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82dmz1Navy SEALs: Der Mythos der Elitekrieger

Virginia Beach ist schon eine eigenartige Stadt an der US-amerikanischen Ostküste. An der Strandpromenade steht eine etwas unförmige Statue des alten römischen Meeresgottes Neptun, über die immer wieder Militärjets donnern. Und an der Strandpromenade stehen kleine Schilder, die die Passanten darauf hinweisen, daß „Vulgärsprache“ hier verboten ist. Ein kommunales Gesetz regelt dort, daß unter dem Donnern der Düsenflugzeuge die blanke Höflichkeit regiert. Rauher Seemannshumor soll nicht die Touristen stören. Denn Seemänner, Matrosen und Soldaten gibt es in der Hafen- und Strandstadt zu Genüge: Mit der „Naval Air Station Oceana“ der US-Marine befindet einer der größten Militärflugplätze der Welt in Virginia Beach. Zahlreiche weitere militärische Einrichtungen, wie beispielsweise der größte Ma­rinestützpunkt der Welt in Norfolk, befinden sich in unmittelbarer Nähe. Fünf der zwölf Flugzeugträger der ­US-Navy haben hier ihren Heimathafen.

Und auch einige hundert Soldaten der Elitetruppe Navy SEALs sind dort beheimatet. Das lockt seit Wochen Journalisten und Schaulustige an, die nachmittags in einem der vielen Hotels einchecken, um abends durch die Kneipen und Clubs zu tingeln mit dem Ziel, einem leibhaf­tigen Navy-SEAL gegenüberzustehen. Kneipenwirte reagieren mittlerweile genervt auf die Gaffer von außerhalb, die sich stundenlang an einem Glas Bier festhalten und alle männlichen Gäste mustern. Wie sieht der ty­pische Navy-SEAL aus? Was hat er an? Läuft er ständig mit zwei Blondinen im muskulösen Arm herum und prahlt mit seinen geheimen Missionen? Mittlerweile, erzählt ein Wirt, machten sich junge Männer einen Jux daraus, Journalisten irre Geschichten zu erzählen und sich dabei als angebliche Navy SEALs auszugeben. Dafür bekämen sie dann schon mal einige Biere spendiert.

Neptuns Speer gegen Osama
Mit der Operation „Neptune’s Spear“ trat das Seal-Team 6 (heutiger offizieller Name: DEVGRU = Development Group) am 2. Mai  2011 eher unfreiwillig in den Focus der Weltöffentlichkeit. Bei dieser Kommandoaktion drang nach offiziellen Angaben eine 24 Mann starke Zugriffseinheit des Teams 6 mit vier Hubschraubern widerrechtlich in den pakistanischen Luftraum ein und stürmte in dem Ort Abbottabad, nahe Islamabad, ein mittelgroßes, drei­stöckiges Gebäude. Bei dem Sturmlauf töteten die Seals ins­gesamt fünf Menschen (vier Männer und eine Frau), darunter den gesuchten Osama Bin Laden. In dem Bericht ist von nur einem bewaffneten Wachmann die Rede, und veröffentlichte Bilder des Hausinneren zeigten eher ein durchschnittliches Wohnhaus, in dem auch viel Kinderspielzeug herumlag. Eine moderne Kommandozentrale eines internationalen Terrornetzwerkes war nicht zu erkennen.

Bei dem Einsatz ging ein US-Hubschrauber zu Bruch und mußte von der Besatzung aufgegeben werden. Die Leiche von Bin Laden wurde nach US-Angaben per ­Hubschrauber auf ein Kriegsschiff gebracht, dort durch DNS-Abgleich identifiziert und im Meer beigesetzt.

Dabei scheint diese wohl berühmteste aller Navy SEAL-Missionen gleichzeitig auch die fragwürdigste, undurchsichtigste zu sein. Denn von diesem Einsatz existieren keine Bilder, allenfalls einige Aufnahmen des angeb­lichen Anwesens nach der Stürmung. Doch in Virginia Beach interessiert das kaum jemanden. Dort ist man auf der Suche nach den Helden von Abbottabad, zumindest jedoch vielleicht nach deren alten Stubenkameraden oder einer Ex-Freundin.

