Leise Feindfahrt

dmz-76-2Drei große „Elektro“-Boote liefen 1945 noch aus

Sie kamen zu spät, aber sie gehörten, ebenso wie die weltweit aufsehenerregenden V2-Raketen und die vielfach gepriesenen ersten Düsenjäger Me 262, zu den legendären deutschen Wunderwaffen: Die fortschrittlichen, für den totalen Unterwasserkrieg entwickelten U-Boote des Typs XXI, die ab April 1944 im Eiltaktverfahren in Großserien auf den Großwerften trotz permanenter angloamerikanischer Bombenbedrohung aufgelegt wurden und von denen ein Jahr später 118 Boote – ursprünglich sollten 38 davon monatlich an die Kriegsmarine abgeliefert werden – von der U-Bootwaffe indienstgestellt und zügig auf ihren Einsatz vorbereitet waren.

Unmittelbar vor der sich abzeichnenden militärischen Niederlage des Deutschen Reiches beabsichtigte Großadmiral Karl Dönitz mit einigen dieser, den herkömmlichen U-Boot-Krieg revolutionierenden, sogenannten großen „Elektro“-Booten von den U-Bootbasen im besetzten Norwegen aus noch eine Weile „ein Schwert hochzuhalten“, um den Zeitgewinn nutzen zu können; zum einen, um vor „Toresschluß“ möglichst viele von der heranrollenden Roten Armee bedrohte Menschen aus den deutschen Ostgebieten in den sicheren Westen zu schaffen und zum anderen, um bei den bevorstehenden Kapitulationsverhandlungen mit den siegreichen Westmächten ein Faustpfand in die Schale werfen zu können.

Auf dem Weg nach Norden

Die Rückblende auf dieses besondere Kapitel der U-Bootgeschichte fällt auf den 16. März des schicksalhaften Kriegsjahres 1945, jenen Monat, in dem die sowjetischen Streitkräfte an der Neiße und in den Oderbrückenköpfen ihren Sturmangriff auf Berlin vorbereiteten. Gleich einem im Abenddunst blank schimmernden, leicht gewölbten Rücken eines an der Tirpitz-Mole des Marine-Stützpunktes Kiel-Wik liegenden großen Stahlfisches ragte das Oberdeck des Neubaus U 2511 knapp eineinhalb Meter über dem Wasserspiegel hinaus. Die 58köpfige Besatzung war in Dreierreihe auf dem Vorschiff angetreten und wurde vom keinem Geringeren als vom Kommandierenden Admiral der U-Boote Hans-Georg von Friedeburg zur ersten, vielversprechenden Unternehmung eines Einundzwanziger-Bootes verabschiedet.

Seit der Übergabe der Bauwerft Blohm & Voss Mitte September 1944 war die Besatzung mit ihrem bevorzugten Boot, das als einziges dem Befehlshaber der U-Boote (BdU) direkt unterstellt war, als erstes Boot der eigens geschaffenen Erprobungsgruppe (EGRU) zugeteilt worden. Zu deren Aufgaben gehörte es, das neue Tiefenausstoßverfahren (mittels Schallortung; sogenannter OT-Schuß ohne Sehrohr-Orientierung) mit neuartigen Torpedos zu testen. Anschließend hatte U 2511 alle Ausbildungsstufen, wie die Ausbildungsgruppe (AGRU)-Front und die taktischen Übungen bei der 27. U-Flottille samt Geleitzug-Angriffsmanöver, vorrangig vor allen anderen Booten durchlaufen und als erstes Serienboot die Frontreife zuerteilt bekommen. Es hatte sich sofort gezeigt, daß der neue Bootstyp aufgrund seiner ausgezeichneten Unterwassereigenschaften einem echten Unterwasserfisch gleichkam, das erste wahre Unterseeboot war, das die Welt hervorgebracht hatte.

Auf dem nach Norden strebenden Boot fuhr besonders ausgewähltes Personal der U-Bootwaffe. Unter allen Typ-XXI-Kommandanten genoß KKpt. Adalbert Schnee von U 2511 das besondere Vertrauen von Karl Dönitz. Der Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub konnte bereits auf 15 Feindfahrten zurückblicken.

