„Bessere Kampfmoral“

Deutsch-französischer Krieg 1870/71: Preußische Ulanen überrumpeln französische Vorposten bei Saarbrücken (Aquarell von M. Plinzner)

Deutsch-französischer Krieg 1870/71: Preußische Ulanen überrumpeln französische Vorposten bei Saarbrücken (Aquarell von M. Plinzner)

Olaf Haselhorst im DMZ-Gespräch über den deutsch-französischen Krieg 1870/71

DMZ: Herr Haselhorst, wie kommt es, daß sich Wissenschaftler heutzutage mit dem Deutsch-Französischen Krieg befassen? Ist dazu nicht bereits alles gesagt?

Haselhorst: Der Hauptbeweggrund für unser Projekt „Deutsch-Französischer Krieg“ ist die herausragende Bedeutung, die dieser letzte der Einigungskriege nicht nur für die deutsche, sondern auch für die europäische Geschichte insgesamt hat. Mit der Einigung Deutschlands vollendete sich ein langgehegter Traum der deutschen Nationalbewegung, sie revolutionierte die politischen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts. Mit der Einheit begann der beispiellose politische, kulturelle und wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands, der erst mit dem Ersten Weltkrieg, der „Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts, sein Ende fand. Das allein sollte Motivation genug sein, sich mit diesem historischen Ereignis zu befassen. Ein ­weiterer, wissenschaftshistorischer Grund ist der, daß die letzte Gesamtdarstellung dieses Krieges vor nun bald 40 Jahren vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) verfaßt wurde. In der Zwischenzeit ist eine Reihe von Einzeldarstellungen zu bestimmten Aspekten erschienen. Es wurde also Zeit, eine moderne Studie zum Krieg zu veröffentlichen, die dem aktuellen Forschungsstand Rechnung trägt.

DMZ: Man könnte denken, heute – 140 Jahre danach – interessiert sich kaum mehr jemand für dieses Thema…

Haselhorst: Weit gefehlt. Das gesamte Thema ist spannend, heute wie vor 140 Jahren. Aus heutiger Perspektive kann man die Ursachen für den Sieg gegen die Franzosen auch systematischer analysieren.

DMZ: Was meinen Sie damit genau?

Haselhorst: Die technologische Entwicklung erlebte in der Epoche des deutsch-französischen Krieges geradezu einen Quantensprung – auch in der Rüstungstechnik. Denn im 19. Jahrhundert vollzog sich diesbezüglich eine Revolution, die man mit dem Stichwort „Vom Vorderlader zum Zündnadelgewehr“ gut umschreiben kann. Trotzdem war es uns ein Anliegen zu zeigen, daß technische Neuerungen allein eben nicht unbedingt einen erfolgreichen Kriegsausgang gewährleisten. Ich verweise auf die „Mitrailleuse“ und das „Chassepot-Gewehr“ der Franzosen. Beide Innovationen konnten operative Versäumnisse nicht wettmachen.

DMZ: Was hatte die deutsche Seite voraus?

Haselhorst: Auf dem Gefechtsfeld bewährten sich zum einen die deutsche Auftragstaktik und zweitens der Todesmut der deutschen Soldaten aller Dienstgradgruppen.

DMZ: Welche Themen haben Sie außerdem im Buch?

Haselhorst: Da die Bedeutung der Seestreitkräfte im Krieg selbst nur eine geringe war, haben wir die Entwicklung der preußischen Marine bis 1870/71 mit einem Ausblick auf die Zeit bis 1914 dargestellt. Bedeutsam ist hierbei auch, daß die kolossal überlegene französische Kriegsmarine rein defensiv agierte, sich vor allem mit der Blockade der deutschen Küsten begnügte. Auch hierin äußert sich die Defensivtaktik der Franzosen. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen Aspekten und Folgen des Krieges. Bekannt ist, daß das reiche Frankreich die Reparationen in verhältnismäßig kurzer Zeit bezahlen konnte. Des weiteren haben wir die Themen Erinnerungskultur am Beispiel der deutschen Studenten und die österreichische Sicht auf den Krieg im Buch. Ein großes Kapitel ist dem Kriegsvölkerrecht gewidmet – ein für das 19. Jahrhundert bisher nur spärlich behandeltes Thema. Damit wurde in unserem Werk – bei aller Bescheidenheit – für die historische Entwicklung des Kriegsrechts die grundlegende Untersuchung vorgelegt.