Daß es so schwer ist, sich den Navy SEALs zu nähern, liegt in der Natur der Sache. Die hohe Professionalität der kleinen Truppe von gerade einmal rund 2.000 Kämpfern ist ebenso legendär wie ihre Verschwiegenheit. Wer in einem muskelbepackten, volltätowierten Prahlhans auf einem Barhocker einen Navy SEAL wähnt, fällt höchstwahrscheinlich gerade auf einen Hochstapler rein. Denn Rambos und Selbstdarsteller eignen sich nicht für den Einsatz in dieser Kommandoeinheit.

­­Höllenwoche ohne Gnade
Viele junge US-Soldaten träumen vom Dienst bei den Navy SEALs – viele fühlen sich berufen, doch nur wenige sind auserwählt. Die Grundanforderungen an die Männer sind hoch. Sie müssen bereits eine mehrjährige Dienstzeit in der US-Marine ohne negativen Eintrag abgeleistet haben, dürfen nicht älter als 28 Jahre sein und die tauchärztliche und psychologische Untersuchung erfolgreich durchlaufen haben. Der sportliche Eignungstest beinhaltet einen Schwimmabschnitt und einen Lauftest mit voller Ausrüstung (25 Kilogramm). Der Bewerber muß abschließend noch 42 Liegestütze, 50 Rumpfbeugen und acht Klimmzüge auf Zeit (je 2 Minuten) leisten. Diese Anforderungen sind hoch, aber für einen sportlichen Soldaten durchaus erfüllbar.

Der Anwärter durchläuft anschließend eine einjährige Grundausbildung im kalifornischen Coronado. In den ersten sieben Wochen wird er durch gezieltes Training physisch und psychisch aufgebaut und seine Leistungsfähigkeit dabei kontinuierlich erhöht. Dieser Abschnitt, der schon mehrfach Stoff für Hollywoodfilme lieferte, gilt als der anspruchsvollste Vorbereitungslehrgang in der gesamten US-Navy. In dem nachfolgenden fünf­wöchigen Teil werden die Bewerber an Meerwasser und Sand gewöhnt. In sehr strapaziösen Lauf- und Turnübungen sowie Hindernisüberwindungen bei Tag und Nacht prüft dieser Abschnitt die Selbstüberwindungs­bereitschaft des Einzelnen.

In der abschließenden „Hell Week“ („Höllenwoche“) wird der Soldat noch einmal weit über seine Grenzen hinweg gefordert. Mit gezieltem Schlaf- und Wärmeentzug, Körperertüchtigungen in nasser Uniform und weiten Paddelausflügen aufs offene Meer wird von den Ausbildern die Leidensfähigkeit der Bewerber getestet. Jeder Teilnehmer kann diese Tortur jederzeit abbrechen und den Lehrgang verlassen. Die Zahl der Abbrüche wird mit 70 bis 80 Prozent angegeben.

Doch erst jetzt beginnen die eigentlichen Ausbildungseinheiten.  Neben der Ausbildung an den Standard- und Spezialwaffen der SEALs und ausländischer Armeen hat traditionell die Tauchausbildung einen hohen Stellenwert. Die folgenden Wochen dienen der intensiven infanteristischen Kampfform. Hierzu zählen Kletter- und Abseiltechniken, Sprengen, Nahkampf und Fernspähtaktik. In der Abschlußphase wird das Erlernte in realistischen Großübungen noch einmal überprüft. Erst nach erfolgreichem Abschluß dieses Abschnittes werden die zukünftigen Navy SEALs zur Fallschirmsprungausbildung nach Fort Benning in Georgia versetzt. An der Luftlandeschule der US-Army erhalten sie die Befähigung zum Fallschirmjäger. Mit Beendigung der anspruchsvollen Ausbildung werden die Männer in ihre Stammeinheiten ­versetzt. Hier geht die Spezialisierung der einzelnen Soldaten für ihre endgültige Verwendung weiter (beispielsweise als Bootführer, Pionier, Sanitäter, Freifaller).

