Israelischer Mythos

80dmz2Der Offizier und spätere Politiker Mosche Dajan gilt bis heute als Haudegen der israe­lischen Armee. Er trat bereits mit 14 der jüdischen „Haganah“-Miliz bei. 1939–1941 war er wegen illegaler Tätigkeit gegen die Briten inhaftiert. Der israelische Militärhistoriker Dr. Uri Milstein beleuchtet exklusiv für die DMZ das Leben der israelischen Militär-Legende.

Nur vier Personen waren für die Ausgestaltung des Sicherheitskonzepts des Staates Israel ausschlaggebend: David Ben Gurion, der erste Premier- und Vertei­digungsminister nach der Gründung Israels im Jahre 1948; Mosche Dajan, israelischer Generalstabschef während der 1950er Jahre und späterer Verteidigungsminister; Jitzchak Rabin, Generalstabschef, Verteidigungs- und Premier­minister von Anfang der 1960er Jahre bis zur Mitte der 1990er Jahre; Ariel Scharon, General, Verteidigungs- und Premierminister seit den sechziger Jahren bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts. Alle vier hingen dem naiven Glauben an, den jüdischen Staat im muslimischen Nahen Osten ohne Konflikt und Krieg etablieren zu können. Aufgrund dieser Denkweise entwickelte Israel kein eigenes Sicherheitskonzept, das seiner geopolitischen Lage angepaßt gewesen wäre. Sie improvisierten ein Verteidigungssystem als Antwort auf arabische Angriffe. Immer noch ist das heutige Verteidigungskonzept vom naiven Glauben dieser vier Männer geprägt, denn ihr Einfluß ist aufgrund des Mythos‘, sie seien „begnadete Strategen historischen Ausmaßes”, noch zu bestimmend.

Antiintellektuelle Ausbildung
Mosche Dajan wurde 1915 im Kibbuz Degania im Jordantal geboren. Als er sechs Jahre alt war, zog seine Familie in ein Dorf im Jezreel-Tal nach Galiläa. Beide Eltern verbanden die Arbeit auf der Farm mit politischer Tätigkeit. Sie und ihre Freunde hofften, daß ihre Kinder keine Intellektuellen – wie viele Juden in der Diaspora – werden würden, sondern Bauern. Deshalb bekamen sie auch nur eine ein­fache Ausbildung, in der der Schwerpunkt auf das Erlernen nützlicher und praktischer Dinge gelegt wurde. Sie hatten keine intensive militärische Ausbildung, sondern wurden nur oberflächlich an verschiedenen Waffen unterwiesen.

Die zukünftigen militärischen Führer Israels lernten aus den Erfahrungen, die sie in ihrer Jugendzeit gemacht hatten. Sie verstanden, daß es einen grundlegenden Widerspruch gibt zwischen der zionistischen Ideologie ihrer Eltern auf der einen Seite und der arabisch geprägten Realität auf der anderen.

Dajan schloß sich der jüdischen „Haganah“-Miliz an, in der er als Jugendlicher in den späten 1930er Jahren im Kampf gegen den arabischen Aufstand mit den Briten kol­laborierte und auf taktischer Ebene herausragte. Er wurde tief geprägt durch den Einfluß des britischen Offiziers und späteren Generalmajors Charles Wingate, einem Spezia­li­sten des Guerillakampfes.

Die Mandatsmacht verbot die „Haganah“-Miliz, und Dajan wurde von den Briten zweieinhalb Jahre lang inhaftiert. 1941 bildeten die Briten zwei Kommandobataillone aus Juden in Palästina. Sie sollten im Krieg gegen die Achsenmächte kämpfen. Die Juden erhielten von den Briten eine kurze taktische Ausbildung, vor allem im Guerillakampf, und Dajan konnte sein Wissen in dieser Art der Kriegsführung weiter ausbauen. Er wurde zum Kommandeur eines der Bataillone ernannt, das in Syrien und im Libanon gegen Vichy-Kräfte kämpfte. Im Juni 1941 erlitt Dajan im Rahmen dieser Kämpfe eine Verwundung und verlor ein Auge. Wieder genesen, wandte er sich der Verteidigungspolitik zu. Dies unterbrach seine militärische Karriere, war aber fundamental für seinen späteren politischen Aufstieg. Er traf mit David Ben Gurion und anderen Führern des linken jüdischen politischen Flügels zusammen. Diese politischen Verbindungen halfen ihm, die verteidigungspolitische Karriereleiter in Israel hinaufzuklettern.