DMZ: Sie erwähnen die Bedeutung von technischen Innovationen und Führungsphilosophien. Könnten Sie das an konkreten Beispielen näher ausführen?

Haselhorst: Wie ich bereits ausführte, hat die Militärtechnik im 19. Jahrhundert einen enormen Entwicklungsschub erfahren. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß vor Trafalgar 1805 noch hölzerne Segel-Linienschiffe mit Vorderladerkanonen aufeinander schossen, während am Ende des Jahrhunderts stark gepanzerte, stählerne Großkampfschiffe mit Dampfantrieb die Kriegsflotten der Welt beherrschten. Die Kavallerie war jahrtausendelang das Rückgrat jeder Armee, ihr Einsatz entschied oft über Sieg oder Niederlage. Im Krieg 1870/71 jedoch wurde dieser Waffengattung das Sterbeglöckchen geläutet, da Reiter­attacken gegen die gesteigerte Waffenwirkung kaum mehr durchschlagende Erfolge verbuchen konnten. Und wenn doch, dann nur unter unverhältnismäßig großen Verlusten. Interessant ist, daß Frankreich – als reichste Nation in Europa – mit einer Reihe von Erfindungen in den Krieg ging, die jedoch nicht hielten, was man sich davon versprochen hatte. Die „Wunderwaffe“ Mitrailleuse, ein Salvengeschütz und Vorläufer des Maschinengewehrs, wirkte sich auf dem Gefechtsfeld kaum aus, da die Waffe aufgrund ihres geringen Streubereichs nur einen sehr engen Wirkungskreis hatte. Auch das Chassepot – an Reichweite und Durchschlagskraft dem preußischen Zündnadelgewehr überlegen – konnte seine Stärken nicht zur Geltung bringen.

DMZ: Warum nicht?

Haselhorst: Grund war die Eigenschaft des sehr harten Rückstoßes, aufgrund dessen dem Schützen bei jedem Schuß eine unangenehme „Backpfeife“ verabreicht wurde. Die französischen Soldaten schossen deshalb mit dieser Waffe in der Regel nur aus der Armbeuge, also letztlich ungezielt. Das hatte zur Folge, daß angreifende deutsche Soldaten zwar relativ früh unter Feuer gerieten, aber Ausfälle kaum zu verzeichnen waren. Die Reaktion auf deutscher Seite darauf war dann nicht, wie man vielleicht denken würde, sich zurückzuziehen in sichere Bereiche, sondern ein Unterlaufen des gegnerischen Feuers, um sich so dem Feind auf eine Entfernung zu nähern, aus der man die Franzosen mit dem eigenen Gewehr unter Beschuß nehmen konnte. Und dann wirkte sich die ausgeprägte deutsche Schießpädagogik aus: Die Soldaten waren ausgebildet, auch treffen zu wollen. Das feindliche Feuer bewirkte, daß festgefügte Kolonnen sich auf dem Gefechtsfeld in kleinere Gruppen auflösten. Diese auf sich allein gestellten Einheiten versuchten dann – unabhängig von Befehlen der Vorgesetzten – im Sinne des allgemeinen Auftrags selbständig tätig zu werden. In diesem Verhalten ist der eigentliche Grund für den deutschen Sieg zu sehen. Während die Franzosen in gut verschanzten Stellungen in der Defensive ausharrten, sich verteidigten und auf Befehle warteten, attackierten die Deutschen selbständig auch ohne Befehl als direkte Reaktion auf eine aktuell sich entwickelnde Lage. Dies hatte zwar verhältnismäßig starke Verluste zur Folge, sicherte den Deutschen aber letztlich den Sieg im Krieg.

DMZ: Welche Verluste hatte die deutsche Seite zu verzeichnen?