Die Geschichte dieser legendären Spezialeinheit geht zurück bis in den Zweiten Weltkrieg. Bereits damals begann die US-Armee, eigene Kampfschwimmer auszubilden. Kenntnisse ließen sich diese frühen Kommandosoldaten unter anderem von den Italienern vermitteln, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg über Kampfschwimmereinheiten verfügten. Die US-Navy rekrutierte die Angehörigen der neuen Einheit bevorzugt aus den kampf­erprobten und bereits spezialisierten Marine-Pionier­bataillonen. Diese zur Täuschung „Navy Combat Demolitions Unit“ (Marine-Kampfmittelräumdienst) genannte Einheit begann im Juni 1944 mit 550 ausgebildeten Soldaten, die alliierte Invasion an der französischen Küste in der Normandie vorzubereiten. Lange vor den eigentlichen Sturmtruppen waren sie in der Nacht mit Kajaks angelandet und hatten in den US-Abschnitten „Utah“ und „Omaha“ die Sperren zur Sprengung vorbereitet. So sollte eine Gasse den Truppen einen schnellen Vorstoß ermöglichen. Die Menge der von den Pionieren der Wehrmacht aufgestellten Hindernisse war jedoch so groß, daß trotzdem viele alliierte Landungsboote in den verbliebenen Sperren festsaßen oder von den Sprengfallen zerrissen wurden.

Feindlich besetzte Strände
Die Erfahrungen dieser Einsätze veranlaßten US-Admiral Richmond Turner, damals Oberbefehlshaber der amphibischen Kräfte im Südpazifik, dazu, die Aufstellung weiterer Spezialverbände anzuordnen. Diese „Under­water Demolition Teams“ (UDT) genannten Verbände gelten als Vorgänger der modernen Navy SEALs. Ihre Aufgabe bestand darin, sich unbemerkt feindlich besetzten Stränden anzunähern und diese zu erkunden. Die Männer der UDT waren an allen Kriegsschauplätzen im Südpazifik im Einsatz. Dabei erlitten sie hohe Verluste. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Sollstärke der UDT auf 3.500 Mann angestiegen.

Doch die eigentliche Geburtsstunde der Navy SEALs schlug nach der verpatzten Invasion Kubas im April 1961. Der US-Geheimdienst CIA organisierte mit Exilkubanern eine Invasion der „Schweinebucht“, die aber schnell und wirkungsvoll von den Kubanern unter Fidel Castro zurückgeschlagen werden konnte.

Der gerade neu gewählte US-Präsident John F. Kennedy lernte aus dieser Erfahrung: Er übertrug dem Militär wieder die komplette Planung und Durchführung von Sonderoperationen, gleichzeitig befahl er den Aufbau einer speziellen amphibischen Aufklärungs- und Kommandoeinheit – die Navy SEALs. Der Name kennzeichnet die zukünftigen Betätigungsfelder (Sea, Air, Land), bedeutet gleichzeitig im Englischen aber auch Seehund, der das ursprüngliche Wappentier der Einheit war.

Anfang 1962 wurde die erste Einheit, das SEAL-Team 1, auf der Insel Coronado vor der kalifornischen Küste bei San Diego aufgestellt. Das Stammpersonal rekrutierte sich überwiegend aus den Einheiten der UDTs. Die noch relativ kleinen Verbände bestanden aus zehn Offizieren und insgesamt 50 operativen Kampfschwimmern. Durch die Protektion von Präsident Kennedy konnten die SEAL-Teams auf ein umfangreiches Finanzbudget zugreifen und modernste Ausrüstung beschaffen. Sie tauschten sich in gemeinsamen Übungen mit den britischen und australischen SAS und SBS aus. Zeitgleich wurden die in den vorherigen Einsätzen gemachten eigenen Erfahrungen in neuen Ausbildungsverfahren und Einsatztaktiken umgesetzt. So erreichten die einzelnen Gruppen schnell einen hohen Einsatzstatus und konnten sich bereits ab 1963 „combat ready“ – einsatzbereit – melden.