Politische Miliz
Im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948–1949 wurde Dajan zunächst als Kommandeur von Spezialoperationen eingesetzt und war unter anderem für die Ermordung wichtiger palästinen­sischer Führer verantwortlich. Nach seinem Sieg bei der Eroberung von Lod beförderte ihn Ben Gurion zum Oberst und setzte ihn als Befehls­haber der Jerusalem-Front ein. Allerdings sollte die sogenannte „Schlacht um Lod“ die einzige Schlacht bleiben, die Dajan wirklich erfolgreich geführt hat – und das auch nur, weil die Araber die Stadt nicht entschlossen ver­teidigten, sondern sie fast sofort über­gaben. In Jerusalem versagte Dajan sonst bei den militärischen Ope­­ra­tionen, die er durchführte. Sein einziger großer Erfolg lag in dem Waffenstillstandsabkommen, das er mit Jor­danien aushandelte und welches damit an diesem Front­abschnitt Frieden brachte, lange bevor der Krieg an den anderen Fronten beendet war. Dajan war damit politisch also erfolgreicher als militärisch. Trotzdem betrauten die Israelis ihn immer wieder mit militärischen anstatt mit politischen Aufgaben.

Kurz nach dem Krieg zog David Ben Gurion unerwartet General Jigal Allon von seinem Posten als Oberkommandierender für den Südabschnitt ab. Obwohl Allon als der erfolgreichste Kommandeur im Krieg betrachtet wurde, wurde stattdessen Mosche Dajan an seine Stelle gesetzt. Allon war Mitglied einer oppositionellen politischen Partei, während Dajan zur Partei von Ben Gurion gehörte. Zweifellos ließ Ben Gurion sich von parteipolitischen Aspekten leiten, anstatt aus sicherheitspolitischen Gründen zu handeln.

Innerhalb von nur fünf Jahren, zwischen 1948 und 1953, brachte Dajan es vom Bataillonskommandeur über den Brigadekommandeur zum Generalmajor, der das Südkommando, dann das Nordkommando innehatte und Opera­tionschef wurde. Im Dezember 1953 ernannte Ben Gurion ihn schließlich zum israelischen Generalstabschef.

In diesen fünf Jahren verschlechterte sich die Leistungs­fähigkeit der IDF (Israel Defence Forces), sie scheiterte in allen Konflikten mit den Arabern. Kaum einer glaubte damals, daß Israel überleben könnte. Auch aus diesem Grund zeigten sich die Araber gegenüber Israel nicht friedens­bereit. In Anbetracht der militärischen Schwäche Israels nahmen sie an, den noch jungen jüdischen Staat bald zerstören zu können. Für diese Schwächung trägt in der Hauptsache General Mosche Dajan die Verantwortung. Dajan war nach wie vor ein typischer Protagonist des politischen Miliz-Charakters der IDF. Er selbst profitierte davon, der Staat Israel und die IDF litten allerdings darunter.

