Mit Blitz und Donner

79dmz1Waffentechnik: Das gepanzerte Artiller  iegeschütz „Donar“

Nach zehnjähriger Präsenz in Afghanistan lehnen sich immer mehr Stammes-Gruppierungen gegen die Dominanz der von den USA geführten ISAF- und NATO-Truppen auf und bilden eng vernetzte mobile Kampfgemeinschaften. Konzentrierten sich die Kämpfe in den ersten Jahren der Invasion eher auf den Süden des Landes, ist der Widerstand seit den NATO-Großoffensiven 2006 zu einem Flächenbrand geworden. Nun ist aus der anfänglichen „Tausend-Nadelstiche-Strategie“ der Aufständischen eine Taktik der „gezielten Dolchstöße“ geworden.

Der von der deutschen Bundesregierung ohnehin schon naiv formulierte Auftrag an die Bundeswehr: „Sicherung der Aufbaumission“ wurde durch das eigenmächtige Partnerverhalten der US-Kräfte auf ihrem Mandatsgebiet zunehmend unglaubwürdig. Die Afghanen waren nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, wer der „gute Brücken- und Schulenbauer“ ist und wer zum „bösen Dorfzerstörer“ gehört. Das führte letztendlich dazu, daß die deutschen Soldaten derzeit im Schwerpunkt mit der Eigensicherung ihrer Liegenschaften beschäftigt sind. Bei den fast täglichen Patrouillen im Umfeld kommt es immer häufiger zu gezielten Bombenanschlägen und Hinterhalten mit stundenlangen Feuergefechten. Auch hat die Zahl der Mörser- und Raketenangriffe deutlich zugenommen.

Die Ausrüstung und die Fahrzeuge der Bundeswehrsoldaten sind zwar von hoher Qualität, aber eben nicht für diese Art der Kriegsführung konzipiert. Um nachhaltiger auf solche Angriffe reagieren zu können, fehlt es den deutschen Einsatzkräften unter anderem an feuerstarken Kampf­panzern und weitreichenden Steilfeuerwaffen. Was nutzen die modernsten Waffensysteme, wenn diese in Deutschland stehen oder noch gar nicht beschafft wurden? Ein gutes Beispiel dafür ist das neuartige Artillerie-Geschütz-Modul (AGM) „Donar“. Die Haubitze repräsentiert mit ihrer inno­vativen Konzeptionierung am anschaulichsten den generellen Technologiewechsel bei den internationalen Vertei­digungs­kräften. Das von Kraus-Maffei-Wegmann (KMW) und Ge­neral Dynamics European Land Systems (GDELS) entwickelte Artilleriesystem wurde nach dem altnordischen Gott ­Donar (Thor) benannt. Dieser ist mit seinem gewaltigen Streithammer Mjölnir Herr über Blitz und Donner. Die Artillerie gilt seit jeher als weitreichende Faust der Infanterie.

Bedarf an Feuerunterstützung
Erstmalig auf der weltgrößten Fachmesse Euro­satory in Paris vorgestellt, verdeutlicht das AGM „Donar“ mit seinen Einsatz-Parametern die neuen grundsätzlichen Anforderungen an zukünftiges Wehrmaterial. Seine einzigartigen Systemeigenschaften revolutionieren das herkömmliche Verständnis der Artillerie und werden die bisherigen Konzepte entwerten.

Den gerade in Afghanistan ständig wachsenden Bedarf an präziser, indirekter Feuerunterstützung, welche im wesentlichen durch Flugzeuge oder Hubschrauber gestellt wird, kann die Haubitze „Donar“ wesentlich unterstützen oder sogar komplett ersetzen.

