„Leopard“ am Hindukusch

81dmz1Afghanistan: Kanadier setzen auf deutsche Panzertechnik

Nachdem der Bundesrepublik Deutschland 1955 durch die alliierten Siegermächte eine Teilsouveränität zugestanden worden war, begann die deutsche Wehrindustrie umgehend, wieder eigene Kampf- und Schützenpanzer zu entwickeln. Da das bis dahin vor­gegebene Wehrmaterial aus den Beständen der US-Amerikaner (M-47 Patton) und Großbritanniens (Centurion Mk.3) nicht den hohen Ansprüchen der neuen Bundeswehr entsprach, wurde schon frühzeitig unter Einbindung der im Weltkrieg gemachten tech­nischen und praktischen Erfahrungen über eine neue Panzergeneration nachgedacht. Bereits 1965 konnten die ersten von der Krauss-Maffei AG (heute Krauss-Maffei Wegmann) gebauten „Leopard“ 1 (wegen der NATO-Standardisierung noch mit der kleineren 105mm Ka­none) als mittlerer Kampfpanzer an die deutschen Heeressol­daten übergeben wer­den. Der „Leopard“ basierte dabei auf dem Prototyp Porsche-Typ 814. Bei den ab 1973 jährlich stattfindenden NATO-Großmanövern „Reforger“ spielten die Panzerverbände der Bundeswehr die Stärken des „Leopard“ 1 geschickt aus und hinterließen bei den anderen beteiligten Armeen einen bleibenden Eindruck. Schnell entwickelte sich der „Leopard“ 1 zum Exportschlager. So führten in den Folgejahren die Niederlande, Belgien, Dänemark, Nor­wegen, Italien, Griechenland, die Türkei, Kanada  und sogar Australien den „Leopard“ für ihre Panzer-Truppe ein. Hier tun sie noch heute ihren Dienst. Bis 1976 sind allein für die Bundeswehr insgesamt 2437 „Leopard“ 1 Panzer (in unterschiedlichen Losen) gebaut worden. Der letzte deutsche „Leopard“ 1 wurde erst 2003 außer Dienst gestellt.

Einbau weiterer Innovationen
Natürlich wurde der Panzer weiterentwickelt. 1979 wurde der verbesserte „Leopard“ 2 an die Truppe über­geben. Der „Leopard“ ist seitdem das Rückrat des deutschen Heeres. Seine markantesten Neuerungen waren die voll stabilisierte, stärkere 120 mm-Glattrohrkanone von Rheinmetall, die verbesserte Turmpanzerung und eine elektrische Waffennachführanlage. Durch sein passives Wärmebildgerät und einem leistungsstarken Restlichtverstärker war dieser Panzer nahezu allwetterkampftauglich. Mit jedem neuen Los wurden weitere Innovationen eingebaut und eine fortfahrende Kampfwertsteigerung erreicht. Ursprünglich für die erwarteten großen Panzerschlachten eines „heiß“ gewordenen Kalten Krieges konzipiert, konnte er seine  Stärken bereits ab 1999 als Teil der Multinationalen Brigade South Prizren/Kosovo KFOR unter Beweis stellen. Serbische Freischärler und Reste der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee star­teten immer wieder Angriffe auf  Kfz-Patrouillen der westlichen Schutzmacht. Dabei feuerten sie aus Bunkerstellungen mit Mörsern und Raketen. Die begleitenden „Leopard“-Panzer beendeten diese Angriffe innerhalb von wenigen Minuten, indem sie sehr gezielt die feind­lichen Stellungen unter Feuer nahmen und sich nachhaltigen Respekt verschafften. Weitere Angriffe blieben in den Gebieten danach aus.

Nachdem der „humanitäre Friedenseinsatz“ der Bundeswehr in Afghanistan zu einem Krieg eskalierte, wurden die Rufe der Soldaten nach durchsetzungsstarken Kampfpanzern immer lauter. Die von der Bundeswehr zum Einsatz gebrachten gepanzerten Radfahrzeuge sind den Kräften der meisten Sprengfallen und Minen nicht gewachsen. Aus dem Verteidigungsministerium und den Reihen der etablierten Parteien kam als Antwort jedoch nur Hohn und Spott. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) äußerte sich: „Der ,Leopard‘ macht zumindest um Kundus herum nach heutiger Einschätzung alles andere als Sinn.“ Die Forderungen wurden zeitgleich von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als unsinnig abgetan.