Ihre Feuertaufe erhielten die SEAL-Teams während des Vietnamkrieges (1965–1973). Parallel zur US-Army Special Force („Green Berets“), zu denen sie in kameradschaftlicher Konkurrenz standen, wurden sie von der ­US-Regierung als „Militärberater“ in das südostasiatische Land entsandt. Anfangs bestand ihr Hauptauftrag in der Ausbildung der südvietnamesischen Armee und ge­legentlicher Fernspäheinsätze im Hinterland des kommunistischen Nordens. Hier erkundeten sie die Feindstärke und Anmarschwege des Vietcong. Später setzten sie auch für die CIA Agenten ab und verübten Sabotageaktionen gegen den Vietcong.

Einsatz in Vietnam
Häufig gingen ihre Einsätze auch über die Grenzen ins benachbarte Laos und Kambodscha. Die SEALs infiltrierten die Einsatzgebiete auf ihren angestammten Wegen, den Flüssen oder vom Meer her. Sie benutzen dabei häufig die schnellen Patrouillenboote der Navy. Mit dem Aufkommen der Hubschrauber als universellem Transportgerät und taktischen Waffen wurden diese dann zum bevorzugten Absetzmittel der Marine-Kommandotruppen. Vereinzelt wurden aber auch noch kleine Trupps mit dem Fallschirm abgesetzt. Die Stärke der „Militärberater“ in Vietnam insgesamt stieg schnell von 750 auf fast 18.000 Mann an.

Der Stab der US-amerikanischen Military Assistance Command Vietnam/Study and Observation Group (MACV/SOG), der die gesamten Operationen aller ­US-Spezialeinheiten in Vietnam koordinierte, hatte seinen Sitz in Da Nang. Von dort wurde das ganze Land mit einer Flut von Kommandounternehmungen überzogen. Die Bandbreite reichte von Fernspähunternehmen über die bodengebundene Einweisung von Bomberverbänden bis hin zu gezielten Tötungen von feindlichem Funk­tionspersonal.

Die unkonventionell kämpfenden SEALs waren dabei die effizienteste Waffengattung der Amerikaner. Da sie an keine Richtlinien gebunden waren und ihre Kommandoaktionen mit großer Konsequenz und Kühnheit durchführten, fügten sie den Kräften des Vietcong und der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) hohe Verluste zu. Gleichzeitig förderten diese Einsätze einen bis heute erhaltenen Mythos über die „Grüngesichter“ und hinterließen Verunsicherung und Angst beim Feind.

Die sogenannte „Tigerstripe“-Tarnuniform machte die Männer im dichten Dschungel nahezu unsichtbar, und ihre moderne Bewaffnung gab ihnen eine hohe Feuerkraft. Die stärkste Waffe der Soldaten aber war der un­bedingte Wille zur Auftragserfüllung und eine hohe, antrainierte Leidensfähigkeit. Durch die große Effizienz der nur in Truppstärke (bis fünf Mann) operierenden Kampfschwimmer waren nie mehr als 200 Navy SEALs zeitgleich in Vietnam im Einsatz. Diese Waffengattung hatte die höchste Rate an Auszeichnungen für Tapferkeit im Kampf. Nach offiziellen Quellen wird die Zahl der im Einsatz gefallenen Seals mit 17 Soldaten angegeben. Verglichen mit der Gefährlichkeit der Einsätze ist das eine sehr geringe Quote.

Vietnam war der erste Kriegseinsatz für die SEALs und setzte gleichzeitig den Grundstein für die weitere Entwicklung dieser Sondereinheit.

Nachdem sich die USA allerdings zutiefst gedemütigt und auf Jahrzehnte traumatisiert aus Südostasien zurückzogen, fand auch bei den Spezialkräften der Navy SEALs ein Umdenken statt. Bis in die 1980er Jahre kam es nicht mehr zu größeren Einsätzen. Es wurde ruhig um die Männer, die „90 Prozent ihrer Zeit trainieren, um in den restlichen zehn Prozent nicht zu fallen“, wie ein Navy SEAL-Offizier gegenüber der DMZ sagte.

Terror und Drogen
Zeitgleich erschien ein neuer Feind auf der Bildfläche: Der internationale Terrorismus und die Organisierte Drogenkriminalität. Speziell zur Bekämpfung dieser Gegner ist 1981 aus Mitgliedern des SEAL-Team 2 eine eigenständige Einheit – das SEAL-Team 6 – geschaffen worden. Ihre Ausbildung und Ausrüstung wurde auf die besonderen Anforderungen von Anti-Terror-Missionen zugeschnitten. Die Männer dieser Gruppe waren die Spezialisten unter den Spezialisten.

