Kluger und kühler Rechner

78dmz1Wilhelm List gehörte zu jenen deutschen Offizieren des Zweiten Weltkrieges, die bereits im Ersten Weltkrieg ihre Kampferfahrungen sammelten. Obwohl er sich stets für eine ritterliche Kriegsführung eingesetzt hatte, wurde er 1945 von den Alliierten als „Kriegsverbrecher“ verurteilt und verbrachte insgesamt acht Jahre in alliierter Haft.

Wilhelm List wurde am 14. Mai 1880 in Oberkirchberg bei Ulm/Württemberg als Sohn eines Arztes geboren.

Nach dem Besuch eines humanistischen Gymnasiums in München von 1890 bis 1898 trat List am 15. Juli 1898 als Fahnenjunker in das 1. Bayerische Pionierbataillon in München ein. Hier wurde er am 7. März 1900 zum Leutnant befördert und besuchte von 1902 bis 1904 die Königlich Bayerische Artillerie- und Ingenieurschule, ehe er bei seiner Stammtruppe als Bataillonsadjutant eingesetzt wurde.

Nach seiner Beförderung zum Oberleutnant am 9. März 1908 erfolgte ab dem 1. Oktober 1908 seine Kommandierung für drei Jahre auf die Kriegsakademie nach München. Nach dem erfolgreichen Besuch dieser Bildungsstätte schlossen sich zunächst wieder Truppenkommandos an, ehe Wilhelm List ab 1912 in der Zentralstelle des Bayerischen Generalstabes verwendet und am 22. März 1913 als Hauptmann endgültig in den Generalstab versetzt wurde.

Hochdekoriert im Ersten Weltkrieg

Für den nunmehrigen Hauptmann im Generalstab (i.G.) Wilhelm List begann der Erste Weltkrieg im August 1914 als Generalstabsoffizier beim II. Bayerischen Armeekorps, mit dem er in Lothringen, an der Somme, bei Ypern, in Flandern, bei La Bassée und Amiens kämpfte, ehe er im Winter 1915 schwer erkrankte. Nach seiner Genesung und einer vorübergehenden Tätigkeit im Bayerischen Kriegsministerium fand List ab Sommer 1916 als Quartiermeister (Ib) im Stab der Armeegruppe Strantz Verwendung. 1917 kam er als 1. Generalstabsoffizier (Ia) zur 8. Bayerischen Reservedivision, wo er am 27. Januar 1918 zum Major i.G. avancierte. Als solcher erlebte er im November 1918 das Kriegsende im Bayerischen Kriegsministerium.

Für seine oftmalige tapfere Bewährung an der West- und Ostfront des Ersten Weltkrieges hatte Wilhelm List neben beiden Eisernen Kreuzen das Verwundetenabzeichen in Schwarz und das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern erhalten.

Nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner nahm Wilhelm List im Freikorps Epp an den Kämpfen gegen die sogenannte Räteherrschaft teil. Danach fand List in der Reichswehr der Weimarer Republik Verwendung, und zwar zunächst beim Reichswehrgruppenkommando 4 in München, dann von 1920 bis 1922 als Generalstabsoffizier beim Infanterieführer VII.

Distanz zum Nationalsozialismus

Nach vielen Jahren im Stabsdienst wechselte Wilhelm List am 1. April 1923 wieder in ein Truppenkommando und wurde Kommandeur des III. (Jäger-)Bataillons des 19. (bayerischen) Infanterieregiments in Kempten/Allgäu. Bereits seit seiner Jugend ein Freund der Berge, Skiläufer und Bergsteiger kam diese Kommandierung seinen Neigungen sehr entgegen. Hier wurde er 1924 – mit Patent vom 15. November 1922 – zum Oberstleutnant befördert und übernahm anschließend die Leitung der Führergehilfenausbildung im Wehrkreis VII (München). Danach stand er – zunächst als Referent – von 1926 bis 1930 an der Spitze der Heeresausbildungsabteilungen im Berliner Reichswehrministerium und wurde in dieser Funktion am 1. März 1927 zum Oberst befördert.

Am 1. Februar 1930 wurde Wilhelm List – nach mehreren Auslandskommandos – zum Kommandeur der Kriegsschule Dresden ernannt, wo er am 1. November 1930 die Beförderung zum Generalmajor und am 1. Oktober 1932 jene zum Generalleutnant erhielt. Bereits zu jener Zeit sprach er sich entschieden gegen den aufkommenden Nationalsozialismus aus, dessen Weltanschauung er sehr distanziert gegenüberstand. Am 1. Oktober 1933 übernahm List den Befehl über die in Sachsen stationierte 4. Division und die damit verbundene Funktion eines Befehlshabers im Wehrkreis IV (Dresden). 1934 war List einer der beiden Wehrkreisbefehlshaber, die sich in scharfer Form gegen die Erschießungen anläßlich des Röhm-Putsches durch die SS gewandt hatten. Nach der Wiedereinführung der allgemeinen deutschen Wehrpflicht 1935 wurde aus der 4. Division das IV. Armeekorps und Wilhelm List am 1. Oktober 1935 – unter gleichzeitiger Beförderung zum General der Infanterie – dessen Kommandierender General.

