Ab an die Front

boxerBundeswehr: Der neue GTK „Boxer“

In Afghanistan stellt der aktuell geführte Militäreinsatz der Bundeswehr ganz besondere, ungewohnte Anforderungen an die deutschen Kräfte. 1955 ursprünglich ausschließlich für die Landesverteidigung vorgesehen und entsprechend aufgestellt, stießen die deutschen Soldaten – mit dem neuen, weltweiten Einsatzkonzept – schnell und zum Teil schmerzhaft an ihre Grenzen. Die von den Aufständischen in Afghanistan angewandte asymmetrische Kriegsführung erforderte schon im Frühstadium des ISAF-Engagements Anfang 2002 ein komplettes Umdenken bei der deutschen Militärführung. Die mitgeführte Ausrüstung und ein Teil der Fahrzeuge waren unzweckmäßig oder wurden mit falschem Schwerpunkt eingesetzt.

Im Verlauf der Folgejahre sind die Erfahrungen und Anregungen der Truppe von der deutschen Wehrindustrie aufgegriffen und in zum Teil völlig neuartigen Konzepten umgesetzt worden. Eines dieser Projekte ist das neue Gruppen- und Einsatzfahrzeug für die Jägertruppe GTK „Boxer“ von ARTEC, ein Joint Venture der Tradi­tionsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall Radfahrzeuge. Ursprünglich als eine europäische Gemeinschaftsentwicklung geplant, mußten Deutschland und die Niederlande, nachdem Großbritannien und Frankreich aus Kostengründen ausschieden, das Projekt alleine bewältigen. 2003 konnte das Konsortium den ersten fahrbereiten Prototypen vorstellen und mit den ­Praxis-Tests beginnen. 2006 wurde der „Boxer“ auf der Weltmesse für Wehrmaterial „Eurosartory“ in Paris einem fachkundigen Publikum vorgestellt.

Neun unterschiedliche Muster
Es gibt vom „Boxer“ insgesamt neun unterschiedliche Muster. Darunter sind die Versionen Führungs-, Sanitäts- und Fahrschulfahrzeug. 2009 rollte das erste Se­rienfahrzeug vom Band. Eine deutsche Expertengruppe aus Technikern und Soldaten hatte in einer sechswöchigen Testreihe, die auch eine Fahrstrecke von ins­gesamt 90.000 Kilometern beinhaltete, den „Boxer“ auf „Herz und Nieren“ geprüft. Diese „Höllenwochen“ fanden in den Sand- und Steinwüsten der Vereinigten Ara­bischen Emirate und im Süden Australiens statt.

In „Down Under“, im Bundesstaat South Australia, liegt das ehemalige militärische Sperrgebiet „Woomera Pro­hibited Area“. Auf diesem 127.000 Quadratkilometer großen Übungs- und Schießgelände der australischen Armee wurde die Einsatzfähigkeit des „Boxer“ unter tropischen Bedingungen getestet. Besonderes Augenmerk wurde auf die Verträglichkeit der hohen Luftfeuchtigkeit und des mehlartigen Sandes für die elektronischen Anlagen und den Motor gelegt. Von großem Interesse war aber auch die Belastung für die mitfahrenden Soldaten. Wie kommt die Besatzung im Innenraum mit Hitze, Feuchtigkeit und Staub, aber auch mit dem unruhigen Geschaukel und der Enge klar? Ist das zusätzliche Anbringen von Staukästen sinnvoll? Sind diese am richtigen Platz angebracht?  Der abzuarbeitende Fragebogenkatalog war detailliert und sehr umfangreich. Die ausführlichen Tests bestätigten schließlich das gesamte Fahrzeugkonzept.

Nach diesen einsatzorientierten Pra­xistests sind die ersten acht „Boxer“ als „Armoured Personnel Carrier“ (APC) an die Infanterieschule des Heeres in Hammelburg ausgeliefert worden. Hier werden aktuell erste Führer und Funktionspersonal eines Jägerzuges an den neuen Fahrzeugen ausgebildet. Die hochflexiblen Jäger, die von ihrer Konzeptionierung her für die Überwachung und den Schutz von Räumen (Landstriche) prädestiniert sind, gelten auch als Spezialisten für den infanteristischen Kampf in stark bewaldetem oder schwierigem Gelände. In den zurückliegenden Jahrzehnten der Verstädterung in Europa kam für die Jägertruppe später dann noch die spezialisierte Befähigung für den Kampf in urbanem Umfeld hinzu. In einem vier Wochen dauernden Speziallehrgang an der Infan­terieschule lernen die späteren Kommandanten, Fahrer und Richtschützen des „Boxer“ die Möglichkeiten und Grenzen des Fahrzeuges in Theorie und Praxis kennen. Danach folgt eine intensive taktische Gefechtsausbildung, in der das Erlernte überprüft und gefestigt wird.

