Leise, schnell und bissig

80dmz1Waffenträger „Wiesel“ 1 MK 20/TOW

Während der Jahrzehnte des Kalten Krieges, in denen sich die beiden Militärblöcke NATO und Warschauer Pakt als Gegner gegenüberstanden, war das an­genommene Szenario eines möglichen konventionellen Krieges von großen Panzerschlachten auf dem Territorium des nord-westlichen Europas geprägt. Nach dieser Vor­gabe wurden auch die Armeen beider Blöcke strategisch ausgerichtet. Ein überproportional hoher Schwerpunkt der Bewaffnung der Bundeswehr ist darum auch in der Panzerwaffe bzw. in den Panzerabwehrkomponenten zu finden.

Panzergrenadiereinheiten sollten dabei die Hauptkampfverbände stellen, die von Jägereinheiten aus dem rückwärtigen Raum verstärkt würden. Als „Feuerwehr“ und schnelle Eingreiftruppe käme dann im Bedarfsfall die Fallschirmjägertruppe zum Einsatz. Das markanteste Merkmal der deutschen Fallschirmjägertruppe ist ihre nahezu universelle Einsetzbarkeit. Durch die Luftlan­de- und Luftverladefähigkeit ist gleichzeitig eine hohe Mo­bilität und Kampfstärke über große Entfernung gegeben. Sie werden für handstreichartige Kommandoaktionen genauso eingesetzt, wie zum Abriegeln von durchbrochenen Feindkräften. Ihnen fehlte jedoch insgesamt eine nachhaltige Panzerabwehrfähigkeit und die Ausstattung, sich im Einsatzgebiet taktisch schnell zu bewegen.

Einsatz des „Kraka“
Dieser Mangel sollte durch den 1974 eingeführten „LKW 0,75 t gl Kraka (Kraftkarren) Typ 640“ von den FAUN-Werken abgestellt werden. Dieses spartanisch ausgestat­tete Fahrzeug war lediglich eine motorisierte Plattform. Mit einer  Breite und Länge von 1,51 Metern x 2,78 Metern (auf 1,85 Meter zusammenklappbar) und einer Höhe von nur 1,19 Metern, konnte das Gefährt problemlos in (oder als Außenlast unter) einem Hubschrauber vom Typ CH 53 transportiert werden. Der „Kraka“ wurde von einem auf 26 PS gedrosselten BMW-Boxermotor auf zirka 60 Stundenkilometer beschleunigt. An die Bundeswehr wurden insgesamt 862 Kraka ausgeliefert. Auf der 1,4 x 1,4 Meter großen Ladefläche konnten verschiedene Rüstsätze bis zu einer Last von rund 750 Kilogramm montiert werden. So kamen die verschiedensten Versionen, wie die weitreichenden Panzerabwehrwaffen Milan und TOW, zum Einsatz. Zur Feuerunterstützung für die Infanterie gab es Rüstsätze für die Maschinenkanone MK 20 Rh 202 von Rheinmetall und eine 120 mm-Mörser-Version.

Auf den großen NATO-Manövern der 1980er Jahre bewiesen die „Kraka“ immer wieder ihre Robustheit. Obwohl die Fahrzeuge hoch geländegängig und die Waffenplattformen sehr effizient waren, wurde das System wegen seines gänzlich fehlenden Panzerschutzes aufgegeben und durch das Waffenträgerfahrzeug „Wiesel“ I ersetzt. Die Einsatzerfahrungen mit dem „Kraka“ flossen jedoch direkt in die Doktrin des Nachfolge­modells.

Die Firma Porsche hatte bereits 1975 damit begonnen, verschiedenen Prototypen zu bauen, um eine hohe Panzerabwehrfähigkeit der leichten Infanterie unter Panzerschutz zu verwirklichen. Als die finanzielle Förderung durch die Bundesregierung unerwartet eingestellt wurde, ruhte das Projekt für drei Jahre. Es wurde jedoch wegen großen Interesses aus dem Ausland 1981 wieder hochgefahren.

Der 1988 schließlich vergebene Auftrag an die Entwicklungsgruppe von MaK (heute Rheinmetall-Land­systeme) enthielt die Forderung nach einem schnellen und gepanzerten Kettenfahrzeug, welches wieder mit den bewährten Waffensystemen MK 20 und TOW bestückt werden sollte. Die Rundumpanzerung mußte die Durchhalte- und Durchsetzungsfähigkeit stark erhöhen. Nach langen und  intensiven Tests erhielt das Endprodukt schließlich den Namen „Wiesel“.

Feuertaufe des „Wiesel“
Ab 1990 wurden 343 „Wiesel“ I-Panzer für die Bundeswehr beschafft. Seine „Feuertaufe“ erhielt der „Wiesel“ während des UNOSOM II-Abenteuers 1993/94 in So­malia. Die dort eingesetzten zehn Panzer wurden zum Objektschutz des deutschen Feldlagers herangezogen. Es ist kein offizieller Waffeneinsatz bekannt.