Spezielle Ausführung für Afghanistan
Die militärische und politische Führung in Dänemark und Kanada sehen das Ganze anders. Beide Länder haben mittlere Einsatzkontingente (Kanada ca. 3.500 Mann) in Afghanistan und in ihren Mandatsgebieten schon frühzeitig Kampfpanzer zum Einsatz gebracht. Kanada hat, wie viele andere Länder, den „Leopard“ 1 und 2 für seine Panzerverbände beschafft. Jetzt wurden in ihrem Auftrag von Krauss-Maffei Wegmann 20 „Leopard“ 2 A4M speziell für die Operationen in Afghanistan umgebaut und aus­geliefert. Die verschiedenen Einsatzgebiete in Afghanistan stellen sehr hohe Anforderungen an die Soldaten und  ihre Fahrzeuge. Von großer Hitze (besonders im Fahrzeug­innern) über eisige Kälte, staubfeinen Sand und albtraumhafte Straßenbedingungen ist jedes Extrem einzukal­kulieren. Der Verschleiß von Einsatzfahrzeugen ist übermäßig hoch. Kabelverbindungen, elektromechanische Geräte, aber auch Leitungen sind für die Temperaturen nicht ausgelegt. Eine auffällige Neuerung ist das Barra­cuda-Tarnsystem. Diese über die wesentlichen Flächen des Panzers gespannte Folie hat (neben dem Tarneffekt) eine Hitze-Transferfunktion. Dabei wird die Außen- und Abwärmetemperatur zurückgeworfen. Dadurch minimiert sich gleichzeitig die Wärmesilhouette des Fahrzeuges. Die Spezialanfertigung „Leopard 2A4M (Ops) Can“ hat neben einer verstärkten Bug- und Unterbodenpanzerung gegen große Minen einen leistungsstarken Störsender (Jammer, Counter-IED) für die Unterdrückung von Funkwellen (welche häufig von Handys gezündete Sprengfallen auslösen sollen). Die Funk- und Antennenanlage ist so ergänzt und verstärkt worden, daß die Kommunikation jetzt innerhalb des Verbandes störungsfrei und auch für eine größere Reichweite sichergestellt ist. Mit seinen optronischen Einrichtungen ist der Panzerkommandant in der Lage, über mehrere Kilometer Entfernung Aufklärung zu betreiben und diese zeitgleich an die „Fußtruppe“ weiterzuleiten. Durch die Anbringung von Pioniergeräteschnittstellen für ein wuchtiges Räumschild, sowie für Minenroller oder Minenpflug ist das Einsatzspektrum wesentlich erweitert worden. Das Argument der „Bedenkenträger“ im deutschen Par­lament, daß der „Leopard“ zu schwer für die Brücken und zu groß für die engen Ortschaften in Afghanistan sei, zeugt von der Unkenntnis der realen Einsatzwelt.

„Stolz auf den besten Kampfpanzer“
Da der „Leopard“ 2 tiefwatfähig ist und sogar tauchen kann, können Flüsse oder Brücken durch- und umfahren werden. Schwierige Ortsdurchfahrten entfallen ebenfalls, da die Panzer die afghanischen Dörfer einfach umfahren. Lediglich die Infanterie und die Radfahrzeuge durchqueren die Ortschaften. Im Falle einer Eskalation greift der Panzer mit gezieltem Feuer seiner Primär- und Sekundärwaffen unterstützend ein.

Ihren Heimat-Stützpunkt erhalten die neuen Panzer der Royal Canadian Army in der Nähe von Edmonton/Alberta. Dort sind sie der „Lord Strathcona´s Horse“ unterstellt. Der kanadische Brigadegeneral Steve Bows erklärte während der symbolischen Übergabe des ersten Panzers an die Truppe: „Wir sind stolz auf den besten Kampfpanzer. Die Komplexität des gegenwärtigen Gefechtsfeldes macht den Einsatz von Kampfpanzern erforderlich. Der modernisierte ,Leopard‘ 2 spielt eine Schlüsselrolle für unsere Einsätze. Er ermöglicht es uns, mobil zu agieren und gleichzeitig sich in einem stark gefährdeten Umfeld über längere Zeit zu exponieren. Der Panzer konnte schon mehrfach das Leben unserer Soldaten retten und trägt auch dadurch zu einer positiveren Moral in der Truppe bei.“

Harald Scheer

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