Bis zu 103 Stundenkilometer schnell
Das Gepanzerte-Transport-Kraftfahrzeug (GTK) „Boxer“ macht mit seinen fast acht Metern Länge, einer Breite von knapp drei Metern und der Höhe von 2,40 Metern einen robusten und schlagkräftigen Eindruck. Der 720 PS (530 kW) starke V8 Motor von MTU treibt das 30 Tonnen schwere Gefährt spurtschnell auf bis zu 103 Stundenkilometer. Im beladenen Zustand ist – je nach Gelände – ein Einsatzradius von bis zu 1.100 Kilometern möglich. Mit seiner Minimalgeschwindigkeit von drei Stundenkilo­metern ist der „Boxer“ ein wahrer Klettermeister. Er ist problemlos in der Lage, über 80 Zentimeter hohe Hindernisse zu fahren und dabei Gräben mit bis zu zwei Metern Breite zu überwinden. Seine vier permanent angetriebenen Achsen (8×8), von denen die vorderen beiden lenkbar sind, erlauben einen Wendekreis von nur 15 Metern. Das wuchtig wirkende Fahrzeug ist damit hochflexibel und kann im Gelände mit jedem kettengetriebenen Panzer mithalten. Die vom Fahrerhaus  regulierbare Reifendruckanlage gewährleistet die Bewältigung von Steigungen bis zu 60 Prozent und Seitenneigungen von 30 Prozent.

Der 16 Quadratmeter große Innenbereich des „Boxer“ bietet zehn voll ausgerüsteten Soldaten genügend Platz, um auch längere Anmarschwege einigermaßen bequem zu „ertragen“. Sogar an eine Klimaanlage, einen Wasserkocher und eine eigene Bordtoilette wurde gedacht. Ein nicht zu unterschätzender Luxus in den aktuellen rauhen Einsatzgebieten mit ihren extremen Temperaturen von -40 Grad bis +50 Grad. Bemerkenswert ist, daß eine komplette „Kampfbeladung“ des Fahrzeuges eine autonome Einsatzdauer von bis zu zehn Tagen ermöglicht. Der GTK „Boxer“ ist kein Kampffahrzeug, sondern soll als „Mutterschiff“ einer Jäger-Gruppe als Stützpunkt („Gruppennest“) dienen und diese zusätzlich unter Panzerschutz nahe an den eigentlichen Einsatzort bringen.

Vier Fahrzeuge bilden dabei einen Jäger-Zug. Drei Züge stellen die Kompanie. Zur Selbstverteidigung haben je zwei „Boxer“ eine aus dem Fahrzeuginnern fern­gesteuerte Waffenstation FLW 200 für das schwere Maschinengewehr 12,7 mm und je zwei Fahrzeuge eine FLW 200 für das Granatmaschinengewehr 40 mm. Diese Kombination der Bordbewaffnung gibt den Gruppenfahrzeugen eine effiziente Möglichkeit, unerwartet angreifende Feinde mit massivem Feuer niederzuhalten und damit das „Ausbooten“ der Jägergruppen wirkungsvoll zu gewährleisten. Mit Unterstützung der tag- und nachtkampffähigen optronischen Ausstattung, wie der hochauflösenden CCD-Farbkamera und einem Wärmebild­gerät, ist die Besatzung (auch bei zusätzlich schlechter Sicht durch Nebel, Regen oder Schnee) in der Lage, eine weitreichende Umfeldbeobachtung und -bekämpfung vorzunehmen.

Die stabilisierten Waffenstationen und ein präziser Entfernungsmesser erlauben auch bei schneller Fahrt oder schwierigem Gelände ein gezieltes, treffsicheres Bekämpfen von Angreifern. Die Akzeptanz des neuen Gruppenfahrzeuges bei den Soldaten ist sehr hoch. Der „Boxer“ ist mit dem neuen A400M Airbus Transportflugzeug luftverladefähig und löst letztendlich den bewährten, aber in die Jahre gekommenen „Fuchs“ als Basisfahrzeug ab. Es ist ein Beschaffungsvolumen von insgesamt 272 „Boxer“-Fahrzeugen vorgesehen. Die Auslieferung soll zwar 2016 abgeschlossen sein, ist aber bei der sehr bedenklichen Unterfinanzierung der Truppe bis dahin nicht wirklich zu erwarten. Daher wird auch die vor­gesehene Nutzungsdauer von 30 Jahren wahrscheinlich weit überschritten werden. Das Jägerbataillon 292 aus Donau­eschingen wird mit seinen „Boxer“-Fahrzeugen ab August 2011 als erste deutsche Einheit das neue taktische Einsatzkonzept im Norden Afghanistans umsetzen.

Björn Sefari

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