weit unterlegenen Einheiten mit dem eigenen Sturmpanzerwagen A7V deutscher Fabrikation aufstellen.

Im Zweiten Weltkrieg galt Alfred Becker als der Experte auf deutscher Seite für die Übernahme feindlichen Kriegsgeräts. Becker wurde am 20. August 1899 in Krefeld geboren. Bereits sehr jung als Soldat eingezogen, konnte Becker schon früh erste Eindrücke moderner Kriegsführung sammeln. Er schien auch später sehr schnell die wichtigste Lektion des Ersten Weltkriegs verstanden zu haben. Diese Lektion war ausschlaggebend für den Blitzkrieg im Zweiten Weltkrieg: die fundamentale Bedeutung der Mobilität auf dem Schlachtfeld. Becker wurde nach dem Ersten Weltkrieg promovierter Maschinenbau-Ingenieur und bewährte sich auch als Konstrukteur und Mitinhaber der Textilindustrie-Firma Volksmann & Co in Krefeld. Am 28. August 1939 wurde er zur 227. Infanteriedivision, 15. Artillerie–Regiment, erneut eingezogen und erreichte sehr schnell den Dienstgrad eines Hauptmanns. Während der Kämpfe an der Westfront 1940 war seine Einheit – er diente mittlerweile bei der 12. Batterie – wie die anderen Batterien ausschließlich mit Pferdegespannen ausgerüstet.

Sieg über Frankreich
Becker ließ seine Männer liegengebliebene hollän­dische und belgische Zugmaschinen vom Typ TAL als Ersatz für die viel langsameren eigenen Pferdegespanne verwenden. Infolgedessen war seine Truppe der übrigen Artillerie immer um einige Kilometer voraus. Sie konnte den vorstürmenden Panzern mühelos folgen und sogar unterstützend in deren Vormarsch eingreifen. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich konnte sich Becker selbst von der riesigen Stückzahl an gepanzerten Kampf-, Halbketten- und sonstigen Fahrzeugen, die die gegnerischen Streitmächte liegengelassen hatten, überzeugen. Für Hauptmann Becker war das ein wertvolles Reservoir an Kriegsmaterial, das die Deutschen zu ihren Gunsten verwenden sollten, anstatt es nur als Symbol der feind­lichen Niederlage der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Becker begriff dies sofort und rüstete in den folgenden sechs Monaten seine Batterie komplett mit aus eng­lischem Material selbstgebauten Sturm-Haubitzen aus. Dazu wurden 10,5 cm-Feldhaubitzen auf leichte eng­lische Vickers VI-Panzer montiert. Auch Munitions- und Beobachtungs-Panzer wurden auf Basis der Vickers VI angefertigt. Die ersten Schießversuche fanden im Herbst auf dem Schießplatz Harfleur bei Le Havre statt. Beckers Batterie sollte daraufhin eventuell an der Operation Seelöwe – der Invasion Englands – beteiligt werden. Die neugeschaffenen Geräte erwiesen sich als sehr brauchbar und leisteten später besonders an der Ostfront, wo sie noch bis Ende 1942 im Einsatz waren, gute Dienste. Die Sturmhaubitzen wurden südlich von Leningrad in der Nähe des Ladogasees am Wolchow intensiv eingesetzt und wirkten Wunder gegen die Rote Armee. Trotz Kälte und Eis erwiesen sie sich als zuverlässig und effektiv im Einsatz. Die meisten von ihnen gingen jedoch durch Minenbeschädigungen nach und nach verloren. Zu diesem Zeitpunkt wurde Becker das Deutsche Kreuz in Gold verliehen.