Die Einheit 101
Mitte 1953 ließ der israelische Verteidigungsminister gegen den Vorschlag von Dajan eine Kompanie aus Kommandoeinheiten unter der Führung von Ariel Scharon aufstellen, die die Bezeichnung „Einheit 101“ erhielt. Diese Einheit war nur vier Monate im Einsatz. Dennoch war sie die erste israelische Einheit seit dem Unabhängigkeitskrieg, die erfolgreich kämpfte. Der Zerfall der Vertei­digungsfähigkeit Israels konnte damit gestoppt werden. Aber als Dajan im Dezember 1953 zum israelischen General­stabschef ernannt wurde, löste er die Einheit 101 sofort wieder auf. Er ernannte Ariel Scharon zum Chef des Fallschirmjägerbataillons 890, in das auch die Soldaten der Einheit 101 überführt wurden. Von 1954 bis 1956 setzten Ben Gurion und Dajan das Bataillon 890 ein, um auf ara­bische Angriffe zu reagieren. Scharon und seine Soldaten griffen dutzende Ziele entlang der Grenze an und errangen einen Sieg nach dem anderen. Diese Erfolge führten zu einem Umdenken in allen IDF-Kampfeinheiten. Bei den arabischen Führern wuchs die Erkenntnis, daß Israel auf herkömmlichem Wege nicht zu schlagen ist, sondern daß man – untereinander verbunden und unterstützt durch den Ostblock – zum finalen Vernichtungskrieg bereit sein müßte. Gleichzeitig kam Dajan zu dem Schluß, daß es unmöglich war, einen Krieg, insbesondere gegen Ägypten, zu vermeiden und überzeugte Ben Gurion 1954 davon, Israel intensiv darauf vorzubereiten.

Ben Gurion weigerte sich allerdings, ohne die Unterstützung einer Großmacht militärisch aktiv zu werden. 1956 kam die passende Gelegenheit, als Ägypten den Suez-Kanal verstaatlichte. Großbritannien, Frankreich und Israel einigten sich auf einen Angriff: Israel hatte den Suez-Kanal zu besetzen; Frankreich und Großbritannien wollten daraufhin eingreifen, mit der Begründung, der Krieg bedrohe den Kanal. In der Zwischenzeit sollte Israel die ägyptische Armee auf der Sinai-Halbinsel vernichten. Die Planung war jedoch mangelhaft, und die IDF machten viele Fehler während des Krieges. Der größte Fehler Dajans aber war das auf die Infanterie gestützte Vorgehen, während die gepanzerten Korps nur als Hilfskräfte Verwendung fanden. Diese Taktik mißachtete die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs völlig. Letztlich aber waren die ägyptischen Streitkräfte auf der Halbinsel Sinai viel zu schwach, um es mit drei Armeen gleichzeitig aufnehmen zu können.
Die Operation scheiterte allerdings politisch. Eine im Kalten Krieg seltene Zusammenarbeit zwischen den USA und der Sowjetunion veranlaßte Großbritannien, Frankreich und Israel zum Verlassen der Sinai-Halbinsel. Durch eine intensive Propaganda und durch Verschleierung der mei­sten Probleme und Fehler der IDF gelang es Dajan, den Krieg als erfolgreich und sich selbst als militärischen Stra­tegen historischen Ausmaßes darzustellen. Daher wurden keine Untersuchungen über den Krieg durchgeführt, aus denen man hätte lernen können. Die IDF blieb weiterhin eine Milizarmee mit all ihren Unzulänglichkeiten.

Mosche Dajan verließ 1958 die Armee. Er schloß sich der Regierung von Ben Gurion an und wurde Landwirtschaftsminister. 1965 gründete Ben Gurion, der sich mit dem jet­zigen Premier Levi Eschkol überworfen hatte, eine neue Partei (Rafi), die auch zur neuen politischen Heimat  Dajans werden sollte. Die Regierung, geführt von Levi Eschkol, und der IDF-Generalstab unter General Jitzchak Rabin taten dabei alles, um den Einfluß von Dajan, der ein sehr aktiver Oppositionsführer war, möglichst niederzuhalten.

Der Krieg, der keiner war
1967 waren weder Israel noch die Araber zum Krieg bereit. Während der Generalstabschef der IDF, Jitzchak Rabin, Möglichkeiten eines Angriffs auf Syrien ausarbeiten ließ, beeinflußte die Sowjetunion den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser dahingehend, ägyptische Truppen entgegen vorheriger Abkommen in die Sinai-Wüste zu ver­legen. Die daraus entstehende Krise steigerte sich bis zur Gefahr eines Krieges zwischen Israel und allen arabischen Ländern. Im Mai 1967, als klar wurde, daß es zu einem Krieg kommen würde, erlitt Rabin einen Nervenzusammenbruch, was zur Folge hatte, daß die IDF in jenen schicksalhaften Tagen keinen Generalstabschef hatte.