U 2511 und seine Besatzung waren seit langem dazu bestimmt, die ersten Fronterfahrungen mit einem „Einundzwanziger“ zu sammeln. Vorgesehen war auch, daß U 2511 zusammen mit U 2502, U 2506, U 2516, U 2519, U 3007 und U 3008, alle von ausgewählt erfahrenen Kommandanten geführt, als erste Typ XXI-Kampfgruppe eingesetzt werden sollte. Diese Boote, in erster Linie U 2511, hatten alle vorgesehenen neuentwickelten Geräte eingebaut bekommen.

So leistungsfähig wie kein anderes

Mit seinem Brennstoffvorrat von 200 Tonnen und 22 Tonnen gebunkertem Proviant wäre das 1.610 Kubikmeter verdrängende U 2511 in der Lage gewesen, ohne Zwischenstopp bis nach Japan beziehungsweise rund um Kap Hoorn in den Pazifik zu gelangen, wobei seine 372 Batteriezellen ihm eine Höchstgeschwindigkeit unter Wasser von 16 bis 17 Knoten garantierten; die herkömmlichen VIIC-Boote schafften gerade mal kurzzeitig siebeneinhalb Knoten und waren, wenn sie geortet wurden, den U-Boot-Jagdeinheiten hoffnungslos ausgeliefert.

Als erstes Typ XXI-Boot erreichte U 2511 am 23. März 1945 unbeschadet Norwegen und machte bei der U-Boot-Abnahmekommando (UAK)-Außenstelle in Horten fest, um dort drei Tage darauf einen Tieftauchversuch vor dem Oslo-Fjord durchzuführen, der sich – obwohl die rechnerische Zerstörungstauchtiefe bei 330 Metern lag – auf 175 Meter beschränkte. Am 8. April lief es in den Stützpunkt Kristiansand ein, um sich auf die Feindfahrt weiter vorzubereiten.

Am 18. April verließ U 2511 Kristiansand, um im Unterwassermarsch nach Bergen zu verlegen.

In der ersten Nachtstunde des 19. April 1945 wurde das nach Norden strebende U 2506, dessen Kommandant Ritterkreuzträger Kptl. Horst von Schroeter war, im Kattegat von einem Flugzeug angegriffen, konnte sich dem Angriff aber durch schnelles Wegtauchen entziehen. Somit hatte das zweite XXIer Boot den Durchbruch nach Norwegen geschafft, und das dritte dieser Boote, U 2502, schickte sich am 19. April an, im Geleit die gefahrvolle Meerenge zwischen Nordjütland und Schweden zu passieren, wo es „Mosquito“-Jagdbomber und „Mustang“-Jäger der RAF aus weniger als 200 Metern Entfernung mit ihren Geschossen eindeckten.

Die Vorbereitungen und Tests verlaufen gut

In der Nacht vor dem Einlaufen in Bergen nahm U 2511 vor dem Korsfjord den Geräuschpegel eines feindlichen U-Bootes auf. Es handelte sich um HMS „Tapir“, das am 12. April vor Bergen das VIIC-Boot U 486 vernichtend torpediert hatte (48 Tote) und dort als Wegelagerer weiteren deutschen ein- und auslaufenden U-Booten auflauerte. Das akustisch leise U 2511 konnte die ganze Nacht hindurch, aufgrund seiner besseren Horch- und Schallgeräte, den feindlichen Bruder einwandfrei verfolgen, ohne daß dieser die Anwesenheit des Typ XXI-Bootes wahrzunehmen imstande war. KKpt. Schnee hatte aufgrund der Vorteile des eigenen Bootstyps die Situation immer in eigener Hand. Obwohl er gute OT-Schußmöglichkeiten nach angegegebenen Werten des Horizontallotes der neuartigen SU-Anlage „Nibelung“ hatte, sah er letztlich doch wegen einer möglichen Verwechslungsgefahr von der Vernichtung des anderen Bootes ab und lief am 21. April in Bergen ein.

Nach weiteren Vorbereitungen unternahm U 2511 am 24. April einen ersten Ausmarschversuch in die Norwegensee, mußte aber nach drei Tagen wieder in Bergen einlaufen, um in der Werft eine Dieselpanne (Pleuelstangenbruch durch Kolbenwasserschlag) zu beheben.

Während an der Heimatfront die Rote Armee seit dem 25. April ihren Einkesselungsring um Berlin enger schloß, befand sich Norwegen fest in deutscher Hand.