Im Laufe des Jahres 1941 arbeitete Beckers Kommando zunächst bei Paris unter dem Namen „Baustab Becker“. Er modifizierte etwa zehn britische Carden Lloyd-Panzer und rüstete sie mit einer 10,5 cm-Haubitze auf. Die mit diesem Gerät ausgerüstete Brigade bewährte sich an der Ostfront hervorragend. Seine Arbeit weckte immer mehr Interesse bei der Reichsregierung, und so wurde er am 2. September 1942 in den Garten der Reichskanzlei zur Präsentation einer seiner Konstruktionen befohlen. Beeindruckt von seinem Werk, kommandierte man ihn anschließend zur Altmärkischen Kettenwerk GmbH (Alkett) bei Berlin-Spandau ab. Auch dort konnte Becker mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen im Panzerumbau überzeugend wirken. Zunächst wurde er beauftragt, französische Munitionsschlepper vom Typ Lorraine mit schweren 15 cm-Feldhaubitzen zu bestücken und die Fahrzeuge zu panzern. Das damit neu entstandene Gerät lief unter der Bezeichnung Sd.Kfz. 135 (Panzerjäger „Marder“ 1). Dreißig dieser Fahrzeuge sollten angefertigt werden, jedoch konnten nur fünfzehn tatsächlich gebaut und für den Wüstenkrieg an Rommels Afrikakorps geliefert werden, wo sie sich voll bewährten. Nur der Mangel an Versorgung mit passender Munition machte sie am Ende unbrauchbar. Danach bekam Becker von Reichskanzler Adolf Hitler den Auftrag, alle wiederverwend­baren Kriegsgeräte zu sammeln und damit mindestens zwei Panzerdivisionen auszurüsten. Er hatte damit endlich grünes Licht, seine Vorhaben zur Wiederverwendung und Modifizierung dieses zum Teil wertvollen Kriegs­materials in vollem Umfang zu verwirk­lichen. Von diesem Zeitpunkt an ging dank Beckers Organisationstalent alles sehr rasch. Die Grundidee Beckers war im Prinzip sehr einfach: Bei Alkett wurden die Prototypen erst mit Holz- und danach mit Stahlaufbau und Bewaffnung angefertigt, um sie anschließend an die jewei­lige französische Herstellerfirma mit Konstruk­tionsplänen weiterzugeben. So konnte optimal rationalisiert werden, und die Fließbänder der ursprünglichen Hersteller kamen wieder in Betrieb. Die innovative Arbeit Beckers lag bei der Kampfwerteinschätzung und genauen Klassifizierung jedes einzelnen Modells. Hinzu kam noch die Bestimmung der effektivsten zukünf­tigen Anwendung jedes Fahrzeugtyps im Rahmen der deutsche Kriegsführung und des vorhandenen Bedarfs.

Tausende alliierte Fahrzeuge
Das Einsammeln der liegengebliebenen Fahrzeuge, die als Grundlage für das Projekt dienten, bedeutete eine immense Anstrengung und sehr viel Arbeit, denn es lagen Tausende alliierter Fahrzeuge unterschiedlichsten Typs, Gewichts und Zustands überall in Frankreich. Theoretisch hätte man eine ganze Armee damit ausrüsten können, aber der größte Teil der Gerätschaften entsprach nicht annähernd den deutschen Mindestanforderungen. Die meisten Fahrzeuge waren entweder total veraltet oder irreparabel beschädigt. Nachdem das Kriegsmaterial, zum Teil nur noch aus Schrott bestehend, den richtigen Herstellern zugeordnet wurde, mußte zunächst eine technische Untersuchung all dieses Geräts durch­geführt werden. Bei der riesigen Menge an Material war allein das schon eine gigantische Leistung. Die Fahrzeuge mußten alle auf ihren technischen Zustand untersucht werden, um sie zur Weiterverwendung oder zum Ausschlachten für das Ersatzteillager zu bestimmen. Sehr schnell erkannte Becker, daß alle französischen Panzer im Kampf eigentlich nicht als solche zu gebrauchen waren. Die meisten waren mit einem Turm ausgestattet, der mit nur einem Mann zu besetzen war. Ein schwerer taktischer Fehler, der die Franzosen im Kampf teuer zu stehen kam. Einige dieser Fahrzeuge wurden nach geringen Veränderungen wie dem Umbau des Turms in einen Kommandoturm und dem Einbau eines Funkgerätes dennoch an Ordnungspolizeitruppen, Panzerschulen oder Sondereinheiten ausgeliefert. Wenige dienten not­gedrungen sogar als Lückenfüller in der Normandie 1944 und wurden in einigen Panzer-Abteilungen der 21. Panzerdivision eingesetzt. Es waren meisten Panzer von Typ Renault R35, Hotchkiss H39 und Somua 35. Alle verfügten nur über eine mittlerweile obsolete Bordkanone, und die Panzerung war nur bedingt ausreichend. Aber diese leicht modifizierten Panzer waren auch nicht das eigentliche Meisterstück des inzwischen zum Oberst beförderten Becker. Becker verstand es wie keiner vor ihm, alle Beutefahrzeuge zu „germanisieren“, indem er sie mit neuem Aufbau, besserer Panzerung und deutscher Bewaffnung ausrüsten ließ.

Es ist schon erstaunlich, was dieser Mann an unterschiedlichsten Fahrzeugtypen mit verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten konzipierte. Es ging von Haubitzen auf Selbstfahrlafetten mit den dazugehörigen Munitionspanzern, diversen Panzerjägern, Sturmgeschützen, Flak-Selbstfahrlafetten über gepanzerte Nebelwerfer-Fahrzeuge und Mannschaftswagen bis hin zu Pionier- und Nachrichten-Fahrzeugen. Alle diese Geräte haben sich trotz zum Teil älteren Chassis an der Front voll bewährt. Bei allen Projekten Beckers stand dabei das Prinzip der Ratio­nalisierung im Vordergrund. So konnte Becker bei der Aufstellung der vollmotorisierten Schnellen Brigade West über 1.800 Fahrzeuge und ein dementsprechendes  Ersatzteil­lager zur Verfügung stellen. Eine enorme Leistung für Becker und sein Kommando angesichts des kurzem Zeitraumes. Die Brigade wurde am 6. Juli 1943 in der neuen 21. Panzerdivision unter Führung des Generalmajors Edgar Feuchtinger aufgestellt. Die meisten Fahrzeuge kamen aus den „Kommando Becker“-Werkstätten.