Eingliederung des österreichischen Heeres

Im Zuge des „Generalschubs“ vom 4. Februar 1938 nach der sogenannten Blomberg-Fritsch-Krise wurde Wilhelm List als Nachfolger von Wilhelm Ritter von Leeb der Oberbefehl über das Gruppenkommando 2 in Kassel anvertraut. Aber bereits zwei Monate später – am 1. April 1938 – vertauschte er diese Dienststellung mit dem Oberbefehl über das neue Gruppenkommando 5, welches nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich in Wien gebildet worden war. In dieser Dienststellung war er verantwortlich für die reibungslose Eingliederung des österreichischen Bundesheeres in die deutsche Wehrmacht. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Rest-Tschechei erfolgte am 1. April 1939 seine Beförderung zum Generaloberst.

List unterstanden damals das XVII. Korps in ­Wien und das XVIII. Korps in Salzburg, das bis zum 16. September 1939 vier Gebirgsdivisionen umfassen sollte. Doch vor Abschluß dieser Aufgabe begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Ausgezeichneter Truppenführer

Wilhelm List übernahm mit Beginn des Polenfeldzuges am 1. September 1939 den Oberbefehl über die 14. Armee, welche zur Heeresgruppe Süd unter Generaloberst Gerd von Rundstedt gehörte. Die 14. Armee, deren Südflügel das XVIII. Gebirgskorps bildete, stieß aus dem slowakischen Raum beiderseits der Hohen Tatra auf Lemberg–Rawa Ruska durch und vereitelte in schweren Kämpfen alle polnischen Durchbruchversuche über Lemberg nach Südosten, wobei in offener Feldschlacht rund 64.000 polnische Soldaten gefangengenommen wurden.

Für diese großartige Führungsleistung wurde Wilhelm List am 30. September 1939 mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.

Bei Beginn des Westfeldzuges im Mai 1940 stand List – er kommandierte die aus der 14. Armee gebildete 12. Armee – im Zentrum des deutschen Aufmarsches. Die insgesamt 45 deutschen Divisionen – darunter sieben Panzerdivisionen – der Heeresgruppe A hatten die Aufgabe, so schnell wie möglich den Maas­übergang zu erzwingen, durch Belgien bis zur Sommemündung vorzustoßen und schließlich die befestigten Zonen im nördlichen Frankreich vom Rücken her anzugreifen. Die 12. Armee trat am 10. Mai 1940 zum Vormarsch durch Luxemburg an, durchbrach die südbelgischen Befestigungen in den Ardennen und führte erfolgreiche Vorfeldkämpfe am Fluß Semois (dt. Sesbach). In den Tagen vom 13. bis zum 15. Mai 1940 bezwangen Verbände der Panzergruppe „Kleist“, die zur 12. Armee gehörte, die Maginotlinie bei Sedan und Mézières, drangen in harten Verfolgungskämpfen vom 16. bis zum 20. Mai 1940 von der Maas bis zur Oise und Aisne vor und bestanden dann – bis in den Juni hinein – erfolgreiche Abwehrkämpfe bei La Fère, am Chemin des Dames und an der Aisne. Schließlich wurde über Besançon die Schweizer Grenze bei Pontarlier erreicht.

Die 12. Armee hatte somit großen Anteil an der Vernichtung des französischen Feldheeres, denn das Eindrehen aus der Ost-West-Bewegung nach Süden bis zur Schweizer Grenze war die Voraussetzung für die Ausschaltung der in und hinter der Maginotlinie stehenden Feindtruppen in Stärke von 550.000 Mann. Wilhelm List wurde angesichts seiner Leistungen am 19. Juli 1940 zum Generalfeldmarschall ernannt.

Herausragender Blitzkriegsstratege

Das Frühjahr 1941 führte List und seine 12. Armee auf den Balkan. Aufgrund der italienischen Mißerfolge in Albanien und der britischen Unterstützung für die Regierung in Athen hatte Hitler sich zur Besetzung Griechenlands entschlossen. Der mit dem Belgrader Staatsstreich eingeleitete Kurswechsel Jugoslawiens unmittelbar nach dem Beitritt zum Dreimächtepakt veranlaßte Hitler außerdem zu der schnellen Entscheidung, auch diesen Unsicherheitsfaktor auszuschalten. Von Bulgarien aus brach die 12. Armee – zusammen mit der aus Kärnten vorrückenden 2. Armee, den Jagd- und Stuka-Gruppen der Luftflotte 4 sowie der italienischen 2. und der ungarischen 3. Armee – in einer Folge heftiger Kämpfe den Widerstand der jugoslawischen Truppen, die nach elf Tagen Blitzkrieg am 17. April 1941 kapitulierten. Anschließend wurde auch das von einem britischen Expeditionskorps unterstützte tapfer kämpfende, aber schwache griechische Heer niedergeworfen, welches bereits mit 24 italienischen Divisionen im Kampf lag.

