Mythos an der Ostsee

82dmz2Die Geheimnisse des U-Boot-Grabes im Kieler Hafen

Bis heute hält sich die vielvertretene Ansicht, der Kieler Hafen berge ein geheimnisumwittertes U-Boot-Grab im Ostuferbereich, wo im Jahre 2000 damit begonnen worden war, die alte Ruine des U-Boot-Bunkers „Kilian“ für neue Kaianlagen zu planieren.

Die im Hafenwasser versunkenen mysteriösen Betonreste des „Kilian“ hatten in den Nachkriegsjahren wagemutige Schatztaucher angezogen, die auf die Bergung von Quecksilber und Edelmetallen erpicht waren, die den Gerüchten nach für Japan bestimmt gewesen sein sollten. Die geheimnisvollen Trümmer im Kieler Hafen lockten im Sommer 1952 auch einen Taucher an, der mit schwerer Ausrüstung durch ein Loch in der Landseite einstieg, um einen angeblich versunkenen Fernost-U-Transporter aufzuspüren. Quer zur Landseite fand er eine mit Vidia-Stählen vollbepackte Schute. Das erhoffte Transport-U-Boot fand er nicht, auch kein ebenfalls dort vermutetes, bis dato unbekanntes Walter-U-Boot mit revolutionärem Einheitsantrieb mittels Wasserstoffperoxyd. Aber in acht Metern Tiefe ertastete der Schatzsucher stattdessen ein kleineres U-Boot, dessen Bug einen halben Meter tief eingedrückt war und Schlagseite hatte. Auch ein später nachgefolgter Tauchermeister fand dieses U-Boot im südlichen Teil des Bunkers an der rechten Wand des wasserseitigen Eingangs etwa dreißig Meter vom Eingangstor. Vor der 2000 begonnenen Planierung des Bunkerbeckens überschlugen sich „kompetent“ wähnende Lokalredakteuere sich in immer neuen schlagzeilen­träch­tigen, abstrusen Berichten über die vermeintliche Iden­tität und den vorgesehenen Sonderauftrag eines ge­heimnisumwitterten „Nazi-U-Bootes“ in der Ruine und schürten in der Regionalpresse das U-Boot-Fieber, da sie eine Sensation witterten.

Alliierter Bombenterror auf Kiel
Doch blenden wir zurück in die letzten Kriegstage des Jahres 1945, als das Schreckgespenst des angloamerikanischen strategischen Bombenkrieges auch im Marine­hafen Kiel allgegenwärtig war, als die Kieler Bevölkerung fast täglich in den Kellern und Luftschutzbunkern hockte, Fesselballons über den Dächern aufstiegen, Luftschutzobjekte eingenebelt wurden, nachts grell leuchtende sogenannte „Tannenbäume“ über der von Bomben zerschlagenen Stadt standen und tags darauf in den noch rauchenden Trümmern Kinder mit gefundenen Bombensplittern und Stanniolpapierstreifen spielten, welche die gegnerischen Flugzeuge zwecks Irreführung der deutschen Funkmeßgeräte abgeworfen hatten.

Nachdem Sir Arthur Harris, besser bekannt als „Bomber-Harris“, das britische Bomber Command übernommen hatte, gehörten nächtliche Flächenbombar­dements zum Kriegsalltag. In der Endphase des Krieges, als in Kiel die Schulen längst zerbombt waren, aber auf dem Gelände des Ostuferhafens bis zum bitteren Ende hoch­moderne U-Boote gebaut und ausgerüstet wurden, erlebte die ­heutige schleswig-holsteinische Landeshauptstadt ihre schlimm­ste Heimsuchung durch die alliierten Bomberflotten. Die gezielte Luftattacke auf die Kieler U-Boot-Werften eröffneten am 11. März 1945 nicht weniger als 340 ­B-24-Maschinen der 8. US-Air Force. Doch die 709 Tonnen abgeworfener Bomben trafen keine U-Boote; im Hafen wurden stattdessen die Minensuchboote M 266, M 804 und M 805 sowie ein kleines Tankschiff versenkt. Die 8. US-Luftflotte war, nachdem sie am 12. März 1945 Swinemünde, am 30. März 1945 Wilhelmshaven, Hamburg und Bremen heimgesucht hatte, mit 700 Maschinen am 3. April 1945 abermals über Kiel zur Stelle und warf dort eine Bombenlast von 2.200 Tonnen ab. Neben Schäden auf der Germaniawerft (GW) und den Deutschen Werken Kiel (DWK) wurden außer dem Minenschiff „Brummer“, dem Minentransporter „Irben“, dem Minensucher M 802, den Räumbooten R 59, R 119, R 261 und den U-Booten U 1221, U 2542, U 3505 auch der Tanker „Mexphalte“ sowie die großen deutschen Fahrgastschiffe „New York“ und „Monte Olivia“ versenkt.

