Stalins “iranischer Korridor” 1942

Stalin unter Druck: Deutsche Soldaten rücken 1942 immer weiter in den Kaukasus vor, die Sowjetunion ist dringend auf Lieferungen der westlichen Verbündeten angewiesen. Den Iran durchlaufen mittlerweile jeden Tag 2.000 Transporte.

Stalin unter Druck: Deutsche Soldaten rücken 1942 immer weiter in den Kaukasus vor, die Sowjetunion ist dringend auf Lieferungen der westlichen Verbündeten angewiesen. Den Iran durchlaufen mittlerweile jeden Tag 2.000 Transporte.

Spielball der Großmächte

Der Iran gehört nicht erst seit heute zu den geopolitischen Brenn­punkten des Globus. Bereits während des Zweiten Weltkrieges geriet das damals neutrale Land massiv unter Druck seitens der Alliierten – und ­wurde besetzt. Der „iranische Korridor“ sollte Stalins Sowjetunion den Nachschub aus Großbritannien und den USA sichern.
Am 18. Dezember 2009 gab Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad beim Kopenhagener Klimagipfel eine Pressekonferenz, deren Inhalte in der Berichterstattung westlicher Medien bezeichenderweise kaum einen Niederschlag fanden. Ahmadinedschad forderte nämlich Wiedergutmachungszahlungen für die Schäden, die der Iran im Zweiten Weltkrieg erlitten hätte. Die Staaten, die den Krieg gewonnen hätten, fügten dem Iran immensen Schaden zu, als sie das Land besetzten und sich seiner Ressourcen bedienten, betonte der iranische Präsident. Konkret spielte Ahmadinedschad hier auf die völkerrechtswidrige britisch-sowjetische Invasion („Operation Countenance“) in den neutralen Iran im August 1941 an, die nicht nur dem Zweck diente, den Zugriff auf die iranischen Ölfelder abzusichern, sondern vor allem den Aufbau einer Nachschublinie für die Sowjets zum Ziel hatte. Der Iran geriet deshalb ins Visier, weil andere Nachschubwege erhebliche Einschränkungen mit sich brachten: Die Nordroute über Archangelsk und Murmansk war im Winter in der Regel kaum passierbar und überdies durch Verbände der deutschen Luftwaffe, die in Norwegen stationiert waren, bedroht. Die alternative Fernost-Route über Wladiwostok lag im Aktionsradius der Japaner. Und der Zugang zum Schwarzen Meer war durch die Türkei blockiert. So blieb aus Sicht der Briten und der Sowjets, die sich nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion als Verbündete betrachteten, nur der Iran.

Vorspiel im Irak

Die Invasion im Iran hatte, wenn man so will, ein Vorspiel im Irak. Im April 1941 hatte hier der prodeutsch eingestellte Raschid Ali-Gailani die Macht übernommen. Er strebte eine enge Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich an und gab den britischen Truppen im Irak zu verstehen, daß sie das Land zu verlassen hätten. Damit zeichnete sich ein für die Briten bedrohliches Szenario ab: Da auch Syrien und der Iran prodeutsch ausgerichtet waren, wäre ein Abzug aus dem Irak gleichbedeutend mit dem Ende der britischen Dominanz im Nahen Osten gewesen. Die Briten handelten schnell: Sie marschierten nach Bagdad und setzten die Regierung Gailani ab. Das deutsche „Sonderkommando Junck”, das die irakische Armee unterstützen sollte, konnte aufgrund von Nachschubproblemen an den Fakten nichts mehr ändern. Der Irak war damit wieder fest in britischer Hand.

Kurze Zeit später erfolgte die Invasion in den Iran, die mit einem Ultimatum, übermittelt an den iranischen Herrscher Reza Schah, eingeleitet wurde. Alle Deutschen, die noch im Iran tätig waren, sollten ausgewiesen werden. Reza Schah kam diesem Ultimatum zwar nach, was Briten und Sowjets aber nicht daran hinderte, den Iran dennoch zu besetzen, der in der Folge in drei Zonen aufgeteilt wurde. Der Norden wurde unter sowjetische und der südliche Teil mit den wichtigsten Ölfeldern unter britische Verwaltung gestellt. Ein winziges Gebiet in der Mitte des Iran verblieb unter iranischer Kontrolle. Reza Schah wurde zum Rücktritt gezwungen.