Die Parteiführung um Mosche Dajan wußte von der Vakanz des Postens und organisierte Demonstrationen mit der Forderung, daß Premierminister Eschkol die Sicherheits­politik Mosche Dajan übertragen sollte. Eschkol gab der öffentlichen Meinung nach, und Dajan wurde zum Vertei­digungsminister ernannt. Da es allerdings keinen  Generalstabschef gab, übernahm der Minister de facto auch dieses hohe Amt. Die Ernennung des „Helden“ aus dem Sinai-Krieg 1956 zum Verteidigungsminister hob die Moral in der Armee und der Bevölkerung enorm. Dajan wurde im Prinzip zum tatsächlichen Führer Israels. Kurz darauf griff die IDF unter dem Oberbefehl von Dajan Ägypten, Syrien und Jordanien aus der Luft, auf dem Meer und zu Land an.

Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 wird als der größte militärische Sieg Israels seit seiner Gründung betrachtet. Aber um einen Krieg im klassischen Sinne hat es sich dabei gar nicht gehandelt. Israels Luftwaffe begann, ägyptische Flugplätze um acht Uhr am Morgen anzugreifen. Zur selben Zeit flog ein ägyptisches Flugzeug zum Flughafen Sinai-Peninsula. An Bord waren der Vizepräsident Ägyptens und sein Militärbefehlshaber, der ägyptische Luftwaffenchef, der Chef der Operationsabteilung und weitere ranghohe Of­fiziere. Da die eigenen Befehlshaber in der Luft waren, star­tete der Waffenleitoffizier der Flugabwehr keine einzige Rakete gegen die israelischen Flugzeuge. Das Ergebnis: Der ägyptische Militärflugplatz von Bir Gafgafah wurde zerstört. Der ägyptische Luftwaffenchef erhielt diese Information, als sein Flugzeug über dem Suez-Kanal war. Zur gleichen Zeit bemerkte er durch das Fenster seines Flugzeuges israelische Maschinen, die nach Ägypten flogen. Der ägyptische Armeebefehlshaber erlitt sogar einen Nervenzusammenbruch. Noch aus dem Flugzeug befahl er allen militärischen Kommandeuren der ägyptischen Armee auf der Sinai-Halbinsel, sich gen Westen nach Ägypten zurückzuziehen. Für Israel war dieser Verlauf des Feldzuges ein aus der Unfähigkeit ägyptischer Offiziere resultierendes Wunder und nicht das Ergebnis der Kampfkraft der IDF. Und Mosche Dajan selbst hatte nicht den geringsten Einfluß auf diese dramatische Entwicklung.

Alles weitere ist bekannt: Die jordanische Armee zog sich ohne jede Kampfhandlung sofort aus dem gesamten Westjordanland zurück. Die syrische Armee floh von den Golan-Höhen. Innerhalb von vier Tagen eroberte die IDF die komplette Sinai-Halbinsel und den Gazastreifen von Ägypten sowie die sogenannte „Westbank“ von Jordanien. Und in den darauffolgenden zwei Tagen gewann man die Golan-Höhen von Syrien. Israels Territorium vervierfachte sich damit.

Kein richtiger Krieg
Eine sorgfältige Analyse des Kampfgeschehens zeigt, daß von einem richtigen Krieg gar nicht gesprochen werden kann und daß der Sieg nichts mit dem Können des Vertei­digungsministers Moshe Dajan und der Leistungsfähigkeit der IDF zu tun hatte.

Zum einen konnte das Oberkommando die Truppen nicht kontrollieren. Dajan hatte zum Beispiel befohlen, den Suez-Kanal als internationalen Seeweg offenzuhalten. Er hoffte, umso eher eine Friedensvereinbarung mit den Ägyptern treffen zu können, wenn diese im Besitz des Kanals bleiben. Diese politische Idee wurde durch den tatsächlichen Kriegsverlauf allerdings durchkreuzt. Israelische gepanzerte Verbände und Fallschirmjäger-Einheiten erreichten den Kanal schnell und besetzten sein Ostufer. Der Suez-Kanal war danach für einige Jahre für den internationalen Schiffsverkehr gesperrt.