Spezialisten am Werk
Es war die Heeres-Flak-Abteilung 305 der 21. Panzer­division, die in der Normandie am 6. Juni 1944 den Sturm der 3. britischen Division auf die Stadt Caen zum Erliegen brachte. Diese Einheit war eher eine Panzerjäger-Einheit, denn sie war mit zwei Batterien mit je vier 8,8 cm-Flak-Kanonen bestückt.

Die alten 2 cm-Flak-Kanonen reichten zu diesem Zeitpunkt schon oft nicht mehr aus, um Jäger oder Panzer abzuschießen. Auch die Einheit von Oberst Alfred Becker – die Sturmgeschütz-Abteilung 200 – hatte Erfolg mit ihren 7,5 cm-Pak, obwohl sie erst zwei Tage später, am 8. Juni, eingesetzt werden konnte. Während der Operation „Goodwood“, der Schlacht um Caen, konnten die Panzer-Jäger Beckers mit ihren 7,5 cm-Pak 40 – aufmontiert auf Geschützwagen H39 – sowie den leichten 10,5 cm-Feldhaubitzen 18 – ebenfalls auf H39-Fahrzeugen – hohe Verluste in den Reihen britischer Sherman-Panzer verursachen und somit Montgomerys Sturm für gewisse Zeit Einhalt gebieten. Am 2. Juli 1944 wurde Becker vom Kommandeur der 21. Panzer­division zum Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern vor­geschlagen, welches ihm Ende Juli verliehen wurde.

Becker war sehr um seine ehemaligen Soldaten und Kameraden des Artillerie-Regiments 15 besorgt. Es gelang ihm durch Tricks und Mithilfe des Kommandeurs der 227. Infanteriedivision, seine ehemaligen Männer vom einfachen Soldaten bis zum Offizier bis Weihnachten 1942 wieder zu sich ins Bau-Kommando Becker zurückzuholen und somit voll für den Umbau der Beutefahrzeuge einzuspannen. So verfügte er über erfahrene Soldaten, die die von ihm bevorzugte Art von Kriegs­fahrzeugen sowohl in ihrem Aufbau als auch in ihrem Anwendungsbereich sehr gut kannten. Er verfügte damit über optimale Fachkräfte, die Theorie, Praxis und Kampf­erfahrung mitbrachten. Der Preis dafür waren etwa 20 gepanzerte Fahrzeuge, die Beckers Baukommando an die 227. Infanteriedivision zu liefern hatte.

Becker konnte insbesondere während der alliierten Landung in der Normandie und danach sein Können als Kommandeur und Soldat beweisen. Als Befehlshaber der Sturmabteilung 200 fügten seine fünf Batterien den gegnerischen Kräften hohe Verluste zu. Von den 400 bri­tischen Panzern, die bei der Operation „Goodwood“ zerstört wurden, sind viele Beckers Sturmabteilung zum Opfer gefallen. So stoppten Beckers umgebaute Jagdpanzer trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit mehrere Male den britischen Vormarsch aus dem Hinterhalt. Auch wenn die Chassis der französischen H39- oder FCM-Panzer zum Teil veraltet waren, erfüllten sie dank ihrer guten Pak-Bewaffnung und der überlegenen Zieloptik hervorragend ihre Aufgabe als Panzerabwehrwaffen. Nach dem Rückzug aus der Normandie wurde Becker gegen Ende Dezember 1944 im Elsaß gefangengenommen.

Kaum bekannt bis heute
Beckers Wirken und seine Konstruktionen sind bis heute kaum bekannt. Sie werden immer im Schatten der überlegenen deutschen „Tiger“- und „Panther“-Panzer stehen. Aber in einer Zeit, in der Deutschlands Fabriken und Städte durch alliierte Bomberverbände zerstört wurden, konnte Becker eine innovative Art der Waffenherstellung mit einfachsten Mitteln und schon vorhandenen Grundlagen herbeizaubern und somit die schwer an­geschlagene deutsche Rüstungsproduktion entlasten. Seine Fahrzeuge konnten sowohl als Schulungsfahrzeuge als auch als effektive Kampffahrzeuge in der Defen­sive eingesetzt werden und erlaubten es somit, die bes­seren deutschen Waffen an Brennpunkten der Front ein­zusetzen. Alle Umbau-Panzer oder Versorgungsfahrzeuge, die Becker schuf, erwiesen sich als brauchbar und zuverlässig – und als sehr gefährliche Gegner im Weltkrieg.

Jean Restayn

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