Im Vorfeld hatte Churchill veranlaßt, ihn mit den Mitteln „schwarzer Propaganda“ in den Augen seiner Landsleute herabzusetzen. An die Stelle von Reza Schah trat dessen Sohn Mohammed Reza, dessen Kompetenzen aber von den Besatzungsmächten auf „repräsentative Funktionen“ eingeschränkt wurden. Immerhin konnte Mohammed Reza Schah aber in einem Dreimächteabkommen die Zusicherung der Alliierten erreichen, den Iran nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu räumen. Bis dahin behielten sich die Alliierten vor, mehr oder weniger uneingeschränkt die Kontrolle auszuüben. Mit diesen Maßnahmen waren alle Voraussetzungen für den Ausbau jener Nachschublinie erfüllt, die als „persischer Korridor“ kriegsentscheidende Bedeutung erlangen sollte.

Die Amerikaner schalten sich ein

Bereits im September 1941, also gut zweieinhalb Monate vor der deutschen Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten, nahm auf Initiative Churchills eine US-Militärmission die Arbeit im Iran auf, die sich direkt am Aufbau einer funktionierenden Verkehrsinfrastruktur im Iran beteiligte. Denn nur mit gesicherten Transportwegen konnte das erreicht werden, was sich die Westalliierten erhofften, nämlich die ununterbrochene Belieferung der Roten Armee mit Millionen von Tonnen an kriegswichtigem Material. Die Amerikaner blieben nicht untätig: In iranischen Häfen wie Chorramschahr, Bandar-e Shapur (heute: Bandar-e Imam Khomeni) und Basra entstanden Ausladeeinrichtungen, Lagerräume, Werften und so weiter. Und es wurden Straßen gebaut, über die neben britischen bald schon US-Laster rollen sollten, darunter der Studebaker US6, der als Katjuscha-Lafettenträger („Stalinorgel“) diente.

Auf deutscher Seite blieben diese Aktivitäten nicht unbemerkt. So kommt eine für Hitler bestimmte Analyse vom 13. April 1942 zu folgendem Ergebnis: „In ihrem Bestreben, die Sowjetunion zu unterstützen, werden Großbritannien und die Vereinigten Staaten in den kommenden Wochen und Monaten alle erdenklichen Anstrengungen unternehmen, um die Verschiffung von Material, Truppen und Ausrüstung zu steigern. Inbesondere die Nachschublieferungen über die Basra-Iran-Route werden in den Kaukasus und an die Südfront gehen. Alle britischen und amerikanischen Materiallieferungen, die Rußland über den Nahen Osten und Kaukasus erreichen, sind extrem nachteilig für unsere Offensive.“ Die Verfasser dieser Studie, das zeigte sich nur zu bald, sollten in allem Recht behalten.

Die „Brücke zum Sieg“

Im Oktober 1942 – die Schlacht um Stalingrad ging ihrem Höhepunkt entgegen – übernahmen die Amerikaner schließlich ganz das Ruder. Das „Persian Gulf Command“ (P. G. C.) ersetzte die Briten, die auf andere Kriegsschauplätze verteilt wurden. Von nun an lief der Nachschub an die Sowjetunion ohne nennenswerte Unterbrechungen. Allein im Jahre 1942 – diese Zahlen legte der US-Militärhistoriker Thomas Hubbard Vail Motter in seiner 1952 erstmals publizierten Arbeit The Middle East Theatre. The Persian Corridor and Aid to Russia vor – gelangten 144.000 Lkws, 11.200 Flugzeuge, 20.000 Panzer und 44.200 Gewehre zur Roten Armee. Jeden Tag durchliefen rund 2.000 Transporte den Iran. Es wurde über Rüstungsgüter hinaus alles geliefert, was irgendwie von Nutzen sein konnte, so zum Beispiel auch Lebensmittel, Kleidung und Medikamente. Selbst eine komplette Autofabrik ging in die Sowjetunion und fertigte Fahrzeuge der Marke Ford.

Es greift deshalb nicht zu weit, wenn man feststellt, daß diese Lieferungen die Rote Armee überhaupt erst in den Stand versetzten, ab November 1942 in einen Bewegungskrieg „deutschen Musters“ überzugehen. Vor allem deshalb ging aus deutscher Sicht die Schlacht um Stalingrad verloren. Aber nicht nur das: Die Wehrmacht mußte einem mobiler und materialmäßig ständig überlegener werdenden Gegner in der Folge mehr und mehr die Initiative an der Ostfront überlassen.
Im Mai 1943 beliefen sich die US-Lieferungen – so Wolfgang Schlauch in seiner Arbeit Rüstungshilfe der USA 1939–1945 (1985) – bereits auf über 100.000 Tonnen monatlich und übertrafen damit britische Lieferungen um das Zehnfache. Insgesamt wurden in der Zeit von November 1941 bis Mai 1945 rund 4,1 Millionen Tonnen Kriegsmaterial für die Sowjetunion über den „persischen Korridor“ geliefert, was zirka 25 Prozent der Gesamtlieferungen an die Sowjetunion gleichkommt. Die strategische Bedeutung dieses „Korridors“ kann deshalb nicht hoch genug veranschlagt werden. US-Präsident Roosevelt bezeichnete ihn denn auch als „Brücke zum Sieg“.