Hier in Griechenland wurde erneut ein deutscher Blitzkrieg vorgeführt. Bereits nach vier Tagen – am 21. April – kapitulierte die griechische Epirus-Armee gegenüber der 12. Armee, und bereits am 27. April 1941 rollten deutsche Verbände in Athen ein.

List hatte am 21. April die griechische Kapitulation entgegengenommen – gemäß Hitlers Anweisungen ohne italienische Beteiligung, da die griechischen Generale sich weigerten, vor den von ihnen besiegten Italienern die Waffen zu strecken. Dagegen protestierte Mussolini. Daraufhin ent­sandte Hitler den Chef des Wehrmachtführungsstabes, um eine erneute Übergabe vor den italienischen Bundesgenossen einzuleiten. Für Wilhelm List war dies eine peinliche Angelegenheit.

Am 29. April 1941 waren schließlich die Operationen auf dem griechischen Festland abgeschlossen, jedoch hatte die Masse des britischen Expeditionskorps entkommen können. Generalfeldmarschall Wilhelm List nahm am 3. Mai 1941 die Siegesparade deutscher Verbände – flankiert von dem Fallschirmjägergeneral Kurt Student und dem Kommandeur der 6. Gebirgsdivision Ferdinand Schörner sowie weiteren hochdekorierten Soldaten – in Athen ab.

Dennoch fand der Balkanfeldzug erst nach dem verlustreichen Einsatz deutscher Fallschirmjäger ab dem 20. Mai 1941 sowie gelandeter Gebirgstruppen und starker Fliegerverbände auf Kreta endgültig seinen Abschluß.

Differenzen mit Hitler

Ende Mai 1941 wurde List zum Oberbefehlshaber Südost mit Sitz in Athen ernannt. Doch bereits Anfang Oktober 1941 mußte er sein Amt niederlegen und sich einer Operation unterziehen. Anfang 1942 war er wieder soweit genesen, daß er im März 1942 in Hitlers Auftrag eine Inspektionsreise nach Norwegen antreten konnte, um die dortige Verteidigungsbereitschaft gegen britische Angriffe zu überprüfen.

Nach längerem Zögern und auf Drängen Keitels und Halders übertrug Hitler am 10. Juli 1942 List den Ober­befehl über die im Süden der Ostfront eingesetzte Heeresgruppe A, die aus Teilen der Heeresgruppe Süd gebildet war und die den Auftrag hatte, sich der Schwarzmeer­küste und des kaukasischen Raumes zu bemächtigen.

Am 31. August 1942 trug Wilhelm List im Führerhauptquartier Winniza in der Ukraine Hitler seine Bedenken gegen die sogenannte Weisung Nr. 45 für die Operation „Edelweiß“ vor, die eine Fortführung der Operationen über den westlichen Kaukasus hinaus bis zu den Öllagern von Grosny und den Ölquellen von Baku am Kaspischen Meer verlangte. List schätzte die dafür zur Verfügung stehenden Kräfte als unzureichend ein. Anfang September kam es zum schweren Konflikt mit Hitler, da dieser ihm vorwarf, den Schwerpunkt der Offensive auf den Hochkaukasus gelegt und hingegen das naheliegende Ziel, den westlichen Kaukasus mit der Hafenstadt Tuapse, vernachlässigt zu haben. Hitler entschloß sich zur Abberufung Lists.

Zwei Tage später, am 12. September 1942, gab mit Wilhelm List ein General sein Kommando ab, der bereits zur Führungselite der Reichswehr gehört hatte.

Siegerjustiz in Nürnberg

List zog sich nach Garmisch-Partenkirchen zurück, wo er im Mai 1945 von den US-Amerikanern gefangengenommen wurde. Ausgerechnet der Mann, der sich stets für eine ritterliche Kriegsführung eingesetzt hatte, wurde nun vom alliierten Militärtribunal in Nürnberg – im sogenannten „Südost-Prozeß“ gegen die einst auf dem Balkan kommandierenden deutschen Generale wegen deren Partisanenbekämpfung – als „Kriegsverbrecher“ angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Später kam es zu einer Herabsetzung der Strafe auf 15 Jahre und schließlich am 24. Dezember 1952 zur vorzeitigen Entlassung aus der Haftanstalt Landsberg wegen schwerer Erkrankung. Danach nahm Wilhelm List seinen Wohnsitz wieder in Garmisch-Partenkirchen, wo er am 16. August 1971 im hohen Alter von 91 Jahren verstarb.

Peter Stockert

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