Endlich Leutnant

79dmz3Fallschirmjäger bei der NVA

Der Motor der Antonow An-2, liebevoll „Anna“ genannt, dröhnt ohrenbetäubend. Die Luft im Flugzeug ist stickig. Die Männer in der Kabine sind schweigsam geworden, gebannt blicken sie auf die Tür, die sich gleich öffnen wird und durch die sie das Flugzeug verlassen werden. Sie sehen ihrem ersten Fallschirmsprung entgegen, einem Ereignis, das sie dem Ziel ein Stück näher bringen wird, das sie unter allen Umständen erreichen wollen – Offizier bei den Fallschirmjägern oder Offizier in den unterschiedlichsten Aufklärungseinheiten zu werden.

Die Ausbildung von Offizieren der Fallschirmjägereinheiten war bis Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre die Aufgabe des einzigen Fallschirmjägerbataillons der NVA. Absolventen der Offiziersschule meldeten sich freiwillig zu den Fallschirmjägern, mußten sich einem Eignungstest unterziehen und wenn sie diesen erfolgreich bestanden hatten, wurden sie in einem sechsmonatigen Verwendungslehrgang mit all dem vertraut gemacht, was sie als Kommandeure von Fallschirmjägereinheiten wissen mußten. Anfang der 1970er Jahre begann man an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“ mit der Ausbildung von Offiziersschülern, die zu Kommandeuren von Aufklärungs- oder Fallschirmjägereinheiten ausgebildet werden sollten. In der 2. Kompanie der Sektion „Mot.-Schützenkommandeure“ wurden die Offiziersschüler zusammengefaßt, die eine spezielle Ausbildung durchlaufen sollten. Alle Offiziersschüler dieser 2. Kompanie sollten nach dem Studium in den unterschiedlichsten Aufklärungseinheiten und im Fallschirmjägerbataillon 40 der NVA ihren Dienst antreten. Die Ausbildung begann, nachdem die Offiziersschüler das erste Studienjahr an der Offiziershochschule absolviert hatten. In dem ersten Ausbildungsjahr hatten sie sich solide soldatische Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, waren mit Waffen und Gefechtstechnik sowie den Aufgaben eines Gruppenführers vertraut und hatten somit die Vorrausetzungen, die für die weitere Verwendungsausbildung notwendig waren.

Studium an der Offiziershochschule
Das Studium an der Offiziershochschule war sehr umfangreich. Es umfaßte sowohl gesellschaftswissenschaft­liche als auch militärische, militärtechnische, naturwissenschaftliche, mathematische, informationswissenschaftliche und fremdsprachliche Ausbildungsfächer, da der Absolvent nach dem Studium nicht nur für den Dienst in der Truppe, sondern auch für den Zivilberuf vorbereitet sein sollte. Großer Wert wurde auf die physische Ausbildung gelegt, um sicherzugehen, daß der zukünftige Absolvent der Offiziershochschule den anstrengenden Dienst in der Truppe würde bewältigen können.

Die militärische Ausbildung der Offiziersschüler der 2. Kompanie der Sektion „Mot.-Schützenkommandeure“ lag im Verantwortungsbereich des Lehrstuhls „Aufklärung/ Imperialistische Armeen“. Dieser Lehrstuhl, der Ende 1970 gebildet wurde, hatte die Aufgabe, die Offiziersschüler sowohl in der Theorie als auch in den praktischen Fächern auszubilden. Die Lehrkräfte dieses Lehrstuhls waren erfahrene, truppenerprobte Lehroffiziere, die fast ausnahmslos auch Absolventen einer Militärakademie (Dresden oder Moskau) waren. Sie verfügten über eine Hochschullehrbefähigung, die sie meist postgradual erworben hatten und über das für die Ausbildung notwendige fremdsprachliche Wissen (Russisch und Englisch). Am Lehrstuhl selbst gab es zwei Lehrgruppen, die für die militärische theoretische und praktische Ausbildung der Offiziersschüler verantwortlich zeichneten. Dabei hatten sie bis 1983 Offiziersschüler des 2. und 3. Studienjahres und mit dem Übergang zum 4-jährigen Studium auch die des 4. Studienjahres auszubilden.