Als auf der kleinen karibischen Insel Grenada im Jahr 1983 kommunistische Kräfte die Macht übernahmen, entsandten die USA für die Evakuierungsoperation „Urgent Fury“ eine 10.000 Mann starke „Combined Joint Task Force“. Darunter auch 16 Soldaten der SEAL-Teams 5 und 6. Die mangelhafte Voraufklärung durch die CIA und die Selbstüberschätzung der US-Armee führte im Verlauf dieser Operation zum Tod von vier SEAL-Mitgliedern. Sie waren bei schlechtem Wetter und mit zu schwerer Ausrüstung aus einem Hubschrauber ins Meer gesprungen – und dort ertrunken.

Auch die Evakuierung des britischen Botschaftsper­sonals scheiterte am massiven Abwehrfeuer der grenadinischen Soldaten und der fehlenden Panzerabwehrfähigkeit der Navy SEALs. Auf Seiten der US-Truppen gab es dabei zahlreiche Verwundete. Nach wenigen Tagen er­gaben sich die Soldaten von Grenada der fast zehnfachen Übermacht der US-Invasionstruppen.

Die fatalen Erfahrungen des Grenadaeinsatzes führten bei den SEALs erneut zu starken Umstrukturierungen. Die eklatanten Abstimmungsprobleme in der Führungsebene und das von starkem Konkurrenzdenken gekennzeichnete Verhalten der unterschiedlichen US-Spezialeinheiten (Navy SEALs, Special Forces und Army Rangers) offenbarten das fehlende Gesamtkonzept für Spezialoperationen. Die Ausrüstung wurde umfangreich moder­nisiert und angepaßt. Jetzt hatten die nun vier SEAL-Teams (auf 60 operative Züge verteilt) insgesamt über 2.000 Soldaten als Sollstärke.

In den folgenden Jahren konzentrierten sich die SEALs (im Verbund mit Einheiten der US-Delta Force) auf  Einsätze gegen Führungs- und Funktionskräfte verschie­dener Terrorgruppen im Libanon und in Libyen. Diese Missionen hatten fast immer „exekutiven“ Charakter und werden bis heute aus gutem Grund unter Verschluß gehalten.

Paramilitärisch strukturierte Drogenkartelle
Der zweite Schwerpunkt der SEAL-Aktivitäten galt dem Anti-Drogen-Kampf in Lateinamerika. Da in den 1990er Jahren der größte Teil der harten Drogen in diesen Ländern industriell hergestellt und auch von dort in die USA exportiert wurden, setzte die US-Regierung den Hebel an dieser Stelle an. Gegen die paramilitärisch strukturierten Drogenkartelle hatten die lokalen und überregionalen Polizei- und Armeekräfte kein nachhaltiges Konzept. Ein großer Teil der Drogenlabore lag im unzugänglichen Dschungel der Hochebenen und damit häufig im Zugriffsgebiet unterschiedlicher politischer Guerilla-Bewegungen. Da einzelne Drogen-Bosse namentlich zu Staatsfeinden der USA erklärt wurden, konnte die US-Regierung unter Georg Bush offiziell Berater der Navy SEALs als Unterstützung und zur Ausbildung der kolumbianischen Anti-Drogen-Behörde sowie seiner Exekutivkräfte entsenden.