Am 28. April entließ der Stützpunktleiter Kristiansand-Süd, KKpt. Ernst Mengersen, U 2506 zur Feindfahrt, die wie bei allen vorgesehenen Einsätzen von „Elektro“-Booten gänzlich unter Wasser erfolgen sollte, mit der Weisung, am Westeingang von Gibraltar zu operieren.

Frühmorgens am 29. April traf U 2529 als viertes Boot des Typs XXI unbehelligt in Horten ein. Am 2. Mai verlegte U 2529 im Unterwassermarsch nach Kristiansand, wo es sich für eine Südunternehmung bereithielt.

Am Abend dieses Tages verabschiedete Flottillenchef (11. U-Flo.) FKpt. Heinrich Lehmann-Willenbrock U 2511 mit der von Dönitz ausgewählten Elite-Besatzung nochmals zur ersten Unternehmung in der Karibischen See. Die erfahrenen Offiziere Schnee und Reinhard „Teddy“ Suhren, die bei der Entstehung des Typs XXI von Anfang an mitgewirkt hatten, sollten nach der ersten Feindfahrt ein klares Urteil über das neue Boot abgeben.

Ein klares Zeichen – Schießverbot

Das weiß gestrichene U 2511 stahl sich nachts um halb drei des nächsten Tages aus dem Fjord von Bergen und tauchte beim Erreichen der offenen See querab des Leuchtturms Marstein ab. Fortan blieb es unter der Meeresoberfläche verborgen, lud seine Fahrbatterie, wenn sich deren Ladezustand verringerte, im Schnorchelbetrieb mit seinen Dieselgeneratoren wieder auf. Die Funkverbindung zur Befehlsstelle ließ sich auch unter Wasser herstellen.

Am Abend dieses dritten Tages des letzten Kriegsmonats lief als drittes Typ XXI-Boot das mit 68 Mann überbelegte U 3008, unter dem Kanonendonner der schon bei Varel verlaufenden Frontlinie vom Flottillenchef der 22. U-Flo., KKpt. Heinrich „Ajax“ Bleichrodt, verabschiedet, von Wilhelmshaven zur Feindfahrt aus. Im Kielwasser nachziehendes Meeresleuchten wurde als ungutes Omen gedeutet. Nach dem Passieren von Helgoland entschloß sich Kommandant Kptl. Helmut Manseck, die Weiterfahrt bis an die südnorwegische Küste unter Wasser fortzusetzen. Dort wurde bei einer Tieftauchprobe in 170 Metern der Grund erreicht. Nachdem U 3008 Bergen zur Torpedo-Ergänzung angesteuert hatte, folgte es U 2511 in den Atlantik nach.

Am 4. Mai 1945 entsandte Dönitz, seit drei Tagen im Amt des Reichspräsidenten, Admiral Hans-Georg von Friedeburg zu Kapitulationsverhandlungen zum Ober­befehlshaber der alliierten Truppen in Europa, US-General Dwight D. Eisenhower, und setzte gleichzeitig ein klares Zeichen des Entgegenkommens, indem er Schießverbot für alle U-Boote befahl. Wegen des ergangenen Angriffsverbotes wurde der für den Abend desselben Tages vorgesehene Auslauftermin zur Unternehmung des wieder gefechtsklaren U 2506 aufgehoben.

An diesem Tag befand sich das unablässig unter der Meeresoberfläche fahrende U 2511 auf einer Position westlich der Färöer-Island-Passage und hatte somit, von gegnerischen Luft- und Seestreitkräften unbemerkt, die Pforte zum Atlantik bereits passiert. Beim Eintritt in den Atlantik hatte es wiederholt Feindberührung, wobei es sich unbemerkt auf leichte Weise gegnerischen Suchgruppen zu entziehen vermochte. An Bord war man von den absoluten Höchstleistungen des Bootes hellauf begeistert. Mit dem neuen Boot war die U-Bootwaffe nunmehr in der Lage, unter Wasser ebenso erfolgreich zu sein wie in den ersten Kriegsjahren mit den kleinen alten Booten über Wasser. In den sechs Bugtorpedorohren lagen die mordernsten Torpedos und 14 weitere konnten in kürzester Zeit per Schnelladeeinrichtung nachgeladen werden. Allein zwei oder drei Fächer von je sechs lagenunabhängigen LUT-Torpedos, die schnell verschossen werden konnten, würden genügen, um mit ihren Schleifenbahnen einen kompletten Schiffskonvoi anzugreifen und eine hohe Trefferquote zu garantieren.