Der nur 3,31 Meter lange, 1,89 Meter breite und 1,82 Meter hohe Panzer wiegt lediglich 2,75 Tonnen. Die Wanne, die in unterschiedlichen Stärken aus geschot­tetem Panzerstahl verschweißt ist, hat eine selbsttragende Bauweise. Dies gewährleistet der Besatzung Schutz gegen Splitter und Infanteriemunition. In einem mitt­leren Transporthubschrauber vom Typ CH 53 G sind zwei „Wiesel“, in einer C-160 Transall vier „Wiesel“ lufttransportfähig. Der aus der zivilen Serienproduktion stammende Fünf-Zylinder Turbo-Dieselmotor von VW mit 87 PS (64 kW), beschleunigt den Panzer auf zirka 80 Stundenkilo­meter. Das automatische Dreiganggetriebe und das nachgeschaltete  Zweigang-Gruppen- und Lenkgetriebe erlauben dem Panzer eine übergangslose Beschleunigungsweise. Mit den vier drehstabgefederten Laufrollen, einem Treibrad und einer Stützrolle, ist das eher klein dimensionierte Stützrollenlaufwerk in der Lage, in jedem Gelände mit maximaler Traktion abzurollen.
Die Steigfähigkeit wird mit 60 Prozent angegeben, die Querneigung mit 30 Prozent. Trotz der kleinen Außenmaße ist der Panzer in der Lage, Gräben bis zu einer Breite von 1,2 Metern zu überfahren. Wasserläufe bis 40 Zentimeter Tiefe kann er problemlos durchwaten. Das Tankvolumen von 80 Litern erlaubt eine Einsatzreichweite von bis zu 300 Kilometern.

Die kleine Besatzung besteht aus einem Fahrer und dem Kommandanten. Dieser bedient auch die Waffen­anlage. Die Maschinenkanone MK 20 DM6 Typ RH 202 von Rheinmetall ist ein starr verriegelnder, vollauto­ma­tischer Gasdrucklader und hat eine maximale Kampfentfernung von 1.000 Metern. Die Munition gliedert sich in 60 Patronen Hartkern AP (gegen gepanzerte Ziele) und 100 Patronen Spreng-Brandmunition HE (gegen weiche Ziele). Von den zwei außenliegenden Munitionskästen wird die Waffe über die Doppelgurtzuführeinrichtung mit der 20 Millimeter-Munition „gefüttert“. Es stehen insgesamt 400 Schuß zur Verfügung. Die Maschinenkanone wird von dem Ein-Mann-Turm E6-II-A1 aufgenommen. Zur Wartung ist die Waffe mit wenig Aufwand auszubauen und schnell in ihre Baugruppen zerlegbar. Der Seitenricht­bereich der Kanone liegt bei +/- 110 Grad. In die Höhe ist ein Richtbereich von -10 Grad bis +45 Grad möglich.

Nachtkampftaugliches Zielperiskop
Das nachtkampffähige Zielperiskop ist bis zur sechs­fachen Vergrößerung umschaltbar. Über die autonome optronische Zieleinrichtung AOZ 2000 sind auch nachts Personen und Fahrzeuge in bis zu 2.500 Metern Entfernung deutlich zu erkennen.

Der „Wiesel“ I A1 TOW 2 ist mit dem Chassis des „Wiesel“ I MK 20 vergleichbar, hat aber als Rüstsatz die Waffenanlage TOW auf einer Lafette montiert. Diese draht­gelenkte Panzerabwehrrakete hat eine maximale Kampfentfernung von 3.750 Metern. Im und am Panzer befinden sich sieben TOW-Geschosse. Die Waffenanlage hat einen Seitenrichtbereich von +/- 45 Grad und einen Höhenrichtwinkel von +/- 10 Grad. Sie besteht aus dem Start­rohr und den optronischen Modulen für den Tag/Nachtkampf. Hier besteht die Besatzung aus drei Soldaten (Fahrer, Ladeschütze und Kommandeur). Auch bei diesem Panzer bedient der Fahrzeugführer die Waffe. In Höhe des Ladeschützen ist zusätzlich ein Maschinen­gewehr MG 3 als Sekundärbewaffnung montiert.

Der „Wiesel“ I wurde vorrangig für die Fallschirm­jägertruppe entwickelt. Nach der Umstrukturierung des Heeres sind aber auch Fahrzeuge bei den Gebirgsjäger- und Jägereinheiten zu finden. Beide „Wiesel“ I-Muster kamen bisher auch bei den Auslandseinsätzen von IFOR, SFOR, KFOR, TFH und ISAF zum Einsatz. Andere NATO-Armeen schauen dabei bewundernd auf diesen wiesel­flinken und kampfstarken Panzer.

Frank Jessen

1 Kommentar zu „Leise, schnell und bissig“

  1. DocB sagt:

    …nicht zu vergessen die große Bewunderung der anderen NATO-Armeen für den jedem Wiesel hinterherfahrenden VW-Bulli(!), mit dem aus Platzmangel im Wiesel (”nur Munition und Mannschaft”) die persönliche Ausrüstung, Verpflegung und sonstiger Nachschub für die Besatzung nachgekarrt werden muß; sicherlich ein typisches Luftlandeeinsatz-Szenario….
    Man sollte bei aller Begeisterung für dieses Dickblech auch die seit 25 Jahren bekannten Schwächen der zu kleinen Konstruktion erwähnen können.

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