Haselhorst: Es fielen unverhältnismäßig viele deutsche Offiziere aus, da von vorne geführt wurde, das heißt, der Offizier ging seiner Kompanie mit gezogenem Säbel, zu Pferd oder zu Fuß voraus. Oft geschah das noch mit klingendem Spiel, also unter Einsatz der Militärkapelle. Das Wesentliche ist, daß die Truppe bei Ausfall des Offiziers weiterhin kampffähig blieb, denn die Führung ging automatisch an Rangniedere über. Nicht selten konnte man beobachten, daß deutsche Gefreite ganze Kompanien führten. Auf französischer Seite kam so etwas meines Wissens nicht vor. Theodor Fontane, der Chronist des Krieges, bringt ein anschauliches Beispiel für Unselbständigkeit und Befehlshörigkeit in der französischen Armee. Er schildert ein Erlebnis, bei dem die Franzosen in einem Gefecht die Inbesitznahme einer strategisch wichtigen Höhe unterließen, weil dazu kein Befehl vorlag. Man fragte „oben“ an, der Brigadechef verwies an den Divisionskommandeur, dieser wiederum wollte ohne Befehl des kommandierenden Generals nichts anordnen. So verstrich wertvolle Zeit, die die Preußen nutzten und den Hügel selbst besetzten, um von dort mit Artillerie die Franzosen unter Feuer zu nehmen. Die Franzosen schätzten den Wert von verschanzten Stellungen ungeheuer hoch ein und zogen damit die falsche Lehre aus der Schlacht von Königgrätz 1866. Sie meinten, aufgrund der enorm gesteigerten Wirkung von Rückladegewehren mit gezogenen Läufen seien Angriffe über freies Gelände gar nicht mehr möglich. Die deutschen Truppen bewiesen ihnen auf den Schlachtfeldern von Wörth, Mars-la-Tour, Sedan und vielen anderen das Gegenteil.

DMZ: Haben wir Sie richtig verstanden, Sie sagen, der Krieg wurde weniger durch die Waffenwirkung, als durch das Handeln der Menschen entschieden?

Haselhorst: So ist es! Die deutschen Armeen waren, was das Material angeht, den Franzosen weder quantitativ noch qualitativ überlegen. Sie waren ihnen in einem wichtigen Punkt überlegen: in der Moral. Der Mensch hat sich als stärker erwiesen als das Material. Dies muß den Blick auf den inneren Zustand der deutschen Truppen lenken. Mit heute gern gebrauchten Totschlagvokabeln wie „Kadavergehorsam“ und „Untertanengeist“ kann man die Motivlage der deutschen Soldaten nicht beschreiben. Kein Mensch stirbt gern, der Tod im Krieg ist auch nicht süß. Wenn sich trotzdem die Truppen in ihrer großen Masse durch ein hohes Maß an Todesbereitschaft auszeichneten, dann ist der Grund dafür in einem Bereich zu suchen, den die Bundeswehr „Innere Führung“ nennt. Ja, die Preußen wurden gut geführt, die Soldaten waren exzellent ausgebildet und wurden gerecht behandelt, sie wurden weder gequält noch schikaniert, kurz: sie fühlten sich wohl. Es gibt keine Angaben über deutsche Überläufer, Drückeberger oder Deserteure. Das bedeutet, daß es dieses „Problem“ nicht in nennenswertem Umfang gegeben hat. Eine zeitgemäße innere Führung hat die Soldaten willig kämpfen lassen. Es kam noch dazu, daß sie sehen konnten, daß ihre Vorgesetzten – in der Regel von Adel – sich nicht schonten und als führende, staatstragende Klasse ihren Untergebenen im Kampf und in den Tod vorangingen. Man wünschte sich auf die Gegenwart übertragen, daß bundesdeutsche Parlamentarier, zum Beispiel in Afghanistan, ebenso vorbildlich handeln würden.

DMZ: Herr Haselhorst, vielen Dank für das Gespräch.

Olaf Haselhorst

Olaf Haselhorst, geboren 1963 in Hamburg. Nach dem Abitur 1982 zwölf Jahre Dienst als Sprechfunkaufklärer bei der Bundesmarine; von 1993 bis 1999 Studium der Geschichte und Slawistik in Hamburg und St. Petersburg, seit 2000 als Übersetzer, Publizist und Verlagslektor tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Politik- und Militärgeschichte, z.B. im Deutschen Soldatenjahrbuch, Militär und Geschichte, Sezession. 2009 Herausgabe (gemeinsam mit Jan Ganschow und Maik Ohnezeit) des Buches Der Deutsch-Französische Krieg. Vorgeschichte – Verlauf – Folgen, Graz 2009

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Der Deutsch-Französische Krieg

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