Anschließend schickten sich die Briten ihrerseits an, mit ihren Groß-Luftangriffen auf Kiel die U-Boot-Werften zu treffen. Am 9. April 1945 ließ Harris das RAF-Bomber-Command zu einem Präzisionsangriff auf Kiels Hafenanlagen aufsteigen – dem 81. Angriff auf die längst darniederliegende Stadt. Als um 21.33 Uhr am 9. April 1945 die Luftalarmsirenen aufheulten, waren 576 bri­tische Flugzeuge im Anflug auf Kiel. Ihre Zerstörungs­absicht richtete sich diesmal gezielt gegen die Werft­anlagen der DWK im Ostuferhafen.

Leidgeprüfte Zivilbevölkerung
In jenen düsteren Tagen suchte nicht nur die leid­geprüfte Zivilbevölkerung Zuflucht in den städtischen Luftschutzbunkern, auch die Besatzungen der bei den DWK und den Howaldtswerken zur Instandsetzung oder Endausrüstung befindlichen Boote wähnten sich unter der Betondecke des bei den DWK über einem Dock errichteten U-Boot-Bunker „Konrad“ und des vor der Schwentinemündung gelegenen U-Boot-Doppelbunkers „Kilian“ relativ sicher vor Bombenschlägen.

Das unter der Baunummer G 950 bei der Germaniawerft am 26. März 1945 vom Stapel gelassene U 4708, eines der damals fortschrittlichen „Elektro-U-Boote“ des Typs XXIII (234 t, 34,68 m), hatte am 9. April 1945 eine Werftprobefahrt durchgeführt. Wegen der Fliegergefahr hatte die Leitung der GW kurzzeitig verfügt, das unmittelbar vor der Abnahme durch die Marineaufsicht stehende Boot in das Südbecken des nahen Bunkers „Kilian“ zu verlegen. Zu dieser Zeit lag dort bereits das große Typ-IXC/40-Boot U 170, dessen Sehrohr zwecks Reparatur gezogen werden sollte.

U 4708 zählte gemeinsam mit U 4704 zu den einzigen Booten ihres Typs, die von ihrer Bauwerft mit einem dunklen Tarnüberzug, einer rundherum aufgeklebten vier Millimeter dicken Buna-Folie namens „Alberich“, gegen Schallortung versehen worden waren. Seine Bauzeit hatte sich infolgedessen gegenüber herkömmlich aus­gestatteten Booten um zirka eine Woche verzögert. An Bord befanden sich an diesem Abend insgesamt sieben Mann; zwei zum Bordkommando zählende Marine­angehörige, der Maschinen-Maat Erwin Knortz und der Gefreite Heinz Tillmann, sowie fünf Mitarbeiter der GW, darunter der Garantie-Ingenieur Karl Schmidt. Der Kommandant, Olt.z.S. Dietrich Schulz, und die übrige Besatzung hatten ihr Quartier auf dem in der Innenhörn liegenden Wohnschiff „Holstenau“ bezogen.

In jenen späten  Abendstunden hielten sich viele Besatzungsmitglieder der unlängst zuvor mit Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten angekommenen Dickschiffe „Admiral Scheer“, „Admiral Hipper“ und „Emden“ sowie Angehörige von Sicherungsschiffen und Booten im „Konrad“ auf, als von 22.29 Uhr bis 22.54 Uhr das RAF-Bomber-Comand seine todbringende Fracht ablud. Aus den Bombenschächten der in 11.000 Meter Höhe anfliegenden Flugzeuge prasselten 6.712 500-lb-, 469 1000-lb-, 486 4.000-lb-, vier 8.000-lb- und zwei 12.000-lb-Bomben auf das Kieler Werftareal nieder. Bei den 4.000-lb- und 8.000-lb-Bomben handelte es sich um sogenannte Luftminen, während die zwei 12.000-Lb-Bomben bewehrungsbrechende, mit Detonationsverzögerung ausgestatte Sprengkörper waren, sogenannte „Tallboys“.

