Der Reiter von Windhuk

Deutsche Schutztruppen-Kompanie in Deutsch-Südwestafrika auf dem Marsch

Deutsche Schutztruppen-Kompanie in Deutsch-Südwestafrika auf dem Marsch

Deutsches Schutztruppendenkmal steht wieder

Der Reiter von Windhuk steht wieder. Etwa hundert Meter vom alten Standort entfernt hält er nun vor der Alten Feste über der Hauptstadt Wacht. Im nicht gerade an Denkmälern reichen Namibia gehört er zu den bekanntesten und beliebtesten Fotomotiven. Täglich posieren Touristen aus aller Welt in seinem Schatten, und mehrmals im Jahr treffen sich Vertreter der deutschen Minderheit zu seinen Füßen, als einem Symbol ihrer deutsch-südwester Identität. Daß er noch so dasteht, wie er im Jahre 1912 am Geburtstag des deutschen Kaisers Wilhelm II. (27. Januar) eingeweiht wurde, ist schon ein kleines Wunder, denn die Worte: „Der eherne Reiter der Schutztruppe, der von dieser Stelle aus in das Land blickt, verkündet der Welt, daß wir hier die Herren sind und bleiben werden“ des damaligen Gouverneurs Dr. Theodor Seitz wurden schneller von der Wirklichkeit eingeholt, als es sich irgendjemand hatte träumen lassen.

Die Welt war schon fast ganz unter den großen Kolonialmächten aufgeteilt, als am 1. Mai 1883 der gerade einmal einundzwanzigjährige Heinrich Vogelsang im Auftrag des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz die Bucht von Angra Pequena („Kleine Bucht“), die heutige Lüderitzbucht, erwarb. 200 alte Gewehre und 100 englische Pfund hatte der Nama-Häuptling Josef Fredericks II. dafür verlangt. Die fünf Meilen Hinterland, die das Gebiet außerdem umfaßte, waren bezogen auf die preußische Meile, die etwa 7,5 Kilometern entspricht. Mit den deutschen Maßen jedoch mußten die Einheimischen in den folgenden Jahrzehnten erst vertraut werden. Das erworbene Gebiet wurde am 24. April 1884 unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt, um die Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns gegen britische Gebietsansprüche zu sichern. Die erste offizielle Flaggenhissung fand am 7. August 1884 unter Beteiligung Josef Fredericks II., der Besatzungen zweier deutscher Kriegsschiffe – der Kreuzerfregatte Leipzig und der Korvette Elisabeth – und Vertretern der Firma Lüderitz am Fort Vogelsang in Lüderitzbucht statt. Die Basis für Deutsch-Südwest war gelegt.

Der Helgoland-Sansibar-Vertrag

Vogelsang schloß weitere Verträge über Gebietserwerbungen ab, und bereits 1885 konnte in Otjimbingwe der erste Verwaltungssitz eingerichtet werden. 1890 vergrößerte sich Deutsch-Südwest um den Caprivizipfel im Nordosten, der den Anschluß zum Sambesi-Fluß herstellte. Dieser Gebietsgewinn beruhte auf dem mit Großbritannien abgeschlossenen Helgoland-Sansibar-Vertrag. Am 18. Oktober des gleichen Jahres wurde auf Betreiben des Hauptmanns Curt von François der Grundstein für die Feste „Groß Windhuk“ gelegt. Die Schutzgebietsverwaltung wurde bald darauf in diese Festung verlegt. Um sie herum entstand im Laufe der kommenden Jahre die spätere Landeshauptstadt Windhuk, die heute offiziell „Windhoek“ heißt.

Deutsch-Südwestafrika war anderthalb mal so groß wie das Deutsche Reich und nur dünn besiedelt: Vor der deutschen Inbesitznahme lebten dort etwa 80.000 Herero, 60.000 Owambo, 35.000 Damara und 20.000 Nama. Bis 1914 hatten sich nahezu 12.000 Deutsche in der Kolonie angesiedelt, mehr als in jedem anderen der deutschen Schutzgebiete. Neben dem Abbau von Diamanten und Kupfer war es insbesondere die Viehzucht, die deutsche Siedler ins Land lockte. Den wirtschaftlichen Aufbau begleitete der Ausbau des Eisenbahnwesens. 2.100 Kilometer waren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges fertiggestellt. In Siedlungszentren wie Windhuk prägten Bauten in deutscher Formensprache die Straßenzüge.