Ähnlich aufwendig und spektakulär war die Ergreifung des panamesischen Diktators Manuel Antonio Noriega Moreno. Anfangs noch ein Verbündeter der ­US-Regierung, fiel er wegen seiner Rolle bei großangelegten Drogen­geschäften in Ungnade. Im Dezember 1989 besetzten ­US-Elitetruppen in der Operation „Just Cause“ Panama, um Noriegas Treiben ein Ende zu setzen. Die SEAL-Teams 2 und 4 hatten dabei den Auftrag, seine potentiellen Fluchtfahrzeuge (ein Schnellboot und ein größeres Flugzeug) aufzuklären und unbrauchbar zu machen, was jedoch wegen der starken Gegenwehr seiner Leibgarde nicht gelang. SEAL-Team 6 sollte Noriega festnehmen, dem es jedoch gelang unterzutauchen. Während der von den USA geführten UN-Mission UNOSOM in Somalia 1992 stellten die Navy SEALs gar die Speerspitze dar. Im Morgengrauen des 9. Dezember 1992 landete ein gemischtes Kommando mit 44 Mann (davon zwölf SEALs) in der Nähe der Hauptstadt Mogadischu, um den Flugplatz und den Hafen zu sichern und später an die nachrückenden Hauptverbände zu übergeben. Dies gelang ohne Gegenwehr seitens der somalischen Milizen. Bei der verlustreichen Schlacht um Mogadischu im Oktober 1993 waren offiziell keine SEALs beteiligt. Sie führten in der Folgezeit aber noch weitere Kampfeinsätze durch und blieben bis zum Abzug der US-Truppen 1994 im Land.

Das bei den Navy SEALs wegen seiner Eigenmächtigkeit bei der Vergabe von Beschaffungsaufträgen für Ausrüstung und der großen Brutalität in den Einsätzen un­beliebte SEAL-Team 6 ist 1995 aufgelöst worden. Die Einsatzkräfte gingen jedoch nach einer Umstrukturierung übergangslos in der neu aufgestellten DEVGRU (United States Naval Special Warfare Development Group) auf. 2001 wurde das Team 6 komplett der CIA unterstellt und war damit nur noch administrativ (also auf dem Papier) Teil der Navy. Den Namen durfte diese Einheit wegen des großen Wiedererkennungswertes behalten.

Im Reich der Taliban
Auf die Anschläge des 11. September 2011 auf New York und Washington reagierte die US-Regierung mit dem von ihr ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“. Bereits im Dezember griffen US-Streitkräfte Afghanistan an, das damals unter der Herrschaft der radikal-islamischen Taliban stand. Wieder kamen als erstes die Spezial­einheiten des Heeres und der Marine zum Einsatz. Sie führten anfangs in den Hochebenen des  schwierigen und zerklüfteten afghanischen Terrains Fernspähaufträge durch. Parallel knüpften sie Kontakt zu den neuen „Verbündeten“, den Verbänden der Nord­allianz. Auch Einheiten der Navy SEALs waren dort im Einsatz. Sie durchkämmten mit ihren Allradfahrzeugen die Gebirgszüge, in denen die Führung der Taliban und Al-Kaida vermutetet wurde. Obwohl die afghanischen Kämpfer keine klassische infanteristische Ausbildung nach westlichem Standard hatten, fügten sie den alliierten Invasionstruppen in verbissenen Verzögerungsgefechten erhebliche Verluste zu. Die Task Force 11, der auch die SEAL-Teams unterstellt waren, hatte große Probleme, mit der mangelhaften Information ihrer afghanischen Informanten konkrete Einsätze durchzuführen. Wegen der zeitgleichen Verschlechterung der Situation im Irak wurde 2003 ein großer Teil der US-Spezialkräfte aus Afghanistan abgezogen. Die US Delta Forces „kümmern“ sich seitdem im Schwerpunkt um den Irak. Die Navy SEALs verblieben zu einem großen Teil in Afghanistan und operieren seither  in enger Zusammenarbeit mit dem deutschen KSK und dem britischen SAS. Ihre Aufträge in den Brennpunkten gleichen dabei aber immer öfter einer Sisyphosarbeit.

Doch davon will man in diesen Tagen in Virginia Beach nichts wissen. Dort sucht man Heldengeschichten, Stories über Adrenalin, heißes Blut. Doch damit können die Navy SEALs nicht dienen. Ihre Verschwiegenheit ist gleichzeitig auch ihr größter Schutz. Das Unternehmen gegen Osama Bin Laden lastet wie ein Fluch auf Virginia Beach. Die Menschen dort fürchten sich nun vor Vergeltungsaktionen. „Dagegen kann dann auch kein Navy SEAL etwas ausrichten“, sagt ein Kellner schulterzuckend hinter seiner Theke.

Frank Reichel

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