Zum zweiten waren die militärischen Leistungen der Truppen mangelhaft. Ein Beispiel ist die Schlacht am „Munitionshügel“ im östlichen Jerusalem. Dort kämpfte eine Elite-Fallschirmjägerbrigade praktisch auf eigene Faust, ohne taktische Führung, ohne einen einzigen konkreten Befehl, nicht vom Brigadekommandeur und nicht vom Bataillonskommandeur. Im Kampf Mann gegen Mann, mit vielen Verlusten auf beiden Seiten, behaupteten die Israelis sich mehr schlecht als recht. Die IDF verzichtete auf eine nachträgliche Beurteilung der „Munitionshügel-Schlacht“, ihre Mängel wurden nicht herausgearbeitet. Mögliche Lektionen wurden nicht gelernt. Der Kommandeur der Fallschirm­jägerbrigade, die in diesem Gefecht kämpfte, Mordechai Gur, stieg schnell in der militärischen Rangordnung auf. Nach sechseinhalb Jahren wurde er zum Generalstabschef ernannt. Nach seiner Abberufung ernannte Mosche Dajan ihn zum Vize-Verteidigungsminister.

Der Niedergang
Nach dem Krieg blieb Dajan Verteidigungsminister, aber sein Einfluß in der Armee wurde beschränkt: Eschkol und Golda Meir ernannten zwei Generalstabschefs gegen seinen Wunsch, Haim Bar-Lev und danach David Elazar. Beide waren ungeeignet für diese Aufgabe. Sie analysierten den Sechs-Tage-Krieg nicht, lernten seine Lektionen nicht, bereiteten die IDF nicht auf zukünftige Kriege vor. Sie waren gegenüber ihren politischen Schutzherren, Eschkol und nachher Golda Meir, größtenteils loyal und beschränkten wunschgemäß den Handlungsspielraum von Dajan, um ihn davon abzuhalten, das israelische Ministerpräsidentenamt zu erreichen. Das war tatsächlich ihr einziger Erfolg. Die IDF versagte unter Bar-Lev im Abnutzungskrieg gegen Ägypten (1968–1972) und erzielte unter dem Befehl von Eleazar ein Unentschieden im Oktober 1973 gegen Syrien und Ägypten. In den sechseinhalb Jahren seit Juni 1967, während Dajan Verteidigungsminister war, hatte er die Armee vernachlässigt und sich der Politik verschrieben.
Dajans Fehlinterpretationen des Sinai-Kriegs von 1956, des Sechs-Tage-Kriegs und des Abnutzungskriegs als entscheidende israelische Siege, sind verantwortlich für seine politischen Mißerfolge. Er zog aus den Kriegen den Schluß, daß die IDF, insbesondere die Luftwaffe, sehr stark war. Er war sicher, daß die IDF sogar alle arabischen Armeen zusammen leicht schlagen könnte und daß die Araber zwar nicht vom Krieg gegen Israel ablassen, sie ihn jedoch verlieren würden.

Dajan glaubte, daß diese Situation sein Verdienst sei. Er versuchte, die israelische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß genau dies der Fall war, um in den Augen der Israe­lis ein fähiger nationaler Führer und in den Augen der Weltöffentlichkeit ein großer Staatsmann zu sein. Alle israelischen Politiker ruhten sich auf den Lorbeeren des Sieges aus und glaubten, der Nimbus Mosche Dajans werde jeden weiteren Krieg verhindern. Die Situation verschlechterte sich noch, weil der Kopf des Geheimdienstes der IDF, General Eli Zeira, ein Parteigänger von Dajan war. Er interpretierte die außenpolitische Sicherheitslage stets im Sinne Dajans.