Die einheimischen Stämme waren in ihrer Vielzahl kriegerisch. Seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden wiederholten sich die immer gleichen Auseinandersetzungen um Wasserstellen, Weidegebiete und den Ruhm der Stammeshäuptlinge. Mit der gedeihlichen Entwicklung des Schutzgebietes vertrug sich diese Tradition jedoch nicht, noch viel weniger, als sich sehr bald die Übergriffe auch gegen die Deutschen richteten. Farmen wurden geplündert, Eisenbahnlinien und Handelsstationen überfallen. Die anfangs noch schwachen Schutztruppen reichten nicht aus, Ruhe und Ordnung in dem weitläufigen Gebiet herzustellen. Die Witboois (zu den Nama gehörend), die seit 1888 zunächst im Krieg mit den Hereros standen und dann gegen die Deutschen vorgingen, konnten daher erst 1894 besiegt werden. Mit Kapitän Hendrik Witbooi, ihrem Häuptling, wurde ein Schutzvertrag abgeschlossen, der seinem Stamm ein eigenes Siedlungsgebiet zusicherte. Von 1903/04 bis 1908 zogen sich die Kämpfe gegen die aufständischen Hereros und Namas hin. Generalleutnant Lothar von Trotha führte die Truppen erfolgreich, konnte aber nicht verhindern, daß rund 1.365 deutsche Siedler und Soldaten ihr Leben lassen mußten.

Zeichen des Sieges

Das Reiterdenkmal in Windhuk erinnert an diese Opfer, ist Zeichen des deutschen Sieges und Herrschaftsanspruches, drückt aber auch die Hoffnung auf eine nun endlich befriedete und fruchtbare Entwicklung des Schutzgebietes aus. Allzu kurz jedoch war die Zeit des Friedens. Als der Erste Weltkrieg in Europa ausbrach, überfiel die mit Großbritannien alliierte Südafrikanische Union die deutsche Kolonie. Deutscherseits hatte man auf die Kongoakte von 1885 gehofft, in der sich die europäischen Mächte verpflichtet hatten, einen Krieg nicht auf die Kolonien auszuweiten. Die Schutztruppen waren den Südafrikanern hoffnungslos unterlegen und mußten 1915 die Waffen strecken. Etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung Südwestafrikas wurde bis zum Juli 1919 nach Deutschland zwangsevakuiert. Das Ende von Deutsch-Südwestafrika wurde mit dem Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 besiegelt. Es wurde zum Mandatsgebiet des Völkerbundes erklärt und unter die Verwaltung der Südafrikanischen Union gestellt.

Die verbliebenen Deutschen konnten weiterhin ihr Volkstum pflegen. In den Jahren zwischen den Weltkriegen versammelten sich Vertreter der deutschen Sprachgruppe regelmäßig am Reiterdenkmal in Windhuk, dem – neben dem Soldatenfriedhof am Waterberg – wichtigsten Ort für solche Gedenkrituale. Anlaß für die Feiern waren der jährlich begangene „Volkstrauertag für die Gefallenen des Weltkrieges“, der „Totensonntag“ und der so genannte „Waterbergtag“. Am 25. Jahrestag des „großen Eingeborenenaufstandes“ (1929) oder bei dem im Jahre 1934 durchgeführten „Tag der deutschen Jugend Afrikas“ wurden Kränze niedergelegt. 1969 wurde das Reiterdenkmal vom Südwestafrikanischen Denkmalsrat zum „National Monument“ proklamiert. Eine eher antikolonialistische Interpretation des Reiterdenkmals erfolgte vornehmlich durch Personen aus der Bundesrepublik Deutschland, darunter „Wissenschaftler“ und Journalisten, die meist auch in der Antiapartheid-Bewegung oder in Dritte-Welt-Initiativen engagiert waren.

Kein Denkmalsturz

Nach der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990 kam es nicht zu dem von vielen Weißen befürchteten Denkmalssturz. Die Zerstörung alter kolonialistischer Herrschaftssymbole wurde in dem jungen Staat Namibia bzw. von der neuen SWAPO-Regierung nicht als Voraussetzung für den politischen Neuanfang gesehen. Bis heute haben jedoch zahlreiche Straßenumbenennungen in fast allen Städten Namibias stattgefunden. Witbooi wurde zum Nationalhelden. Präsident Samuel Nujoma bezeichnete Schwarzen-Führer als Helden des Befreiungskampfes, die sich durch ihren Widerstand gegen die deutsche und südafrikanische Fremdherrschaft für Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit eingesetzt hätten.

Die aktuelle Versetzung des Denkmals geschah, um Platz für den Bau eines Museums zur Geschichte der namibischen Unabhängigkeit zu machen. Die nordkoreanischen Architekten konnten die schwarzen Machthaber Namibias offenbar mit der Ästhetik der kommunistischen Architektur überzeugen. Der Bruch, den der Neubau in das historische deutsche Ensemble aus Alter Feste, Christuskirche, Tintenpalast, Parlament und Staatsmuseum (Alte Realschule) hineinbringt, ist offenbar beabsichtigt. Dagegen werden deutsche Kulturdenkmäler aus der Kolonialzeit staatlicherseits dem Verfall preisgegeben.

Peter Umbert

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