Die Hetzjagd beginnt

Immer noch befanden sich die Angelsachsen in dem Irrglauben, auch die neuen, demnächst in den Atlantik vordringenden deutschen U-Boote müßten in atlantischen Gewässern nachts aufgetaucht marschieren, um ihre Batterien aufzuladen. Sie hatten weder eine Vorstellung von der quasi unbegrenzten Unterwasserausdauer noch einen blassen Dunst von der hohen Schleichfahrtgeschwindigkeit, auch nicht von der raschen Nachlademöglichkeit und der außergewöhnlichen Sensorikausstattung des neuen Typs.

Während U 2511 weiter in den Atlantik hineinfuhr, erreichte es während des Schnorchelns der Funkbefehl, daß die Kampfhandlungen zur See einzustellen seien. Zudem erging der Rückmarschbefehl für alle Boote. Insbesondere die in Deutschland verbliebenen Boote des Typs XXI wollte man nicht den Siegern überlassen. Sie fielen in den ersten Maitagen unter der ausgegebenen Losung „Regenbogen“ ausnahmslos der großen Selbstversenkungsaktion von über 200 U-Booten in deutschen Küstengewässern zum Opfer.

Am 5. Mai hatte das rückkehrende U 2511 die Färöer passiert und befand sich nördlich der Shetlands. Kurz nach der Mittagszeit meldete der Horcher, daß es einer U-Jagdgruppe von vier Fahrzeugen gelungen wäre, das Boot zu erfassen. Alsbald war das Pinken von Schallpeilungen (Asdic) der Fühlung bekommenden U-Jäger – es handelte sich um den Flak-Kreuzer „Bellona“ und eine Rotte Zerstörer – deutlich im ganzen Boot zu hören. Die allesamt fronterfahrenen U-Bootmänner in der Tiefe wußten aus leidvoller Erfahrung, daß nunmehr ein geortetes U-Boot des älteren Typs kaum noch eine Chance besäße, dem unweigerlich einsetzenden Wasserbombenhagel entkommen zu können. Während die hastig heranpirschenden Todfeinde jedes deutschen U-Bootes, die sich im sicheren Gefühl eines weiteren Erfolges wähnen konnten, zur Hetzjagd auf ein vermeintlich leicht zu erlegendes Beutewild ansetzten, schalteten in der Tiefe die U-Bootmaschinisten die jeweils drei Teilbatterien à 62 Akkuzellen der im unteren Boot lagernden Fahrbatterie in Reihe. In dieser mit 360 Volt Spannung erreichten höchsten Fahrstufe übertrug jede der zwei Haupt-E-Maschinen im Achterschiff ihre 2.500 PS auf eine der beiden Propellerwellen, die das Boot auf eine Unterwassergeschwindigkeit von 16 Knoten brachten.

Schnee befahl eine Kursänderung von etwa 30 Grad und ließ U 2511 die Richtung einschlagen, welcher die Verfolger an der Oberfläche gegen Wind und Wellen nachfolgen mußten. Nach kürzester Zeit waren sie abgeschüttelt. In U 2511 hörte man noch in 5.000 Metern Entfernung die Spürhund-Meute, die ihre Wabo-Werfer vergeblich zum „easy u-boat-kill“ klariert hatten, mit ihren Schallortungsgeräten nach dem verflüchtigten Phantom-U-Boot suchen, jedoch konnten sie das sich ihnen dargebotene Phänomen sicherlich nicht begreifen. Wie ein kräftiger, mit wenigen Schwanzflossenschlägen entschlüpfender Hai war das neue Boot dem ausgeworfenen Fangnetz seiner Häscher entkommen. Derart leicht war es dem neuen deutschen U-Boot gelungen, die gegnerische U-Boot-Abwehr auszuschalten, ohne dabei die Kapazität seiner starken Batterien auch nur annähernd zu erschöpfen.

Der erste, einzige und letzte Angriff

In den frühen Morgenstunden des 6. Mai erfuhr die in eine ungewisse Zukunft heimsteuernde Besatzung von U 2511 noch eine Belebung, als der Horcher starke Schraubengeräusche aus nördlicher Richtung aufnahm. Schnee stieg auf Sehrohrtiefe empor und erblickte an der Kimm einen von mehreren Zerstörern gesicherten englischen schweren Kreuzer der Suffolk-Klasse. Einen solchen zehntausend Tonnen schweren Stahlbrocken hatte er während des gesamten Krieges nicht vor den Bug gekriegt, nun aber geschah dies ausgerechnet wenige Stunden nach Einstellung des Seekrieges.