Israel war überrascht, als im Oktober 1973 der sogenannte „Jom-Kippur-Krieg“ ausbrach. Syrien und Ägypten griffen Israel an. Alle israelischen Verteidigungsstellungen brachen sofort zusammen, alle operativen Pläne funktionierten nicht, die meisten Kommandeure waren geschockt und reagierten nicht oder nicht angemessen. Sowjetische Flug­abwehr­raketen dezimierten die israelische Luftwaffe. Ägypter und Syrer erreichten ihre strategischen Ziele am ersten Tag des Krieges. Sie bewiesen, daß sie mit den IDF fertig werden konnten. Auf diesem Weg holten sich die Angreifer zunächst die Territorien zurück, die sie im Juni 1967 verloren hatten. In den ersten zwei Tagen erkannte Dajan die Bedeutung der Niederlage noch nicht. Der israelische Gegen­angriff, der eine entscheidende Offensive werden sollte, ­hatte nicht den erhofften Erfolg. Dajan teilte den Kommandeuren der Süd-Front, die den Ägyptern gegenüberstanden, mit: „Israel kann den Feind nicht besiegen. Unser Kriegsziel ist jetzt, eine Waffenruhe zu erreichen.“
Nach 48 Stunden wendete sich allerdings das Blatt. Mit der Mobilisierung frischer Truppen gelang es Israel, die Syrer von den Golan-Höhen zu vertreiben und ägyptische Truppen auf dem Sinai zu vernichten, indem sie diese einkesselten.

Die israelische Marine errang einen klaren Sieg über die Araber schon wenige Stunden nach Kriegsbeginn, während sich die israelische  Luftwaffe auf Nachbauversionen des amerikanischen Radarsystems verließ und AGM-45 Luft-Boden-Raketen verwendete, um die feindliche Luftabwehr auszuschalten. Diese erwiesen sich jedoch als unwirksam gegen das Frequenzsprungverfahren der SAM-3 (Flug­abwehrraketen sowjetischer Herkunft). Die israelischen Bodentruppen litten unter dem Mangel an schwerer Artillerie, die allerdings erforderlich war, um das II. und III. Korps der ägyptischen Armee zu vernichten, die den Suez-Kanal überschritten und sich an seinem Ostufer eingruben.

Protestdemonstrationen gegen Dajan
Während des Krieges nahm das Ansehen von Dajan in der israelischen Öffentlichkeit ab. Nach dem Krieg wurden Protestdemonstrationen von Soldaten organisiert, die aus dem Krieg zurückkehrten und Dajans Absetzung verlangten. Es wurde sogar ein Untersuchungsausschuß gebildet. Nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse trat die Regierung von Golda Meir zurück. Jitzchak Rabin setzte wieder eine Regierung ein, in die Mosche Dajan nicht eingebunden war. 1977 wurde der politische linke Flügel in den Wahlen besiegt. Der rechte Politiker Menachem Begin gewann die Wahlen und bildete eine Regierung. Überraschend wurde Mosche Dajan von Begin zum Außenminister ernannt. Als solcher führte er die israelische Regierung zu einem Friedensabkommen mit Ägypten. Dem Abkommen zufolge gab Israel die Kontrolle über die komplette Sinai-Halbinsel an Ägypten zurück. Nachdem Begin sich jedoch weigerte, das Westjordanland an Jordanien zurückzugeben oder die Gründung eines palästinen­sischen Staates zuzulassen, verließ Dajan die Regierung wieder.

Im Jahre 1981 gründete Dajan die Partei „Telem“, die eine unilaterale Trennung vom Westjordanland und dem Gazastreifen befürwortete. Die Partei eroberte zwei Sitze in der Knesset (Wahlen vom 30. Juni 1981), aber Dajan starb kurz danach an den Folgen eines Krebsleidens.

Letztlich war der unvollkommene Sieg der IDF von 1973 die Ursache für den Niedergang der israelischen Streitkräfte und ihre Niederlagen in den folgenden Kriegen. Unter der Verantwortung von Dajan wurden die notwendigen Schlußfolgerungen aus der Vergangenheit nicht gezogen und somit strukturelle Fehler der IDF nicht behoben, sondern in die Zukunft getragen. Ihre Unfähigkeit heute, mit den Kämpfern von Hisbollah und Hamas fertig zu werden, rührt mit aus dieser von Dajan zu verantwortenden Fehlentwicklung.
Dr. Uri Milstein

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