Der Betonbau schwankte unter der Wucht der Bomben
Ringsum krachten die Bomben nieder, Feuerfunken zuckten durch die Spalten des Bunkertores, der massige Betonüberbau schwankte wie ein Schiff auf stürmischer See. Als die letzten abfliegenden Bomber noch zu hören waren, öffnete sich das Bunkertor des „Konrad“, und es zeigte sich das ganze Ausmaß des Infernos: brennende Maschinenhallen, Flammen auf dem Vorschiff der „Hipper“, die „Emden“ hatte schwere Treffer erhalten, neben dem „Konrad“ hatten die niedergegangenen Fliegerbomben im Dock I die U-Boote U 1227 (Typ VIIC) und U 2516 (Typ XXI) zerstört sowie das Torpedoboot T 1, das Minensuchboot M 504 und drei Handelsschiffe vernichtet. Um 23.35 Uhr kenterte gegenüber der Bunkerpforte an der Werftpier die „Scheer“. In den abgeschotteten Kammern des über die Steuerbordseite gekippten Stahlriesen kämpften eingeschlossene Marinesoldaten der Schiffs­sicherungsgruppe ums schiere Überleben. Kaum 1.000 Meter vom Innenhafen der DWK entfernt vollzog sich in jenen Schicksalsminuten ähnlich Schreckliches: das Drama im U-Boot-Bunker „Kilian“.

Während des Luftangriffes hatte der Kommandant von U 170, Olt.z.S. Hans Gerald Hauber, in kluger Voraussicht – und entgegen einem ausdrücklichen Befehl – alle Außenposten auf seinem Boot eingezogen und befohlen, die Luks zu verriegeln. „Alles auf Tauchstation! Schottendichtzustand!“ wurde in U 170 angeordnet, das über mehrere Abteilungen verfügte. In dem hereingekommenen U 4708 gab es keine druckfesten Kugelschotts zu schließen, lediglich das Turmluk konnte in dem Einraum-Boot, neben einer einfachen Stahltür zum Motorenraum, dichtgesetzt werden. Die Männer in U 4708 waren in ihre Arbeit vertieft und hatten nicht einmal wahrgenommen, daß es Fliegeralarm gegeben hatte.

Die gezielt auf den „Kilian“-Bunker angesetzten britischen Bomber verfügten jeweils über ein spezielles Zielgerät für Präzisionsangriffe. In Höhe des Flak-Standes detonierte unmittelbar vor dem rechten Bunkereingang eine überschwere Luftmine. Eine urgewaltige Druck- und Flutwelle schwappte in die Bunkerbecken. Sämtliche Außenposten der im Nordbecken liegenden Boote und die sich im „Kilian“ aufhaltenden Wachmanschaften und Arbeiter wurden sofort getötet. Die Bedienungsmannschaft des Flak-Standes kam augenblicklich bis auf den letzten Mann ums Leben. Die massiven Stahlplatten des Hängetors wurden weggerissen, Teile davon prallten auf das Achterschiff von U 4708, rissen hinter dem Turmaufbau, wo sich der Luftansaugschacht und die Abgasleitung für den Dieselmotor befanden, ein Leck in den Einhüllenrumpf. Lediglich U 170 erlitt als einziges Boot im Bunker keine Beschädigungen und Menschenverluste.

Gefechtsstationen wurden besetzt
Die Vorsichtsmaßnahme vom Kommandanten war unter Deck von U 170 zunächst belächelt worden. Die Gefechtsstationen in der Zentrale waren gerade besetzt worden, als offenbar – so stellte es sich im Bootsinneren dar – ein Volltreffer den Bunker traf. Es war ein unvorstellbarer Knall, ein Krachen, Bersten und Brausen. Halb betäubt sahen die Bootsinsassen ihren Tiefenmesser ausschlagen bis zur 40-Meter-Marke, dann ging der Zeiger langsam zurück und blieb bei 25 Meter stehen. Die Besatzung wähnte sich mit ihrem großen Boot in den Grund des Hafens gebohrt. Erst ganz langsam, es verstrichen bange Minuten, kehrte der Zeiger des Tiefendruckmanometers in die Nullage zurück. Es herrschte eine drückende Stille im Boot, bis die Männer einige undeutliche Rufe zu hören glaubten. Olt.z.S. Hauber kurbelte das Turmluk auf und streckte seinen Kopf heraus.