Langfristige Sicherung des US-Einflusses

Natürlich blieb das nicht ohne Widerstand seitens der traditionell deutschfreundlichen Iraner. Dieser Widerstand kam aber über einige vage Versuche nicht hinaus und hat den Fluß der Dinge nicht behindern können. So blieben Russen und Briten, denen die Iraner mit starker Abneigung begegneten, im Land. Die Abneigung gegen die Russen ging auf die Zarenzeit zurück, beginnend mit der Annektion Georgiens im Jahre 1801, das der Iran bis dahin zu seiner Einflußzone gezählt hatte. Die Briten, die die Kontrolle der iranischen Verkehrsverbindungen nach Britisch-Indien sicherzustellen trachteten, besetzten eine Zeitlang den Südiran. Darüber hinaus hatten sie sich über die 1909 gegründete „Anglo-Persian Oil Company“ den Zugriff auf iranische Ölquellen erzwungen.

Roosevelt erkannte sehr schnell die geostrategische Bedeutung des Iran und sondierte Möglichkeiten, den US-Einfluß auf den Iran langfristig zu sichern. Die Möglichkeit hierfür bot der Wirtschaftsexperte Arthur Millspaugh. Von Mohammed Reza Schah zum General­bevollmächtigten für die Staatsfinanzen ernannt, ebnete er immer weiteren US-Wirtschaftsexperten den Weg in den Iran. Sehr schnell, so der französische Journalist Gérard de Villiers in seinem Buch Der Schah (1975), befanden sich in allen iranischen Ministerien US-Amerikaner in Schlüsselpositionen. Den Iranern wurde auf der Teheran-Konferenz 1943, auf der Mohammed Reza Schah nicht geladen war, zugestanden, daß ihnen als Kompensation für die Kriegslasten territoriale Integrität und finanzielle Hilfen als Wiedergutmachung für die Kriegslasten gewährt werden würden.

Die Sowjets sollten das nur zu bald anders sehen. Als nach dem Ende des Krieges im März 1946 der „Truppenrückzug“ aus dem Iran begann, marschierte die Rote Armee nicht nur in Richtung Teheran, sondern brachte auch noch Hunderte von Panzern ins Land. Außerdem drängten die Russen darauf, daß eine iranisch-sowjetische Ölgesellschaft gegründet werden sollte. Erst unverhüllte Drohungen von US-Präsident Truman an die Adresse Stalins führten schließlich zum Rückzug der Sowjets.

Die Folgen des Mossadegh-Putsches

Nachhaltig verdunkeln sollte sich das Renommee der US-Amerikaner im Iran erst durch den Sturz der Regierung des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh im Iran im Jahre 1953. Hierzu hat Pulitzer-Preisträger Stephen Kinzer von der New York Times im letzten Jahr eine neue Untersuchung mit dem Titel Im Dienste des Schah. CIA, MI6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten vorgelegt. Der Grund für den Putsch gegen Mossadegh lag vor allem in dessen Absicht, die „Anglo-Persian Oil Company“ verstaatlichen zu wollen. Hiergegen sträubten sich inbesondere die Briten, die im Verein mit den Amerikanern den populären Mossadegh ab- und durch den Schah ersetzten. Pikanterweise war Mossadegh ein Anhänger der parlamentarischen Demokratie und ein Bewunderer Abraham Lincolns sowie der Vereinigten Staaten.

Letztlich sollte dieser Putsch für die USA aber katastrophale Konsequenzen haben. Dem repressiven Regime des Schah folgte 1979 die Islamische Republik Khomenis. ­Mahmud Ahmadinedschad hat übrigens auf seiner oben erwähnten Pressekonferenz diesen Putsch direkt angesprochen und in diesem Zusammenhang Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright zitiert, die mit Blick auf die Absetzung Mossadeghs im März 2000 resümierte: „Dieser Staatsstreich war ein ganz klarer Rückschlag in der politischen Entwicklung des Iran. Es ist leicht einzusehen, warum so viele Iraner den USA diese Intervention übelnehmen.“

Michael Wiesberg

3 Kommentare zu „Stalins “iranischer Korridor” 1942“

  1. Frank Schröter sagt:

    Der Text regt auf jeden Fall zum Nachdenken an

  2. Andreas sagt:

    Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

    Gruss
    Andres

  3. H.T.gruhl sagt:

    Einer der besten Beiträge in der DMZ, macht er doch deutlich, warum der Iran heute so empfindlich auf die Einmischungsversuche des Westens reagiert.

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