Die Ausnahmesoldaten

Brillantenträger

Ein Farb-Bildband erinnert an die Brillantenträger

Als am 1. September 1939 die Auszeichnung des Eisernen Kreuzes neu geschaffen wurde, knüpfte der Staat damit an eine deutsche Militärtradition an, die ihren Ursprung im Jahre 1813 hat. Mit Beginn der Befreiungskriege gegen die französischen Besatzungstruppen stiftete der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. – am 18. März, dem Geburtstag der Königin Luise – einen Orden in drei Klassen, der, mit Ausnahme des Großkreuzes, jedem Soldaten unabhängig vom Dienstgrad und gesellschaftlichen Stand für eine herausragende Waffentat verliehen werden konnte. Der Entwurf zu diesem Ehrenzeichen stammte von Karl Friedrich Schinkel. Die Stiftung wurde 1870 und 1914 erneuert. 1939 trat als Stifter an die Stelle des untergegangenen Königreichs Preußen das Deutsche Reich. Neben dem EK II, dem EK I und dem Großkreuz war als Zwischenstufe das am Hals zu tragende Ritterkreuz hinzugekommen. Da es sich nun um eine gesamtdeutsche Auszeichnung handelte, wurden die Farben des Ordensbandes von den preußischen schwarz und weiß in die Reichsfarben schwarz-weiß-rot geändert.

Die vier bei Kriegsbeginn geschaffenen Klassen konnten bald nicht mehr ausreichen, um alle Verdienste entsprechend zu würdigen, so daß am 3. Juni 1940 das Eichenlaub, am 21. Juni 1941 die Schwerter und am 15. Juli 1941 die Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes hinzutraten. Bis zur Stiftung des Goldenen Eichenlaubs am 29. Dezember 1944 blieben die Brillanten die höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung, die insgesamt an 27 Angehörige der deutschen Wehrmacht aller Waffengattungen – Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine und Waffen-SS – verliehen wurde.

Vom ersten bis zum letzten
Diesen 27 Trägern hat der Pour le Mérite-Verlag einen Bild- und Textband gewidmet, der jeden der hochaus­gezeichneten Soldaten in einer ausführlichen Biographie unter Verwendung vieler Farbfotos angemessen würdigt. Vom ersten Brillantenträger, Oberst Werner Mölders, bis zum letzten, General Dietrich von Saucken, versammelt das Buch alles, was in der deutschen Geschichte des Zweiten Weltkrieges Rang und Namen hat: Neben die bekannteren Soldaten wie „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel oder die Jagdflieger Hans Joachim Marseille und Adolf Galland – Vorbilder, die der traditionsarmen Bundeswehr zur Ehre gereichen würden – treten weniger prominente, wie zum Beispiel der U-Boot-Kommandant Albrecht Brandi, der General der Waffen-SS Herbert Gille oder der Nachtjäger Heinz-Wolfgang Schnaufer.

Schon das Äußere des Buches besticht durch seine Farbfotos. Auf dem Titel findet der Leser Brillantenträger aller vier Waffengattungen versammelt. Der vordere Vorsatz zeigt die mit Brillanten besetzte Verleihungsurkunde Hans-Ulrich Rudels, auf dem hinteren Vorsatz sind die Verleihungsurkunden von Werner Mölders und Erwin Rommel abgebildet. Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte des Ritterkreuzes und seiner Klassen mit einem umfassenden Literaturverzeichnis beginnt der – alphabetisch geordnete – biographische Teil. Sehr schnell ziehen den Leser die Lebensbeschreibungen in ihren Bann. Ein aussagekräftiges Beispiel ist die spannend geschriebene Vita des späteren Generals der Fallschirmtruppe Hermann-Bernhard Ramcke. 1889 als Sohn eines Unter­offiziers geboren, trat er 16jährig als Schiffsjunge in die Kaiserliche Marine ein und fuhr an Bord eines Segelschulschiffes rund um die Welt. Im Ersten Weltkrieg Angehöriger des Marine­korps, kämpfte er in Flandern, erwarb 1916 und 1917 beide Klassen des Eisernen Kreuzes, wehrte im April 1918 sechsmal einen gegnerischen Großangriff ab, wofür ihm das Preußische Goldene Mi­litärverdienstkreuz, auch Pour le Mérite für Mannschaften und Unter­offiziere genannt, verliehen wurde und erhielt im Juli 1918 wegen Tapferkeit vor dem Feinde die Leutnantslitzen. Nach Ende des Krieges trat er dem Freikorps „von Brandis“ bei, kämpfte gegen in Ostdeutschland eindringende Polen und gegen die Rote Armee im Baltikum. Anschließend diente er als Heeresoffizier in der Reichswehr. Als Oberstleutnant zeichnete er sich bereits im Polenfeldzug aus, wechselte als Oberst mit 51 Jahren im Juli 1940 zur Fallschirmtruppe und sprang im Mai 1941 über Kreta ab. Für diesen Einsatz wurde ihm im August 1941 das Ritterkreuz verliehen.