„Scheinwerfer auf die Brücke“, befahl er. Nun konnten er und seine Männer sehen, was geschehen war. Drei Männer schwammen im Wasser. Weiter sahen sie mit Erschrecken, daß der Platz steuerbords neben U 170 leer war. Hier hatte eben zuvor das neue XXIIIer Boot gelegen. Und dann sahen sie, daß die Panzerplatten des Hängetores in der Einfahrt des Bunkerbeckens fehlten, und sie leuchteten mit ihrem Scheinwerfer auf die Förde hinaus, wo der Angriff noch weitertobte.

Was aber war mit U 4708 geschehen? Es war empor­geworfen worden, hatte mit seinem Bug die rechte Pierseite gerammt. Wasser war in das aufklaffende Achterschiff geschossen. Das Typ-XXIII-Boot besaß aufgrund seiner typgebundenen Konstruktion wenig Auftriebreserven.

U 4708 sank mit verklemmtem Turmluk, das Häuflein seiner Insassen mit sich hinabreißend. Vor den sehr rasch ins Boot eindringenden Wassermassen, die zum Teil auch durch die zerstörten Luft-, Abgas- und Schnorchel­armaturen hineinfluteten, flüchteten sich sechs der im Boot befindlichen Männer in die Luftblase unter dem Ausstiegsluk der Bootszentrale. Einer der Maschinisten vermochte sich nicht dahin zu retten, er blieb im voll­l­aufenden Maschinenraum. Drei Männern gelang es, sich die Steigleitern hinauf durch das enge Luk der Zentrale in den Turmaufbau zu zwängen, währenddessen U 4708 Schlagseite bekam. Unter ihnen drängten drei andere Kameraden nach. Doch für einen Weiteren war kein Platz mehr im Turm. In der Enge und Finsternis der sich neigenden Turmkammer (zirka 1,7 Meter im Durchmesser) versuchten die Männer in angstgetriebener Eile, das aufgrund der vorangegangenen Beschädigungen stark verspannte Turmluk zu entriegeln. Das Wasser reichte ihnen bereits bis zum Halse. Das allerletzte Luftpolster verringerte sich von Atemzug zu Atemzug. Mit einer Hebelstange wuchteten sie in ihrem Verlies immer verzweifelter am Lukenspalt herum. Als sich endlich das Luk öffnen ließ, füllte sich das Turminnere  sofort bis in den letzten Winkel mit Wasser. In der stockfinsteren Tiefe rangen die Soldaten um ihr Leben, klammerten sich verzweifelt an die Füße derjenigen, die den Weg nach oben fanden. Drei Männer entrannen dem Schrec­ken und erreichten lebend die Wasseroberfläche, einer blieb in der Zentrale. Ins­gesamt fünf Männern wurde U 4708 bis heute zum stählernen Sarg.

Das tragische Schicksal von U 4708
Angehörige der U 170-Besatzung zogen schließlich die im Wasser Treibenden heraus. U 4708 war infolge der Unebenheit des Bunkergrundes zur Backbordseite hin gekippt. Es lag mit seinem Turm am Heck von U 170, dessen Leitender Ingenieur tags darauf mit dem Tauchretter das Unterwasserschiff inspizierte, weil Beschädigungen am Tiefenruder des IXC-Bootes befürchtet wurden. U 170 diente den zerbombten Howaldtswerken noch eine Zeitlang als Not-E-Kraftwerk, ehe es Ende April 1945 nach Horten in Norwegen verlegte. Die U 4708-Besatzung sollte nach dem Verlust ihres Bootes U 2323 übernehmen, was die Wirren des nahenden Kriegsendes aber nicht mehr zuließen.

In den letzten Kriegstagen war der Bunker „Kilian“ noch mit den Booten U 393, U 475, U 1162 und U 2512 belegt. Um Mitternacht des 2./3. Mai 1945 erfolgte der letzte schwere Luftangriff des RAF Bomber Command auf Kiel. Gegen 2 Uhr des 3. Mai 1945 erschien ein Kurier des Flottillenchefs im Bunker und befahl, sofort aus­zulaufen oder zu sprengen, woraufhin sämtliche U-Boote den Bunker verließen. Im Kieler Hafen versenkten sich – entgegen dem ausdrücklichen Befehl von Großadmiral Karl Dönitz – mehr als 140 deutsche Schiffe und Boote selbst. Der im Dock V der DWK liegende Schwere Kreuzer „Hipper“ sprengte sich selbst. Dann, am 4. Mai 1945, klang das Kettengerassel der ersten in die Stadt eindringenden englischen Spähpanzer durch die Straßen.