Wer aber konnte dem gerade proklamierten Frieden bereits trauen? Laut Rollentafel nahm die Besatzung ihre einexerzierten Gefechtsstationen ein. Wie bei einem schulmäßig vorgesehenen Angriff schloß U 2511 mit hoher Unterwassergeschwindigkeit zum Flottenverband auf und untertauchte in vormals ungewohnter großer Tiefe die Zerstörersicherung, um eine Angriffsposition zirka 600 Meter seitlich des nahezu 200 m langen Kreuzers einzunehmen, bei einer Schußdistanz und Zielbreite, die in jedem Fall zum Erfolg führen mußte. Die Hauptmaschinen wurden abgeschaltet und der Angriff mit dem geräuschlosen Schleichfahrtmotor, den es bei den früheren Booten nicht gegeben hatte, durchgeführt. Kein Zickzacken oder Ausweichen hätte dem Kreuzer mehr etwas genützt. Immer noch ahnte keine Seele auf dem englischen Kriegsschiff etwas davon, daß eine unbekannte Gefahr ihnen aus der Tiefe erwuchs. Die Schußdaten waren in den Torpedorechner eingegeben, drei Torpedorohr-Mündungsklappen waren schon geöffnet worden. Torpedo-Maat Heinz Bachmann hielt bereits die Hand am Abfeuerungsknopf. Der Angriff war, verglichen mit den früheren Unterwasserangriffen mit den alten Frontbooten, nahezu ein Kinderspiel.

Der besonnene Kommandant Schnee ließ es aber dabei bewenden, daß ihm eine theoretische Entschädigung für das unsäglich schwere Bangen und Ringen der letzten zwei Jahre widerfuhr, als die deutschen Boote so gut wie chancenlos waren und das Alleräußerste riskierten, wollten sie zum Erfolg kommen, aber dennoch meistens unterliegen mußten. Er befahl Fahrterhöhung und tauchte unter dem Kiel des Kreuzers hindurch. Die Besatzung erfuhr ein bis dahin nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und Überlegenheit, und sie empfand es als einen stillen, späten Triumph. Es blieb der erste, einzige und letzte Angriff eines Typ XXI-Bootes – allerdings ein nicht vollständig durchgeführter, ein „blinder“ Angriff.

Am Leuchtturm Marstein tauchte U 2511, das seine gesamte Hin- und Rückfahrt im getauchten Zustand zurückgelegt hatte, am 7. Mai erstmalig wieder auf. In Bergen legte es sich längsseits des am Dokkerskjaerkajen liegenden U 3514. An der anderen Seite von U 2511 vertäuten sich U 2506 und das VIIC-Boot U 1202.

Das Tor gen Westen offenhalten

u-booteZu diesem Zeitpunkt waren nacheinander U 2513, U 2518, U 3515, U 3017, U 3035 und U 3041 durch die engen, minenfreien Zwangswege des Belts und das Skagerrak nach Norwegen nachgefolgt, während die auf dem Verlegungsmarsch dorthin befindlichen Boote U 2503, U 2521 und U 3523 durch Fliegerangriffe versenkt worden waren. U 3503 hatte sich nach Fliegerbeschuß am 5. Mai vor Göteburg selbstversenkt. Bei dem sich abzeichnenden Kriegsende galten die Anstrengungen der U-Bootwaffe nur noch dem einem Ziel, auf der Ostsee ein Tor gen Westen offenzuhalten, um die vor der sowjetischen Willkür flüchtenden Menschen zu retten. Für das Verlegen von weiteren U-Booten nach Norwegen stand kein Tropfen Treibstoff mehr zur Verfügung

Währenddessen durchquerte das rückmarschierende U 3008 draußen das Seegebiet zwischen Norwegen und England und hatte ein ähnliches Zusammentreffen wie zuvor U 2511. Etwa zwei Stunden nachdem es die Nachricht von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht empfangen hatte, lief gleich eine ganze Armada von lohnenden Zielen vor seine schußbereiten Rohre. Manseck richtete seine Zieloptik nacheinander auf den schweren Kreuzer „Birmingham“ (9.100 t) und den modernen leichten Kreuzer „Dido“ (5.490 t), erblickte zudem in einiger Entfernung einen Flugzeugträger und Transportschiffe. Die Schiffsformation, die das Herz eines jeden U-Bootkommandanten höher schlagen lassen mußte, befand sich auf dem Weg nach Kopenhagen. Auch auf diesen Schiffen erkannte niemand, welch gefährliches Unterwasserfahrzeug sie umspähte.