Im November 1942 in Nordafrika vom Feinde ein­geschlossen, besorgten sich Ramcke und seine Fallschirmjäger im Handstreich Fahrzeuge bei den Engländern und kämpften sich durch die feindlichen Linien zur eigenen Truppe durch, die sie nach abenteuerlichem Marsch von über 350 Kilometern durch die Wüste nach fünf Tagen erreichten. Dafür wurde er am 11. November mit dem Eichenlaub ausgezeichnet. Das Jahr 1944 fand Ramcke in der Festung Brest, die er als Kommandant bis September 1944 verteidigen konnte. Dafür wurde er am 1. September zum General der Fallschirmtruppe befördert und am 19. September gleichzeitig mit den Schwertern und den Brillanten zum Ritterkreuz ausgezeichnet. Nach dem Krieg kam er in französische Haft, aus der er 1950 floh, sich jedoch stellte, als man ihm Kriegsverbrechen zur Last legte. In Anrechnung seiner Jahre in Gefangenschaft ließen die Franzosen ihn frei, und er kehrte in die Heimat zurück. Was ist das für ein außergewöhnliches Leben gewesen? Von der Marine, über Freikorps und Heer zur Luftwaffe ging sein beispielloser militärischer Lebensweg! Als Ramcke 1968 starb, gab ihm selbstverständlich eine Ehrenkompanie der Bundeswehr das letzte Geleit.

Aus allen Schichten des Volkes
Die im Buch porträtierten Soldaten kamen aus allen Schichten des Volkes und machten innerhalb weniger Jahre eine steile Karriere, wobei ihnen die Ehrungen weniger wichtig waren, als ihre Kameraden im Kampf um die nackte Existenz nicht allein zu lassen. Es ist beeindruckend, mit welchem Mut und welcher Einsatzbereitschaft diese Männer – auch entgegen strikter Befehle oder trotz schwerster Verwundungen – die Truppe nicht verließen und selbst in militärisch schier ausweglosen Situationen weiterkämpften. Hans-Ulrich Rudel stieg im März 1945 selbst mit blutendem Beinstumpf in seinen „Stuka“, um der schwerringenden Front Unterstützung zu bringen; der im Frontlazarett frisch beinamputierte Karl Mauss führte seine 7. Panzerdivision von der Krankentrage aus. Als der schwerstverwundete Divisionskommandeur aus dem verzweifelt ringendem Ostpreußen per Schiff über Hela nach Kopenhagen evakuiert worden war, setzte er sich nach Ankunft sofort mit Hitlers Chefadjutanten Burgdorf in Verbindung und erreichte, daß seine in Gotenhafen zurückgelassene tapfere Division nach Mecklenburg zurückverlegt wurde. Im Lazarett von seiner Amputa­tion genesend, erhielt Karl Mauss am 15. April 1945 die Nachricht von der Verleihung der Brillanten. Damit war er nach Erwin Rommel, Adelbert Schulz und Hasso von Manteuffel der vierte Kommandeur der ruhmreichen 7. Panzerdivision, der mit den Brillanten zum Ritterkreuz ausgezeichnet wurde.

Dieses Buch setzt den Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS ein Denkmal, das umso notwendiger scheint, da wir in Zeiten leben, die militärische Leistungen nicht mehr anzuerkennen bereit sind. Eine Gesellschaft, die sich schon schwer damit tut, die Befolgung von Befehlen und die Erledigung normaler militärischer Dienstpflichten als grundlegende Bedingung für die Existenz von Streitkräften zu akzeptieren, braucht gerade diese Biographien von außergewöhn­lichen Soldaten, die zeigen, zu was Menschen in der Lage sind, wenn sie über sich selbst hinauswachsen, wenn sie Egoismus und Vorteilsdenken hintanstellen und ihre ganze Kraft zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen.

Olaf Haselhorst

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