Nach Kriegsende war der Kieler Hafen mit nahezu 400 Wracks der größte Schiffsfriedhof der Welt. Die alliierte Drei-Parteien-Kommission (Triparté) setzte alles daran, den Verbleib jedes deutschen U-Bootes zu klären und insbesondere nach den legendären schnellen Walter-­U-Booten zu fahnden.

Im Zuge ihrer Demontagepolitik („Disarmament Branch“) gingen die Briten zuerst daran, die Bunkerbauten in der Stadt und bei den Werften zu zerstören. Am 1. September 1946 begannen die Guards Division Engineers ­mit den Vorbereitungen zur Sprengung des „Kilian“. Wochenlang war das Arbeitskommando der 14th Field Company Royal Engineers damit beschäftigt, 288 Bohrlöcher in den insgesamt 168 Meter langen, 65 Meter breiten und 20 Meter hohen Bunker zu bohren und mit Intensivladungen (aus der Umgebung Kiels stammende Restmunition) zu füllen. Um Schäden durch die zu erwartende Druckwelle am Kieler Westufer zu vermeiden, wo sich das damalige Head Quarter Military Goverment Schleswig-Holstein (heute der Sitz der schleswig-holsteinischen Landesregierung) und der British Kiel Yacht Club (alter Olympiahafen) befanden, verankerte der Kings Harbourmaster Kiel den Frachter „Jan Wellem“ in einem Abstand von 120 Metern als Schutzschild vor der Bunkeröffnung. Als um 11.10 Uhr des 25. Oktober 1946 die Zündung des 12,3-Tonnen-Sprengsatzes erfolgte, barst „Kilian“ in einer gewaltigen Detonationswolke auseinander, begruben die zusammenstürzenden Betonblöcke U 4708 und die Männer, die in ihm ihre Grabstätte fanden.

„Kilians“ Sprengung
Im September 1959 führte die in Kiel ansässige Firma Stallzus eine zweite Sprengung durch, die sich auf die Wasserfrontseite des „Kilian“ beschränkte und den bis dahin noch bestehenden Dachquerträger des Bunkerportals in die Fluten stürzen ließ. Von der Landseite her war kaum mehr an die Ruine heranzukommen, da die Ho-waldtswerke hier jahrelang ihren Bauschutt hinein­gekippt hatten. Nur das Heck ragte wasserseitig aus dem Bodenhügel heraus. Der Versuch einer Minentaucherkompanie der Bundesmarine, dem Geheimnis des „Ki­lian“ nach 43 Jahren auf die Spur zu kommen, scheiterte in der Modderbarriere, die sich im Laufe der Jahrzehnte dort gebildet hatte und wahrscheinlich durch den nahen Schiffsverkehr des Innenhafens hineingedrückt worden war. Erst mußten acht Tage lang im Weg steckender Eisenschrott abgebrannt und sechs Meter Schlammschicht abgesaugt werden, ehe Elmer Wartmann, Tauchtruppchef des Landesmunitionsräumdienstes, inmitten der schwarzen Brühe einen 40 Meter langen und äußerst engen Stollen im Trümmer- und Eisenspierenwerk entlangkriechen konnte, um dann an der abgeknickten Decke entlang auf Tiefe zu gehen. Schließlich glaubte er, das ­U-Boot ertastet zu haben, eng unter der Schräge der gestürzten Decke eingekeilt. Wahrscheinlich hatten, so vermutete er, die Trümmerbrocken, von der zweiten Sprengung herrührend, den Bootsrumpf zusammen­gequetscht. Er ragte, nach Wartmanns Angaben, kaum mehr als zwei Meter aus dem Bunkergrund heraus.

Der Bunker als „Anti-Kriegsmahnmal“
Die Trümmerstücke der deutschen Geschichte des Zweiten Weltkrieges erregten die Gemüter noch einmal, als das Landesamt für Denkmalpflege sie schließlich wegen ihres historischen Wertes als „Anti-Kriegsmahnmal“ in das Denkmalbuch eintrug. Letzlich aber setzte sich die Hafenwirtschaft durch. Als im Jahre 2000 eine Spundwand um den zerstörten U-Bootsbunker eingerammt und das Areal zugeschüttet wurde, „versiegelte“ man zugleich das U-Boot-Grab — das trotzdem bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist.

Eckard Wetzel

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