In der folgenden Nacht brach U 3008 aus der Tiefe hervor. Zum einzigen und letzten Mal zeigte sich ein mit deutschen Seesoldaten besetztes, vollausgerüstetes Typ XXI-Kampfboot auf der offenen hohen See. Über Funk erfuhr die Besatzung die Kapitulationsanordnungen der Siegermächte. U 3008 wurde aufgefordert, Loch Eriboll anzulaufen, aber die Besatzung hielte es für ratsam, diese Weisung zu ignorieren. Wie auch zuvor auf U 2511 hing die Besatzung vorübergehend dem Gedanken nach, Südamerika oder die Südsee-Inseln anzulaufen. Aber man wollte die Heimat in schwerer Zeit nicht im Stich lassen. In Kenntnis der deutschen Minenfelder fand U 3008 eine Durchfahrt an die dänische Küste. Unter den geöffneten Bombenschächten eines englischen Flugzeuges wurde es vor Frederikshaven zum Stoppen gebracht und unter Bewachung nach Kiel eskortiert.

„Norfolk“ in tödlicher Gefahr

Unter den am 15. Mai in den Hafen von Bergen einlaufenden Kriegsschiffen befand sich zu KKpt. Schnees Überraschung jener englische Kreuzer, dem das Glück beschieden war, nicht vor, sondern einige Stunden nach dem Zeitpunkt der Einstellung der Kampfhandlungen auf U 2511 zu treffen. Schnee, von dem die Engländer wußten, daß er als Dönitz’ Vertrauter mit seinem weißen Boot auf Feindfahrt gewesen war, wurde auf den Kreuzer – es handelte sich um die „Norfolk“ (9.925 t) – gebracht und der britischen Admiralität vorgeführt. Als der Admiral sich nach Feindberührungen erkundigte, eröffnete Schnee ihm, daß er eben auf den Kreuzer einen Scheinangriff gefahren habe, auf dem man sich befände. Augenblicklich entstand Hektik in der Messe, man hielt dies für völlig ausgeschlossen. Die Kommandanten des Kreuzers und der Zerstörer wurden befragt und schließlich, nachdem alle Logbücher mit dem von U 2511 verglichen worden waren und die Standorte zum Zeitpunkt des Angriffs übereinstimmten, lag der klare Beweis vor, in welch tödlicher Gefahr sich die „Norfolk“ befunden hatte.

Von den 135 Booten des Typs XXI, die bis Kriegsende bei den Endmontagewerften vom Stapel gelaufen waren, hatte ein Dutzend – die nach Norwegen gelangten Boote – überlebt, weil die dortigen U-Bootoffiziere von Dönitz ausdrücklich verpflichtet worden waren, keine Boote selbstzuversenken. Sie wurden als äußerst begehrte Kriegsbeute auf die Siegermächte verteilt, denen sie als Vorbilder für deren U-Bootbau dienten. U 2511 und U 2506 versenkten die Briten während der Operation „Deadlight“ Anfang Januar 1946 nördlich Irland; U 3008 wurde 1955 von den USA abgewrackt.

U 2540 kann besichtigt werden

Die U-Bootwaffe gehörte mit den „Elektro“-Booten zu den Waffengattungen der Wehrmacht, die am Kriegsende schlagkräftiger geworden waren als je zuvor. Ihr Admiral von Friedeburg, der deren Heimatorganisation aufgebaut hatte, wählte Ende Mai 1945, als seine U-Bootwaffe nicht mehr existierte, den Freitod.

Im Jahre 1957 wurde U 2540 gehoben und diente danach der Bundesmarine für den Neuaufbau der modernen U-Bootflotte. Es ist das einzige der Nachwelt erhalten gebliebene Typ XXI-Boot, das heute beim Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven besichtigt werden kann.

Eckart Wetzel

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