Die Lehrgruppe „Truppenaufklärung“, geleitet von einem Oberstleutnant, hatte hauptsächlich folgende Themen zum Lehrgegenstand: Struktur, Bewaffnung und Einsatzgrundsätze des künftigen Gegners (deshalb „Imperialistische Armeen“), Einsatz- und Führungsgrundsätze der eigenen Aufklärungseinheiten sowie der funk – und funktechnischen Aufklärung, Methodik der Gefechtsausbildung von Aufklärungstruppen.

Die Lehrgruppe „Spezialausbildung“ befaßte sich bei der Ausbildung der Offiziersschüler unter anderem mit folgenden Themen: Vorbereitung und Durchführung von Gefechtshandlungen von Fernaufklärungs- und Spezialaufklärungsgruppen, Gefechtshandlungen von Einsatzgruppen, Methoden des Eindringens in das rückwärtige Gebiet des Gegners zu Fuß, auf Gefechtsfahrzeugen oder durch Fallschirmsprung. Großer Wert wurde auch auf die unterschiedlichsten Methoden der Evakuierung aus gegnerischem Gebiet gelegt.

Extrem harte und lange Ausbildung
Die Lehroffiziere der einzelnen Fachgruppen bildeten die Offiziersschüler aller Studienjahre aus, was dazu führte, daß sich zwischen den Lehroffizieren und den Of­fiziersschülern ein offenes, vertrauensvolles und ka­meradschaftliches Klima bilden konnte. Das war notwendig, denn die Ausbildung, die die Offiziersschüler durchlaufen mußten, verlangte ihnen alles ab.

Besonders anspruchsvoll war die praktische Ausbildung, angefangen von der Einzelkämpferausbildung, bei der der Nahkampfausbildung mit und ohne Waffe größte Bedeutung beigemessen wurde, das Überleben in einem un­bekannten Gelände bei widrigsten Witterungsbedingungen, Märsche bis zu 50–60 Kilometern waren keine Seltenheit, bis hin zu Gefechtsübungen über mehrere Tage, wobei die Offiziersschüler Zusammenhalt und Durchhaltevermögen im Rahmen von Aufklärungsgruppen beweisen mußten. Eine große Rolle spielte die Fallschirmsprungausbildung, die von allen Offiziersschülern mit großem Enthusiasmus absolviert wurde. Diese begann im 2. Studienjahr und wurde im Laufe des Studiums bis zum 4. Studienjahr fortgesetzt. Die Fallschirmsprungausbildung begann zunächst mit einem theoretischen Teil, bei dem den Offiziersschülern Grundlagen der Aerodynamik und der Geschichte der Entwicklung der Fallschirmtechnik vermittelt wurden. Obwohl viele der Offiziersschüler schon bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), einer Jugend-Organisation, die für die vormilitärische Ausbildung der Jugendlichen der DDR geschaffen worden war, eine Sprungausbildung erhalten hatten, begann diese spezielle Ausbildung für alle Offiziersschüler praktisch bei Null.

Das hatte den Vorteil, daß sich jeder Offiziersschüler an die besonderen Regeln des militärischen Fallschirmspringens gewöhnen konnte und daß sich jeder Offiziersschüler an das sehr strenge Reglement in der Sprungausbildung gebunden fühlte. Da es bei der NVA üblich war, daß jeder Springer seinen Schirm, mit dem er die Absicht hatte zu springen, selber packen mußte, war auch dieses Fallschirmpacken ein sehr wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Und weil sich die Fallschirmtechnik in den Jahren zwischen 1970 und 1990 sehr rasch entwickelte, war das auch immer eine Herausforderung für alle Ausbilder, sich mit dem jeweils neuesten Schirm zu beschäftigen. Beim Fallschirmpacken, das in der Regel einheitsweise durchgeführt wurde, wurde jeder Packvorgang von Ausbildern abgenommen. Parallel zur Packausbildung fand die Bodenausbildung statt, in der die Offiziersschüler an unterschiedlichen Geräten das Verlassen des Fluggerätes (Hubschrauber- oder Flugzeugattrappen) erlernten, an Seil­anlagen, wo das richtige Landen geübt wurde oder an einem Sprungturm, wo man schon Mut beweisen mußte, um die Übung richtig abzuschließen. Diese Vorbereitungsphase dauerte etwa 2 Wochen, dann war es soweit.