Als Basis-Chassis dient bei der aktuellen Version eine Fahrgestellabart des Schützenpanzers ASCOD 2 IFV „Ulan“. Dieser Unterbau gibt dem System die Geländegängigkeit und Geschwindigkeit eines Infanterie-Kampffahrzeuges. Mit seinem 720 PS starken MTU 8V-199 Diesel-Motor ist das Fahrzeug in der Lage, mit 60 Stundenkilometern auch in schwierigem Gelände bis zu 500 Kilometer weit zu fahren. Das Fahrgestell benötigt dabei für den Schießbetrieb keine zusätzliche Stabilisierung. Mit einer Länge von 10,3 Metern (einschließlich Rohr), einer Breite von nur 2,80 Metern und einer Höhe von drei Metern hat das AGM „Donar“ eher kleine Abmessungen.

Die Besatzung besteht lediglich aus zwei Soldaten (Fahrer und Kommandant). Sie sitzen in der gepanzerten Fahrzeugkabine, die sie vor ABC-Bedrohung, Beschuß mit Infanteriewaffen und mittlerer Schrapnellwirkung schützt. Von hier aus erfolgt auch die, vom Fahrerhaus gesteuerte, Bedienung des Geschützes.

Ursprünglich als Sockelgeschütz für den Küsten- oder Lagerschutz, später sogar als Schiffsartillerie konzipiert, ist das vollständig fernbedienbare und um 360 Grad schwenkbare Artilleriemodul mit einer 155 mm-Kanone bestückt. Der gesamte Lade-, Verstau- und Richtvorgang erfolgt vollautomatisch. Mit dem Munitionsvorrat von 30 Granaten können Ziele (je nach Munitionsart) in bis zu 60 Kilometern Entfernung bekämpft werden. Die Feuergeschwindigkeit beträgt acht Schuß in der Minute. Im Multi Round Simultaneous Impact-Modus (MRSI) ist das moderne Feuerkontrollsystem in der Lage, eine Salve von vier Granaten gleichzeitig im Ziel einschlagen zu lassen.

Einsetzbar an jedem Ort der Welt
Damit hat das AGM „Donar“ die gleiche Feuerkraft wie die Panzerhaubitze 2000, ist jedoch insgesamt leistungsfähiger und durch die niedrigere Silhouette sowie sein merklich geringeres Gesamtgewicht von 31,5 Tonnen (Gefechtsgewicht 35 Tonnen) zusätzlich luftverladefähig. Im Airbus A400M kann das Fahrzeug schnell an jeden Einsatzort der Welt gebracht werden. Dort ist es dann, im Verband oder komplett autonom, schnell in der Lage, seine unverzichtbare Unterstützungsaufgabe aufzunehmen.

Auch wenn für eine solche hochmobile „Luftlande-Artillerie-Komponente“ nur eine begrenzte Zahl von Exemplaren benötigt wird, muß diesem neuartigen Waffensystem die ihm zustehende Aufmerksamkeit geschenkt werden. Aus­gerechnet jetzt bei der Bundeswehr den Rotstift anzusetzen, ist kurzsichtig und gefährlich. Die ausreichende Bewaffnung der Einsatzkräfte (z.B. in Afghanistan) mit Mörsern und Artillerie ist sträflich vernachlässigt worden und entspricht nicht den Einsatzrealitäten. Nur eine umfangreich ausgestattete und gut ausgebildete Armee ist in der Lage, die kommenden neuen Aufgaben anzunehmen.

Jan Kanting

3 Kommentare zu „Mit Blitz und Donner“

  1. Detlef Lindenthal sagt:

    “Munitionsvorrat von 30 Granaten”, “acht Schuß in der Minute”: Dann ist — laßt mich rechnen — die Kiste nach knapp 4 Minuten leergeschossen, und danach ist der Krieg für den Donar aus, oder zumindest dieser Einsatz?
    Nu ja, immerhin einsatzfreudiger als eine teure Rakete, denn die hat nur einen einzigen Schuß.

  2. M.P sagt:

    habe eben nach einem Telefonat mit einem Bekannten gehört, daß dieses Geschütz schon lange wieder vom Tisch sein soll.
    Also schon veraltet.
    Reichweite max. 20km.

    Gruß

  3. Adelgunde sagt:

    Interessanter Post. Sicher kein Fehler, sich mit dem Thema genauer auseinander zusetzen. Ich werde gewiss weitere Posts lesen.

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