Der erste Sprung
Die Offiziersschülereinheiten verlegten zum Fallschirmsprung zu der vor­gesehenen Sprung­basis. Diese befanden sich in unterschied­lichen Standorten, wie etwa der Flugplatz der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte in Kamenz oder im schle­sischen Rothenburg direkt an der Neisse. Am häufigsten wurde in den letzten Jahren jedoch die Ausbildungsbasis des Luftsturmregimentes 40 (hervorgegangen aus dem Fallschirmjägerbataillon 40) in Burg im Osten Brandenburgs genutzt, die ideale Voraussetzungen für eine solide Sprungausbildung bot. Nach dem ersten Fallschirmsprung, den ­jeder Sprungschüler in unterschiedlichster Erinnerung hat, erfolgten noch vier weitere, ehe sich der frischgebackene Fallschirmspringer das begehrte Sprungabzeichen an die stolz­geschwellte Brust heften durfte, ein Abzeichen, das in den ­Augen dieser Offiziersschüler die Spreu vom Weizen trennte. Natürlich war es verpönt, von einer Elite zu sprechen, aber ­dieses Abzeichen war ein Beweis, daß man dazugehörte.

Nach anfänglich drei, in den letzten Jahren nach vier Jahren ging das Studium an der Offiziershochschule „Ernst Thälmann“ in Löbau/Sachsen zu Ende. Bei einem feierlichen Appell, der „Ernennung“, wurden die Of­fiziersschüler zu Leutnanten ernannt, die besten erhielten aus der Hand des Kommandeurs der Offiziershochschule, in einigen Jahren war es auch aus der Hand des Ministers für Nationale Verteidigung, den Offiziersdolch mit Gravur. Der Ernst des Lebens begann, die Truppe wartete, und das Lernen ging weiter.

Dr. Dieter Hennicke

4 Kommentare zu „Endlich Leutnant“

  1. Branni sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel zum Thema Fallschirmjäger in der NVA. Der Autor schildert in seinem Beitrag gelungen vom militärischen Werdegang in der anderen deutschen Armee ! Lesenswert.

    Branni

  2. Richter sagt:

    Sehr guter Beitrag über einen Lehrstuhl der OHS “Ernst Thälmann”, den ich selbst 5 Jahre angehören durfte.
    Herzlicher Gruß allen ehemaligen Mitstreitern.

    Gerhard Richter

  3. Absolvent 1981 sagt:

    Ein schöner Beitrag, zumal ich mich als Absolvent der 2. Kompanie dort wieder erkannte. Allerdings gibt es einige „Ungenauigkeiten“ im Beitrag. Völlig außer Acht gelassen wurde der Einfluss der marxistisch-leninistischen Partei, der SED, Vorläufer „Der Linken“. Deren Einfluss war allgegenwärtig und bestimmend. Wenn die NVA eine Parteiarmee war, dann waren die „Fallis“ deren Avantgarde, sollten sie doch auch in Leipzig gegen das eigene Volk eingesetzt werden. Wer sich in der 2. Kompanie kritisch der Partei gegenüber zeigte, hatte keine Chance in eine Fallschirmspringende Einheit zu kommen, wer sich dagegen stellte, wurde nicht Offizier – unabhängig sonstiger soldatischer Leistungen.

  4. Ich habe eben diesen Artikel durch einen Freund gesendet bekommen . Das Bild ist eine Fotomontage . Im Vordergrund zu sehen sind links Rolf Schleusner( beim Fallschirmdienst tödlich verunglückt) und Bernd Kirfe bei der feierlichen Ernennung zum Leutnant 1975 . Die Zeremonie fand auf dem Sportplatz in Löbau statt . Es werden gerade die locker auf den Schulterstücken aufgehefteten Offizierschülerdienstgrade entfernt. Es war für uns alle ein bewegender Moment.
    Das Foto im Hintergrund könnte tatsächlich im Fallschirmjägerbataillon entstanden sein. Indiz dafür sind die Pelzkragen und Wattekombis. Für die Offiziersschüler fand das militärische Fallschirmspringen nach meiner Kenntnis immer in den Sommermonaten statt. Übrigens war es nicht verpönt von Elite zu sprechen…. wir waren es !
    ein sehr guter Artikel

    Oberstleutnant a.D. Hubert Rudolph

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